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Trendforscher Matthias Horx: "Exhibitionismus langweilt auf Dauer"

Matthias Horx ist einer der umtriebigsten Trendforscher des Landes. stern.de sprach mit dem 52-Jährigen über Selbstdarstellung, sinnvolle Technik, Retro-Trends und die Zukunft des Internets - während er im Online-Rollenspiel "World of Warcraft" Schlachten schlug.

Herr Horx, Sie sagten einmal, den Deutschen fehle die emotionale Bindung zum Web, und sie seien damit überfordert. Warum?

Erst mal muss man sagen, dass nur etwa 30 Prozent der Bevölkerung wirklich aktiv das Internet in all seinen Dimensionen und Möglichkeiten nutzen. Ein weiteres Drittel verweigert sich komplett dem Netz. Es fehlt vor allem an "digitaler Bildung". Wer das Netz sinnvoll nutzt und nicht nur auf der Jagd nach Klingeltönen ist, muss über eine gewisse "Netzwerkintelligenz" verfügen.

Sind die Deutschen zu doof fürs Internet?

Das glaube ich nicht, sie sind nur weniger eingebunden in die aktive Mediennutzung als in anderen Ländern. Im Gegensatz zu den USA oder Skandinavien, wo der PC in Ganztagsschulen zum Alltag gehört. Das Internet ist bei uns genau deshalb noch kein Massenmedium - in 20 Jahren haben wir vielleicht 70 Prozent aktive Nutzer. Man merkt bereits jetzt, dass sich die ältere Generation verstärkt für neue Technologien interessiert.

Warum holt ausgerechnet die Gruppe auf, die sich das Know-how hart erkämpfen muss?

Die ältere Generation besitzt größere Zeitressourcen, zudem hat sich die Technik teilweise vereinfacht. Der Zugang ist natürlich immer von smarter Technologie abhängig, da ist das iPhone ein Paradebeispiel. Leider haben wir bislang keine besonderen "smarten" Formen von Computer- und Kommunikationstechnologie.

Sind unsere technischen Produkte zu kompliziert?

Die heutigen Designs stammen im Kern noch aus den 80er Jahren, als man die Menüs und die Maussteuerung erfand. Die Internetwelt ist noch nicht so servicefreundlich wie etwa die Autowelt. Bis das Auto ein Massenprodukt wurde, vergingen immerhin über 50 Jahre. Sieht man sich die technische Evolution an, dann benötigen fast alle Technologien 100 Jahre Demokratisierungszeit, bis sie zu einer "reifen Massenanwendung" taugen

Durch das Telefon ist zu hören, dass plötzlich Hektik im Hintergrund aufkommt. Aus dem Hotelzimmer von Matthias Horx sind seltsame Geräusche zu vernehmen…

Bitte rufen Sie mich in fünf Minuten noch mal zurück. Klick. Aufgelegt.

Fünf Minuten später. Ich war gerade etwas abgelenkt, ich musste mal kurz plündern. Haben Sie schon mal "World Of Warcraft" gespielt?

Nein.

"World of Warcraft" ist das größte Internet-Rollenspiel der Welt, neun Millionen Spieler aus 38 Ländern der Erde. Ich spiele gerade mit Niederländern und Tschechen auf einem europäischen Server, und wir befinden uns in den härtesten Abgründen, einem besonders anspruchsvollen Abschnitt. Ich betreibe dort so etwas wie "Cyber-Ethnologie", was neben Erkenntnissen auch Spaß bringt. Mich interessiert, wie sich Menschen in virtuellen Welten verhalten, organisieren und verändern.

Lernt man durch "World Of Warcraft" auch etwas?

Aber ja, meine Kinder können zum Beispiel mit zehn Fingern rasend schnell Englisch schreiben - das haben sie im Spiel gelernt. Sie trainieren soziale Kooperation, lernen unglaublich viel über Handel, Wandel und Psychologie. PC-Games sind eben nicht nur Teufelswerk, mit sinnvollen Strategiespielen lässt sich gut lernen. Mir geht es um eine offene Auseinandersetzung mit digitalen Medien, die bei uns nicht ausreichend stattfindet. Wenn ich vor Lehrern spreche, dann sperren sich 50 Prozent der Anwesenden gegen die thematische Auseinandersetzung. Lieber beschwört man den Schrecken der neuen Technologie und pflegt die Klischees der kinderverderbenden Killerspiele.

Sie prophezeien eine Rückkehr der langsameren Kommunikationsmittel. Geben wir bald wieder Rauchzeichen?

Manche Massenmedien zerstören sich derzeit selbst. Wenn das Niveau, wie etwa im Fernsehen, ständig sinkt, wenn die Wahrnehmung durch lauter Clips und Bits und Bytes ständig fragmentiert wird, dann sind wieder reflexive Medien gefragt - zum Beispiel Zeitungen. Aber das eine schließt das andere nicht aus. Wir nutzen halt alle uns verfügbaren Quellen.

Nennen Sie mal ein durchdachtes Technikprodukt.

Das iPhone wird mit seiner klar strukturierten Bedienung die Nutzer zum spielerischen Umgang mit Technik inspirieren. Normalerweise müssen wir uns den Nutzwert durch digitale Technologien hart erarbeiten. Nicht so beim iPhone, es hat einen Vorreitercharakter für eine neue "Feel-Technologie": Technik zum Fühlen.

Übertreiben Sie nicht?

Das iPhone transportiert eine erlösende Botschaft, die man auf den kurzen Satz bringen kann: "Jemand denkt an dich"! Die Entwickler haben intensiv darüber nachgedacht, wie Nutzer, Geräte vom Gefühl her, instinktiv benutzen. Microsoft wird von so vielen Menschen gehasst, weil diese Firma lange Zeit eine "Kultur des Standards" hatte - um die Nutzer und Konsumenten ging es am Rande, im Kern stand eher die Durchsetzung eines technischen Standards, und das spürt man noch heute in der Software. Apple reagiert auf die Wünsche der Kunden wie kein anderes Unternehmen und "erlöst" damit die Magie, die in den digitalen Dingen steckt.

Matthias Horx wirkt wieder etwas unaufmerksam. Die Antworten kommen langsamer, zwischendurch dringt Gebrüll ins Telefon.

So, es gibt jetzt eine kleine Schlacht. Ich melde mich bei Ihnen in fünf Minuten.

Kurze Zeit später klingelt das Telefon.

Entschuldigung, aber ich hatte mit meinen Mitstreitern mal wieder einen wichtigen Konflikt zu lösen.

Kein Problem. Sie haben mal über digitale Klassenlosigkeit gesprochen. Schafft ausgerechnet das Web , was der Kommunismus nicht erreichen konnte?

Es schafft auf der Grundlage der Individualkultur gute Zugangsmöglichkeiten. Jeder kann ein Videoblog ohne große Investitionen starten und damit zugleich viele Leute erreichen. Jeder kann seine "erweiterten Wahlfamilien" sehr viel besser organisieren, auch mit fernen Bekannten, und Verwandten und Kollegen Kontakt halten und Interessen teilen. Aber wir sollten uns nicht täuschen lassen: Die Ungleichheit wird nach wie vor durch den Bildungsgrad und die erlernten Kulturtechniken definiert. Wem die Kulturtechniken der Netzwerkgesellschaft fehlen, dem nützt auch ein toller Computer nichts. Auch im Internet kann man "Stammtisch" machen, wie man an den vielen Nörgel-Blogs sehen kann.

Ist die Regionalisierung im Web ein Trend der Zukunft?

Alles im Netz wird in die alltägliche Umgebung eingebaut. Für Gemeindearbeit oder Stadteilentwicklung sind regionale Webseiten ein wichtiges Instrument. Man möchte sich koordinieren und mit anderen Menschen austauschen, und das am liebsten in der unmittelbaren Nachbarschaft. Schließlich ist das Netz zentral und dezentral zugleich. Wie das Leben.

Welche wegweisenden Trends prophezeien Sie uns denn für 2008?

Wenn Sie sich mit seriöser Trendforschung ein wenig auseinandersetzen, dann wissen Sie, dass wir grundsätzlich keine Trends prophezeien. Trends sind Veränderungsprozesse in der Gegenwart. Man kann sie diagnostizieren, benennen und analysieren - mit Prophezeiung hat das nichts zu tun. Wenn wir einmal im Bereich der Technik bleiben: Es beginnt jetzt eine Ära des "Smart Tech", in der neue Symbiosen zwischen technischer und humaner, virtueller und realer Umwelt entstehen. In wenigen Jahren werden wir alle einen Avatar haben, eine Zweitidentität im Netz, wie ich heute in "World of Warcraft". Aber dieser Avatar wird dann nicht nur zum Spielen da sein, er könnte unser Botschafter und Stellvertreter werden, zum Beispiel einkaufen oder recherchieren gehen.

Bei der Gestaltung von Autos lässt sich ein Retro-Trend erkennen. Wird endlich Schönheit im Alltag dominieren?

Es sind die Formen der Vergangenheit, die einen nostalgischen Effekt auslösen und uns an Gewohntes erinnern - aber die Technik dahinter ist hochmodern. Bald werden wir vielleicht 50er-Jahre-Porsches mit Biogasantrieb fahren. Auf jeden Fall werden die Schnittstellen zwischen Mensch und Technik eleganter werden. Digitales wird haptisch und umgekehrt. "Mäuseklaviere" und winzige Tastaturen, verwirrende Menüs und so weiter gehören dann der Vergangenheit an. Ebenso wie Handytarife, die keiner versteht, und Callcenter, die unerreichbar bleiben.

Am liebsten treiben sich Menschen in sozialen Netzwerken und auf Videoportalen herum. Sie behaupten recht ketzerisch, Youtube und Co. würden überschätzt. Warum?

Sich darzustellen ist natürlich wichtig, aber zu viel Exhibitionismus langweilt auf Dauer die Community. Siehe Big Brother. Mit 30 Jahren auf Facebook noch ein Profil zu haben, ist absolut peinlich. Dahinter steckt kein stabiles Bedürfnis, sondern eine momentane Befindlichkeit, das Bedürfnis, tausend neue Leute kennenzulernen, weil man berufliche oder erotische Chancen nutzen will. Aber wollen wir das wirklich immer? Der Charme des Bloggens verfliegt ebenfalls: viele Firmen und Medienkonzerne nutzen "Pseudo-Blogging" inzwischen für nervige Werbezwecke, und all diese Plattformen funktionieren eigentlich nicht. Je mehr Unsinn im Web passiert, desto mehr sehnen wir uns nach sinnvollen Inhalten.

Es muss doch etwas geben, das Sie in der Zukunft noch begeistern kann?

Virtuelle digitale Welten! Und da sind wir wieder bei "World of Warcraft". "Second Life" war nur ein mäßiger Prototyp. Diese Welt muss scheitern, weil es dort keine richtige Handlung für Spieler gibt, man langweilt sich digital - und wird allenfalls virtuell belästigt und abgezockt. In der digitalen Welt gilt das, was in unserer Welt auch gilt: Wer die beste Story erzählt, gewinnt. Simulationswelten werden der soziokulturelle Megatrend für die Zukunft. Wir werden unser soziales Leben in verschiedenen "Sphären" verbringen, ein ganz normales neben einem sehr abenteuerlichen Leben, und bald auch in der Virtualität echtes Geld verdienen. Das ist im Prinzip gar nicht so neu. Menschen haben immer schon in verschiedenen Realitäten gleichzeitig gelebt. Man denke an die Funktion der Religionen oder auch des Romans im 18. Jahrhundert, der damals als "verderbliches Phantasiewerkzeug" galt. Im digitalen Zeitalter können wir die Simulationen aber viel lebendiger gestalten. In gewisser Weise sind Simulationswelten die Kathedralen der Zukunft, nur dass die Engel, Monster und Wesen nun antworten und mit uns auf vielfältige Weise interagieren.

Wird das Leben mit der Technik in der Zukunft für uns denn einfacher sein?

Die technische Evolution verläuft wie die biologische: Phasen steigender Komplexität werden durch Vereinfachungs-Phasen unterbrochen, und in den Zwischenphasen entsteht jede Menge Turbulenz, Vielfalt, kreatives Chaos. Simpsons-Erfinder Matt Groening sagte einmal: "Früher haben wir gedacht, in der Zukunft würden alle in gleichen Stretch-Uniformen herumlaufen. Heute wissen wir, dass eine Menge loser Kabel aus den Wänden baumeln werden!"

Interview: Thomas Soltau
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