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Benzin-Beimischung: Das schlechte Biosprit-Gewissen

Die höhere Beimischung von Bioethanol im Benzin ist zwar gestoppt. Was aber gerne vergessen wird: Auch jetzt schon fährt jedes Auto mit Biosprit - und der kommt beileibe nicht nur aus Deutschland. Folge: Unsere Mobilität treibt die Lebensmittelpreise in die Höhe.

Von Christoph M. Schwarzer

"Ich will Spaß, ich geb' Gas", sang Markus auf dem Höhepunkt der Neuen Deutschen Welle in den 80er Jahren, und sein Satz, nachdem das auch gehen werde, wenn Benzin zwei Mark zehn koste, wirkt heute nostalgisch: Der Spritpreis ist gestiegen, und dazu kommt das schlechte Gewissen. Wegen der Beimischungsquote von Biokraftstoffen zu Benzin und Diesel verfährt das deutsche Volk jeden Tag Agrarprodukte, die eigentlich zum Essen da sind.

Gigantische Mengen für die Motoren

Aber nein, sagt der Stammtisch, Umweltminister Gabriel hat doch eben seine Biosprit-Verordnung gestoppt. Hat er auch. Dieser Vorschlag sah aber nur die Erhöhung des ohnehin schon vorhandenen Anteils vor. Kraftstoff aus Pflanzen ist bundesdeutscher Alltag. 2007 waren das drei Prozent des Benzins in Form von Ethanol und fünf Prozent des Diesels als Rapsmethylester (RME), an der Tanke Biodiesel genannt.

In absoluten Zahlen: Nach Angaben des Mineralölwirtschaftsverbandes (MWV) wurden letztes Jahr insgesamt über 29 Millionen Tonnen Diesel und über 21 Millionen Tonnen Benzin durch die Brennräume deutscher Motoren gejagt. Das entspricht der gigantischen Menge von fast 39 Milliarden Litern Diesel, von denen etwa 70 Prozent von Lkws verbraucht wurden, plus fast 26 Milliarden Litern Benzin. Zusammen ergibt das etwa 130 Millionen Tankfüllungen eines Volkswagen Golf oder ein tägliches Cola-Glas voll Sprit für jeden Deutschen vom Säugling bis zum Greis.

Ungenaue Importquoten

Und davon kommen besagte drei Prozent beim Benzin und fünf Prozent beim Diesel (jeweils volumetrisch) nicht aus den unterirdischen Lagerstätten in Russland, Saudi-Arabien und dem Iran, sondern von landwirtschaftlichen Nutzflächen. Wie viel genau davon importiert wird, ist unklar.

"Keiner kennt den Importanteil am Biosprit genau, weil es bis zum 1. Januar 2008 dafür beim Zoll keinen Warencode gab", erklärt der Agrarexperte von Greenpeace, Alexander Histing. Um es etwas genauer zu machen, hat die Umweltschutzorganisation Stichproben an Zapfsäulen der drei großen Mineralölkonzerne in den 16 Landeshauptstädten gezogen. Das Ergebnis: Etwa 20 Prozent des Biodiesels (entsprechend einem Prozent allen Diesels) stammen aus Soja, und der wird faktisch nur im Ausland angebaut.

Gute Idee, ab absurdum geführt

Beim Bioethanol geht Greenpeace von noch höheren Importquoten zwischen 40 und 50 Prozent aus. Der Löwenanteil davon wird aus brasilianischem Zuckerrohr produziert. "Die Arbeitsbedingungen auf Plantagen in Brasilien sind sklavenähnlich", erklärt Histing und ergänzt: "Das Zuckerrohr verdrängt Nahrungsmittel, die dann woanders angebaut werden müssen. Zum Beispiel auf gerodeten Regenwaldflächen." Damit wird auch eine der guten Ideen hinter dem Biosprit, die Einsparung von Kohlendioxid-Emissionen, ad absurdum geführt.

Exakte Zahlen über die Importquote beim Ethanol kann auch Frank Brühning vom Verband der Biokraftstoffindustrie (VDB) nicht nennen. "Wir befürchten, dass vergleichsweise viel importiert wird." Er weist auf den positiven Grundansatz hinter dem Biosprit hin: Weniger Abhängigkeit von Rohölimporten, weniger CO2-Ausstoß, bessere Preise für die lange geschundenen einheimischen Landwirte.

Landwirte profitieren von steigenden Preisen

Die Bauern profitieren vom Boom der Ackertreibstoffe. Der Gesetzgeber hat darum die Verpflichtung komplett aufgehoben, zehn Prozent aller Flächen brach liegen zu lassen. Die lange jämmerlichen Preise für Weizen und Mais sind angezogen. Kein Problem angesichts der zehn Prozent des Einkommens, die laut Warenkorb für Nahrungsmittel ausgegeben werden. Für die Armen in Deutschland ist dieser Warenkorb aber nur Theorie: Auf Hartz-IV-Niveau und darunter dürfte der Anteil von Fernreisen, Opernbesuchen und Neuwagen geringer und der Essanteil höher sein.

Die jetzt bereits vorhandene Biokraftstoffquote führt also nicht nur im Ausland zu dem, was in der Tagesschau euphemistisch "Unruhen" wegen explodierender Lebensmittelpreise heißt. Wer sehr wenig Geld hat, bekommt die Auswirkungen auch zwischen München und Hamburg direkt zu spüren. Ein Ausweg könnte das komplette Verbot von Importen sein.

Hoffnung mit der zweiten Generation?

Oder das Warten auf die so genannte zweite Generation der Biokraftstoffe. Bei Sundiesel und Co. wird der Ertrag pro Hektar erheblich gesteigert, die Energiebilanz verbessert und der Sprit sauberer verbrannt. Die Pilotanlagen funktionieren. Für das Ressourcenproblem ist Biosprit trotzdem nur eine Teilantwort. Die andere heißt sparen.

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