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Beerdigung: ...und sie mögen ruhen in Frieden

Jedes Jahr sterben in Deutschland rund 830.000 Menschen, und jeder von ihnen unterliegt dem "Friedhofszwang" - theoretisch. Tatsächlich bestatten wir die Asche unserer Lieben immer öfter zu Wasser, zu Land, im Wohnzimmer oder im Medaillon...

Von Rupp Doinet

Es ist einer dieser Tage, so schön wie aus einem Heidi-Film. Der Enzian blüht, das Matterhorn glüht in der Ferne und einer, der aussieht wie der Alm-Öhi, steht auf einem steilen Bergeshang und gräbt ein Loch. Er trägt einen grobmaschigen Janker, Bundhosen, und er hat einen grauen, kurzen Bart. Zweimal stößt er seinen Spaten in die Erde. Dann bückt er sich, kippt Staub in die flache Grube und sagt: "Auch du, lieber Horst, ruhe sanft auf dieser schönen Alm."

Dietmar ist jetzt Naturbestatter

Horst aus Rosenheim war früher nie auf dieser Alm. Aber er liebte die Natur. Seine Kinder haben die Urne mit der Asche ihres toten Vaters aus Grevenbroich am Rhein an Dietmar Kapelle geschickt. Der 62-Jährige war früher mal Verkaufsleiter eines Unternehmens für Hygieneartikel, ist jetzt eigentlich Rentner, viel lieber aber "Naturbestatter", wie er sagt. Auf seinem Altersruhesitz im Wallis in der Schweiz entdeckte Kapelle vor drei Jahren eine Marktlücke. Hier, in den Schweizer Bergen, in 1450 Meter Höhe, gibt es im Gegensatz zu Deutschland keinen Friedhofszwang für die Asche verstorbener Menschen. Und "schöner als im Reihengrab", sagt er, sei es auch.

Vier Almwiesen und zwei Waldstücke hat Kapelle inzwischen in den Bergen gekauft. Wo sich vor ein paar Jahren noch Kühe an Felsen schubberten, liegt heute die Asche von 1500 Toten. Fast alle kamen in Urnen, verschickt von Bestattungsinstituten, aus Deutschland, nun sind sie irgendwo auf der Alm begraben. Es gibt in dieser "Oase der Ewigkeit", wie Kapelles Friedhof im Internet heißt, keine Kreuze, Kränze, Kerzen, nur Natur, aber die im Überfluss, atemberaubend und kostenlos.

Bis zu 50 Urnen hat Kapelle manchmal im Kofferraum seines Wagens, wenn er hinauf zu seinen Almen fährt, und einen stabilen Schraubenzieher, um die Urnen aufzustemmen. Es darf nämlich in der Schweiz nur die Asche bestattet werden und der sogenannte Urnenstein. Das ist eine kleine Keramikplatte mit einer Nummer, die vor der Einäscherung auf den Sarg und später in die Urne gelegt wird.

Zwischenstopp: Grab ausheben

Jeder Verstorbene, dessen Asche in den Wind oder die Grasnarbe gestreut wird, bekommt einen kleinen verbalen Segensgruß mit. Meistens ist der Naturbestatter allein mit seinen Toten - abgesehen von Kundschaft, die gerade ihr eigenes Grab schaufelt. Heute sind das Gerard, 70, und Juliane, 81, aus Bad Krozingen. Sie haben ihr Grab bereits bezahlt und einen Wacholderstrauch mitgebracht, unter dem sie einst liegen wollen. Den pflanzen sie nun ein, bevor sie sich auf ihre Mountainbikes schwingen und ihre Bergtour durch die Schweiz fortsetzen.

An manchen Tagen kommen auch Verwandte der Toten zu der Beerdigung. Dann gibt es eine schlichte, innige Zeremonie ohne große Tränen. Denn die Trauerarbeit ist zu der Zeit, oft viele Monate nach dem Sterben, meist schon getan, das Erbe verteilt. Später, am Auto, übergibt Kapelle die Rechnung. 430,40 Euro inklusive Mehrwertsteuer für ein Grab in der Grasnarbe. Unter einem Edelweiß ist es 10,76 Euro teurer. Wer ein Felsengrab will, mit einer kleinen Messingplakette und den Initialen seines Namens darauf, zahlt bis zu 5000 Euro.

Manche holen die Urnen zurück

Manchmal kommen Angehörige auch nur kurz vorbei, um die Urne ihrer Liebsten aus der Schweiz wieder zurück nach Deutschland zu bringen. Das kostet nichts extra, aber dafür, so argumentiert der Bestatter, kann einem keine deutsche Behörde die Urne wieder abnehmen. Denn: Schließlich gibt es für sie eine bezahlte Grabstätte, und kein Gesetz schreibt vor, in welcher Zeitspanne eine Urne beigesetzt werden muss. Für Annette, 48, aus Magstadt, bedeutet das eine gute Nachricht. Sie ist in das Wallis gefahren, um die Urne mit der Asche ihres verstorbenen Vaters abzuholen. Der hatte sich gewünscht, auf Mallorca in Weißwein gelöst und dem Meer übergeben zu werden. Und so soll es nun sein.

Um die 830.000 Menschen sterben jedes Jahr in Deutschland. Und jeder Tote, egal ob als Leiche im Sarg oder als Asche in der Urne, unterliegt dem "Friedhofszwang", muss also auf einem Friedhof bestattet werden. So jedenfalls bestimmt es das noch von Adolf Hitler unterzeichnete Feuerbestattungsgesetz aus dem Jahre 1934. Ausnahmen gibt es nur auf Antrag bei Seebestattungen - und, seit einiger Zeit, bei den "Ruheforsten" und "Friedwäldern", die als Alternative zu den gewohnten Friedhöfen mühsam und gegen den Widerstand der Friedhofsgärtner, Steinmetze und Kommunen, die um ihre Einnahmen fürchten, genehmigt werden.

Das alte Gesetz ist Theorie. In der Praxis bestatten die Deutschen die Asche ihrer lieben Toten zu Lande, zu Wasser und in der Luft, manchmal sogar im eigenen Wohnzimmer, oder in Medaillons, die sie über dem Herzen tragen. Meist profitieren sie dabei von den liberalen Bestimmungen im Ausland. In Holland etwa wird ihnen die Urne nach der Einäscherung ohne große Probleme übergeben, die Asche auf Wunsch in Schmuck abgefüllt. Allerdings haben die trauernden Hinterbliebenen damit noch keine Grabstätte erworben, was in Deutschland zu Problemen führen könnte. Deshalb haben holländische Krematorien manchmal auch Tarnurnen im Angebot. Die sehen aus wie Bücher, sogar "Goethe" oder "Shakespeare" steht drauf. Beliebt ist auch der Frauenakt aus Glas mit einer großen roten Rose in der Hand. In die kommt dann die Asche, und wenn Urne und Urnenstein entsorgt sind, kann kein Fremder ermitteln, woher die Asche kommt.

Weit über 1000 Urnen, so schätzt die Interessengemeinschaft www.postmortal.de, stehen inzwischen in nordrhein-westfälischen Wohnzimmern. Manche kamen auf dem kürzesten Wege dahin. In der TV-Sendung "Domian" bekannte ein nächtlicher Anrufer bereits vor einigen Jahren, er hätte auf dem Friedhof "mit Zustimmung meiner Mutter und den Geschwistern heimlich die Urne mit der Asche meines verstorbenen Vaters entnommen ... und in unserem Garten beigesetzt".

Im Ballon zur letzten Ruhe

"Keine Angst", sagt Reiner Keitel aus Baden-Baden. "Und immer gut festhalten." Keitel ist Ballonpilot. Er steht mitten auf einer großen Lichtung und beobachtet interessiert die kleine Prozession, die sich seinem Ballon nähert. Ein Bestatter geht voran, der feierlich eine Urne trägt. Dahinter folgt Ruth aus Karlsruhe. Sie begleitet ihren vor fünf Jahren gestorbenen Mann auf seinem letzten Weg.

Eigentlich war der Tote schon lange begraben, aber weil Ruth nun in eine andere Stadt zieht, hat sie die Urne wieder ausgraben lassen. Nun soll die Asche des Toten vom Ballon aus in alle Winde verstreut werden, wie ihr Mann sich das schon früher gewünscht hatte. Vielleicht tragen sie ja ein paar Partikel bis nach Afrika, in das Land, in dem sie viele Jahre mit ihm lebte. Aber eine Ballonbestattung ist in Deutschland natürlich auch verboten, weshalb der Pilot auf Ostwind wartet. Der schiebt ihn hinüber in das französische Elsass. Dort ist es erlaubt, vom Ballon aus die Asche von Toten zu verstreuen. Die Hinterbliebenen bekommen eine Karte mit den genauen Koordinaten, damit sie später an dem Ort spazieren gehen können, wo die Asche des Verblichenen niederging.

Humus statt Asche

Zurück zur Natur, das könnte auch im großen Rahmen die Zukunft im Bestattungsgewerbe sein. Die schwedische Biologin Susanne Wiigh-Mäsak, 50, hat viele Jahre darüber nachgedacht, wie aus ihr schon ein paar Monate nach ihrem Tod ein weißer Rhododendron werden könnte. Den Weg dahin hat sie sich nun weltweit patentieren lassen.

Er ist ganz einfach. Der oder die Verstorbene wird zuerst gekühlt, danach bei minus 196 Grad Celsius in flüssigem Stickstoff schockgefroren und auf einem Rüttler in kleine Stücke geschrotet. Übrig bleibt ein geruchloses Granulat, das - nachdem "Fremdkörper" wie Amalgamfüllungen oder Herzklappen mechanisch entfernt wurden - innerhalb von einem halben Jahr zu bestem Humus, etwa für Rhododendron, verrottet. Die erste Anlage für ökologische Bestattungen soll demnächst in den Niederlanden entstehen. Interessierte Anfragen kommen aus aller Welt, selbst aus China und den USA.

Das mit dem flüssigen Stickstoff leuchtet dem Mediziner Wolfgang, 54, aus Dresden ein. Aber der Rüttler, sagt er, komme für ihn nicht infrage. Wolfgang hat seine Lebensversicherung für etwa 35.000 Euro verkauft und an die US-Firma Cryonics Institute überwiesen. Gleichzeitig wechselte er sein Türschloss gegen ein Zahlenschloss aus und vertraute den Code seinem örtlichen Bestatter an. Den hat er auch schon bezahlt.

Im Falle seines Todes, so denkt Wolfgang sich, wird der Bestatter in der Wohnung die bereits dort deponierten Chemikalien holen, sie in den Körper des Toten leiten und die Leiche dann in flüssigem Stickstoff kopfüber nach Amerika schicken. Laut Vertrag wird der schockgefrorene Dresdner dann dort 300 Jahre aufbewahrt. Kopfüber deshalb, weil im Falle einer nachlässigen Kontrolle des Stickstoffpegels die Füße als Erstes verderben, "wo doch der Kopf das Wichtigste ist". Er weiß von Toten in den USA, die nur den Kopf einfrieren ließen, weil das billiger ist. Aber das findet er denn doch irgendwie gruselig.

Nach 300 Jahren, da ist sich Wolfgang aus Dresden sicher, gibt es eine Technik, die scheinbar Toten zu erwecken und ihnen notfalls neue Körper zu geben. Und er gehört dann dazu, schließlich hat er ja dafür bezahlt. Er weiß sogar schon, wovon er in 300 Jahren leben wird: "Nu, von der Sozialhilfe."

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