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Android-Smartphone Xiaomi 12 Pro im Test: Ein rasanter iPhone-Klon mit angezogener Handbremse

Xiaomi 12 Pro Vorderseite
An das längliche Format muss man sich gewöhnen: Das Xiaomi 12 Pro setzt auf ein Display mit 6,73 Zoll und einem Seitenverhältnis von 20:9. Die Auflösung beträgt 3.200 x 1.440 Pixel.
© stern / Christian Hensen
Auch als iPhone-Nutzer findet man sich beim Xiaomi 12 Pro sofort zurecht – denn die hauseigene Android-Variante "Miui" ähnelt dem Apple-System sehr. In vielen anderen Disziplinen kommt Xiaomi aber nicht an die Spitze heran.

Die Zeiten, in denen Android-Smartphones den Ruf als günstige Alternative zur teuren Apple-Welt hatten, sind lange vorbei. Seit Jahren bringen Hersteller wie Samsung, Huawei, Oppo und auch Xiaomi Premium-Geräte auf den Markt, die zumindest für wenige Wochen ihren angepeilten Verkaufspreis halten und gerne vierstellig kosten. Das Xiaomi 12 Pro ist eines davon – und muss sich nun im Test beweisen.

Das Versprechen ist groß: Das Xiaomi 12 Pro soll ein echtes Flaggschiff sein – der Preis unterstreicht das, auch wenn von der UVP in Höhe von 1050 Euro "nur" noch 880 Euro übrig sind. Dafür wird auf dem Papier viel geboten: Neuester Prozessor, viel Arbeitsspeicher, viele Kameras und ein großer Akku. Das alles verpackt in schickes Gorilla Glas der Version "Victus" und ein mattes Gehäuse.

Das Display ist ein echter Hingucker

Das gestochen scharfe Display misst 6,73 Zoll, löst Inhalte mit 3200 x 1440 Pixeln (WQHD+) auf und unterstützt Bildwiederholraten bis 120 Hertz. Das sorgt nicht nur für eine wirklich tolle und farbenfrohe Darstellung, sondern auch flimmerfreie Wiedergabe von Spielen, Filmen und Webseiten. Mit einer Helligkeit von 1000 Nits erreicht Xiaomi das aktuelle Topniveau, steht dem iPhone 13 Pro Max in nichts nach. Einzig das Seitenverhältnis kann irritieren. Xiaomi setzt beim 12 Pro auf das Format 20:9, was sich merklich länglicher anfühlt, als ein iPhone 13 Pro Max im Format 19,5:9.

In der Hand liegt das Xiaomi 12 Pro dennoch prima, besonders die matte Rückseite fühlt sich angenehm an. Das abgerundete Gehäuse ist gelungen und stört nicht so, wie beim Samsung S22 Ultra im Test. Entsperren lässt sich das Gerät wahlweise per Gesichtserkennung oder Fingerabdruck. Der Sensor für letzteres liegt unter dem Display, funktionierte im Test tadellos.

Anders die Displayfolie, die Xiaomi ab Werk spendiert. Wer die Folie auf dem Gerät lässt, findet nicht nur sehr schnell Kratzer darin, sondern erweitert das Display auch um eine unschöne Kante ringsum. Also weg damit.

Xiaomi 12 Pro Rückseite
Die mattierte Rückseite des Xiaomi 12 Pro fühlt sich gut an und sieht schick aus. Anders als beim Samsung S22 handelt es sich nicht um Glas.
© stern / Christian Hensen

Heiße Hardware erster Güte

Die tolle Darstellung der Inhalte läuft auch deshalb so flüssig, da Xiaomi nicht an Hardware gespart hat. Das Testgerät bietet 256 Gigabyte schnellen Speicherplatz, 12 Gigabyte Arbeitsspeicher und den Snapdragon 8 Gen 1, der momentan schnellste Prozessor für Android-Smartphones am Markt. In Zahlen bedeutet das: 3360 Punkte bei Geekbench 5, 9923 Punkte bei 3D Mark. 

Zum Vergleich: Das iPhone 13 Pro Max bringt es auf 4804 Punkte bei Geekbench, 8977 bei 3D Mark. Das S22 Ultra erreicht 3372 Punkte im Geekbench, 3D Mark quittiert 6.836 Zähler. Das Xiaomi 12 Pro hat also durchaus viel zu bieten und zeigt im Alltag zunächst keine Schwächen, egal ob Film, Spiel oder einfach nur Whatsapp. 

Wechselt man häufig zwischen normalen und aufwändigen Anwendungen, wird das 12 Pro maximal lauwarm und bietet Leistung satt. Lässt man es aber drauf ankommen und spielt ein grafisch opulentes Spiel, offenbart sich ein Problem mit dem Snapdragon 8 Gen 1 – denn das Smartphone wird binnen weniger Minuten immer heißer, was nach kurzer Zeit in einer deutlichen Drosselung resultiert. Ablesbar wird das zum Beispiel im Dauertest von 3D Mark "Wildfire", bei dem sich die Leistung im Test nach nur 20 Minuten fast halbierte. Hinzu kommt, dass der Prozessor bei starker Beanspruchung die Batterie immens belastet und den Verbrauch um ein Vielfaches erhöht.

Immerhin: Tests von Import-Geräten sprachen von Abbrüchen der Spiele und dringend nötigen Pausen zur Abkühlung, die das Smartphone mit einer Fehlermeldung mitten im Geschehen ankündigte. Im Test gelang es auch mit bösem Willen nicht, dieses Schreckensszenario zu reproduzieren.  

Schnellladen statt lange durchhalten

Die enthaltenen 4600 Milliamperestunden der Batterie reichen bei normaler Nutzung in Summe für gute acht Stunden, iPhone 13 Pro Max oder Samsung S22 Ultra halten deutlich länger durch. Aber: Xiaomi gleicht das durch eine irrwitzige Ladegeschwindigkeit aus. Das Gerät lädt am mitgelieferten Netzteil mit 120 Watt und braucht für eine vollständige Aufladung keine halbe Stunde.

Auch kabellos geht es zur Sache, das Xiaomi zieht bei Kontakt mit einer Ladestation, wenn möglich, 50 Watt. Hier haben Apple und Samsung nicht nur in Sachen Lieferumfang das Nachsehen, sondern auch in puncto Leistung.

Theoretisch bietet das 12 Pro auch das sogenannte Reverse Wireless Charging, ist also in der Lage, anderen Geräte als kabellose Ladestation zu dienen. Aber: Im Test schlug das im Zusammenhang mit einem iPhone 12 oft fehl, mit Airpods hingegen klappte es. Wirklich zuverlässig zeigte sich dieser Notanker für Geräte mit niedrigem Ladezustand insgesamt nicht.

Die Bilder muss man mögen

Auf die Kameras ist Xiaomi offenbar besonders stolz, wenn man sich die Werbebroschüre so anschaut. Gleich drei Linsen bietet das 12 Pro auf der Rückseite, eine Selfie-Kamera in der winzigen Aussparung am oberen Displayrand ist ebenfalls dabei. Hinten bietet jede Knipse 50 Megapixel, vorne arbeitet die Kamera mit 34 Megapixeln. Die Bilder beider Kameras können sich durchaus sehen lassen, zeigen aber im Vergleich zur Kamera des iPhone 13 Pro Max deutliche Unterschiede, die man auch als Schwächen interpretieren könnte. Was genau im Test störend auffiel, lesen Sie in der Fotostrecke.

Die Bandbereite möglicher Videoformate ist riesig, das Xiaomi 12 Pro nimmt maximal 8K-Videos (7.680 x 4.320) mit 24 Bildern pro Sekunde auf. Im Test arbeitete die Bildstabilisierung verlässlich, die Qualität der Videos war gut. Schwächen zeigte das Smartphone allerdings bei deren Übertragung auf einen Rechner, denn das Xiaomi setzt trotz USB-C-Anschluss auf den USB-2-Standard, ist also bei besonders großen Dateien quälend langsam unterwegs. Da es keinen Schacht für SD-Karten gibt, kann diese merkwürdige Eigenheit im Alltag durchaus stören.

Xiaomi 12 Pro Kamera
Die rückseitige Kamera besteht aus drei Linsen – alle arbeiten mit 50 Megapixeln. Mit dabei: Weitwinkelkamera, Ultra-Weitwinkelkamera und Telekamera. Was fehlt? Die Makro-Linse.
© stern / Christian Hensen

Längere Mängelliste

Probleme könnte es auch bei der sonstigen Nicht-Ausstattung geben. Denn dem Xiaomi 12 Pro fehlt die Möglichkeit, eine eSIM anzumelden, ebenso verzichtete der Hersteller auf eine Schutzklassen-Zertifizierung. Bedeutet: Offiziell ist das Xiaomi weder wasser-, noch staubdicht. In Zeiten von Smartphones, für die auch ein Tauchgang bei seichtem Wasser kein Problem ist, völlig unverständlich. Möchte man zwei Rufnummern nutzen, braucht man für jeden Provider eine eigene Nano-SIM. Auf der Haben-Seite: Das Gerät unterstützt alle gängigen Funktechnologien, darunter auch 5G.

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Fazit: Zu viel eingespart

Das Xiaomi 12 Pro ist kein schlechtes Smartphone – aber auch kein herausragendes Gerät. Während vor allem das Display und das iOS-ähnliche "Miui" durchaus gefallen, stechen Laufzeit, Kameras kaum aus der Masse hervor, schon gar nicht im Premium-Bereich. Punkte holt Xiaomi vor allem mit dem Ladegerät und dem damit verbundenen Schnellladen – beides ist derzeit konkurrenzlos.

Echte Schwächen leistet sich Xiaomi bei der fehlenden Schutzklasse, dem langsamen USB-2-Anschluss und der fehlenden eSIM-Schnittstelle. Leider auch beim Prozessor. Obwohl Xiaomi mit dem Snapdragon 8 Gen 1 das Beste vom Besten verbaut, stellt sich der Chip bei Dauerbeanspruchung als echter Hitzkopf heraus, dessen Kühlung Xiaomi trotz "LiquidCool-Technologie" nicht ausreichend kontert und daher offenbar zur Drosselung greifen muss.

Das Gerät lohnt sich für alle Android-Nutzer, die sich von Apple lösen möchten und ein Gerät suchen, dessen Android-Version sich stark an dem iPhone-System orientiert. Die Leistungen sind befriedigend bis gut, durch den Alltag kommt man mit dem 12 Pro in nahezu allen Belangen problemlos.

Geht es aber um das beste Gerät fürs Geld und soll es Android sein, lohnt sich ein Blick auf das Samsung S22 Plus, welches aktuell sogar etwas günstiger ist, als das Xiaomi 12 Pro. Auch das Google Pixel 6 wäre eine gute Alternative. Das beste Smartphone um 900 Euro gibt's allerdings bei Apple, beim Kauf eines iPhone 13 sparen Sie sogar Geld, für das iPhone 13 Pro sind es rund 100 Euro mehr.

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