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Wegen Russland-Sanktionen "Die Hälfte der Kunden waren Oligarchen" – Deutsche Megajacht-Werften bangen um Aufträge

Die Jacht "Scheherazade" im toskanischen Hafen von Marina di Carrara. Ihr Besitzer soll Wladimir Putin sein. 
Die Jacht "Scheherazade" im toskanischen Hafen von Marina di Carrara. Ihr Besitzer soll Wladimir Putin sein. 
© FEDERICO SCOPPA / AFP
Es gibt viele russische Oligarchen, die sich aus Prestige teure Megajachten leisten. Viele dieser Schiffe haben eins gemeinsam: Sie stammen aus deutschen Werften. Doch nun sind ihre Besitzer sanktioniert und die deutsche Jachtbranche hat ein Problem.

25-Meter-Pools, Kinos, Saunen und eigene U-Boote auf einem Boot – was für die meisten Menschen wie aus einem Film klingt, ist für die Unternehmerfamilie Lürssen aus Bremen Alltag. Über ihre Unternehmensgruppe betreiben sie einige der erfolgreichsten Jachtwerften weltweit. Sie bauen Schiffe ab 100 Meter Länge aufwärts. Die Preisspanne? So richtig los geht es ab etwa 200 Millionen Euro.

Leisten können sich sein solches Flaggschiff nur wenige Menschen auf der Welt. Die Kunden der Lürssens sind deshalb Superreiche – königliche Familien aus Saudi-Arabien und US-amerikanische Unternehmer zum Beispiel. In den letzten Jahren haben die Lürssens allerdings auch mehrere Jachten an russische Oligarchen verkauft – doch seit dem Krieg gegen die Ukraine wird das zunehmend schwieriger.

Lürssen baute mindestens sieben Oligarchen-Yachten

Mindestens sieben solcher Schiffe hat die Familie Lürssen seit 2008 in ihren Werften bauen lassen. Die Auftragssumme beträgt pro Yacht meist mehrere hundert Millionen Euro. Damit sind die Lürssens nicht allein – für die gesamte deutsche Jachtbranche waren reiche Russen stets gute Kunden. "Ich würde schätzen, dass mindestens die Hälfte der Käufer von deutschen Megajachten in dieser Größenordnung Russen sind", sagt Claus-Ehlert Meyer. Er ist Geschäftsführer des Deutschen Boots- und Schiffbauerverbands und beobachtet seit längerem eine Beunruhigung in der Branche.

"Ich weiß von einem Zulieferer, der Zubehör für ein Schiff gebaut hat im Wert von einer halbe Millionen Euro. Das liegt jetzt bei ihm rum und kann nicht eingebaut werden", erzählt Meyer. Genauer will er sich zu dem Fall nicht äußern, aber klar ist, dass es sich um den Bau einer Jacht für einen sanktionierten Geschäftsmann handelt. Dieser Bau liegt aktuell auf Eis – so wie auch andere Projekte, die durch EU-Sanktionen gegen die Kunden gestoppt wurden.

Werften verdienten auch an Wartungen – das könnte nun vorbei sein

Vor kurzem setzten die deutschen Behörden die Megajacht "Dilbar", die dem kremlnahen russischen Milliardär Alischer Usmanow zugeordnet wird, in Hamburg fest. Hier sollte das Schiff in der auch zur Familie Lürssen gehörenden Werft Blohm und Voss umfangreich gewartet werden. Doch dieser Auftrag fällt nun weg, da der sanktionierte russische Geschäftsmann kein Geld mehr in die EU transferieren kann.

Nun liegt das Schiff in einem Dock von Blohm und Voss. Die Instandhaltung des Schiffs kostet die Werft täglich einen fünfstelligen Betrag – den die Behörden nicht übernehmen.

DBSV-Geschäftsführer Meyer kennt diese Probleme und weiß, dass die Unternehmer durch die Sanktionen unter Druck geraten. "Die deutsche Yachtbranche ist zwar relativ breit aufgestellt, da die Werften zum Beispiel auch Kriegsschiffe und andere große Schiffen bauen oder beliefern. Trotzdem hoffen viele Unternehmer natürlich, in Zukunft wieder mit den sanktionierten Personen arbeiten zu können", sagt er. Transparent war die Auftragslage bei Megajachten allerdings auch schon vor dem Ukrainekrieg nicht.

Werften sind sehr diskret – aber halten sich an Sanktionen

"Wir erleben oft, dass die Werften sich sehr bedeckt halten. Die Kunden verlangen absolute Diskretion", sagt der Geschäftsführer des DBSV. Deswegen bauten die Werften die Jachten teilweise unter Geheimhaltung und geben sie bei den deutschen Behörden nicht als Jachten, sondern "Spezialschiffe" an. Dennoch geht Meyer davon aus, dass die Werften sich an die EU-Sanktionen halten werden.

Dies bestätigt auch ein Sprecher des Werftenverbundes Lürssen: "Im Falle sanktionierter Jachten arbeiten wir eng mit den zuständigen Behörden zusammen und befolgen sämtliche Sanktionsregularien", teilt er auf stern-Anfrage mit. Darüber hinaus könne man leider keine Auskünfte über die Geschäfte mit Megajachten geben.

Ungewissheit, wie es mit Oligarchen-Jachten weitergeht

Wie es mit der festgesetzten "Dilbar" weitergeht, darüber kann auch Meyer nur spekulieren. Aktuell blockiert das Schiff weiterhin ein Dock bei Blohm und Voss. Auf stern-Anfrage antwortete ein Sprecher der Stadt: "Aktuell zahlt Blohm und Voss die Instandhaltung der 'Dilbar', sie bleibt im Dock und ist manövrierunfähig", sagt Julia Offen. Damit sei die Stadt zufrieden, da die Sanktionsbeschränkungen eingehalten würden.

Sollte Blohm und Voss die Jacht nicht mehr in ihrem Dock liegen haben wollen, müsste eine neue Möglichkeit gefunden werden. Eine rechtliche Grundlage für eine Beschlagnahmung gebe es aktuell nicht.


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