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KOLUMNE

Hells Angel: "Coachella" 2017: Sideboobs und Glitzer-Make-Up – das Schaulaufen der Obertussen

Hells Angel – diesmal: das weichgespülte Selfie-Festival "Coachella", das den Sexappeal des echten Rock’n’Roll allmählich mit seinem egozentrischen Instagram-Wahn zerstört.

Musik? Egal! Hauptsache, das Selfie sitzt.

Musik? Egal! Hauptsache, das Selfie sitzt.

Am Wochenende fand mal wieder das berühmte " "-Festival in Kalifornien statt. Sämtliche (Frauen-)Magazine und Zeitungen berichten dieser Tage darüber. ABER WIE! "Die angesagtesten Beautylooks vom Coachella", "Heiße Festivalmode: Nippel-Blitzer, Sideboobs und sexy Pos beim Coachella" oder "So verliebt zeigt sich Lena Meyer-Landruth beim Coachella" lauten die Überschriften der meistgeklickten Artikel über das M-U-S-I-K-Festival. Da stellen sich bei einem alten Festivalhasen wie mir ehrlich gesagt die Nackenhaare auf. Wann, verdammt nochmal, ist denn bitte der Planet "Tussi" ins Sonnensystem der guten alten Festivalromantik eingedrungen?

Die wirklich wichtigen Fragen bleiben in den aktuellen Berichterstattungen jedenfalls weitestgehend unbeantwortet: Wer war eigentlich der Headliner? Welche Band hat am meisten gerockt? Wie war die Stimmung bei den Fans?

Lippenstift und Flechtfrisur

All dies scheint heute kaum noch von Bedeutung zu sein. Offenbar viel wichtiger: Welchen Lippenstift trugen Kendall und Kylie Jenner? Wie geht die "angesagte Flechtfrisur" von ? Und wie bekomme ich ein möglichst cooles Selfie für meinen Fashion-Blog?

Im Klartext: Stöckelschuhe statt Matsch! Champagner statt Dixie! Glitzerschminke statt Gummistiefel! Bussi-Bussi statt Pogo! Selfiestick statt Anarchie!

Äh, hallo?!?! RADIOHEAD waren ja bloß Headliner!?! Aber wen interessiert das schon, wenn das "perfekte Festival-Make-Up" trägt und sich backstage "verliebt wie nie" zeigt.

Dauerwerbesendung 

Mittlerweile werden zu dem Spektakel in der kalifornischen Wüste ja sogar reihenweise deutsche Promis für teuer Geld eingeflogen, damit sie genau wie die Amis vor Ort Werbung für Kreditkartenfirmen (Alessandra Ambrosio), Handtaschenlabel (Bonnie Strange), Dating-Plattformen (die Jenner-Schwestern) oder Kosmetikhersteller (Lena Gercke) machen. Alle wollen mit ihrem übertriebenen Glitzer-Make-Up und den Federn im Haar irgendwie an Woodstock anknüpfen, aber in Wahrheit sehen sie dabei doch eher aus wie ein paar verkleidete Transen auf dem Weg zum Schlagermove. Von dem verruchten, herrlich abgefuckten Festivalfeeling vergangener Tage ist kaum noch etwas übrig.

Früher sind meine Freunde und ich zu den großen Festivals (Roskilde, Rock am Ring, Sziget und Co.) gefahren, um endlich mal all den oberflächlichen Spießern in unserem Umfeld, also aus der Schule oder dem Büro, zu entfliehen und drei Tage lang "fuck the system" zu leben. Und dazu gehörte auch, dass man in einem Zelt pennte, nicht duschte, von oben bis unten wahlweise mit trockenem Staub oder Matsch eingesaut war und für seine Lieblingsband schon mal bis zu zehn Stunden in der ersten Reihe ausharrte. 

In solchen Extremsituationen zählte vor allem eins: den Flüssigkeitshaushalt soweit kontrollieren, dass man weder verdurstete, noch auf die Toilette musste. Und wofür das alles? Na, für die MUSIK! Für die ganz Großen! Pearl Jam, Metallica oder eben Radiohead. Um dann, wenn es endlich soweit war, und unsere Helden die ersten Gitarrenriffs anstimmten, mit Tränen in den Augen aus voller Seele "Beautiful People" oder "St. Anger" mit zu grölen. Mit etwas Glück das Plektrum von Brian Molko zu fangen, einen Schweißtropfen von Eddie Vedder zu erhaschen oder eine leere Wasserflasche von Marilyn Manson an den Kopf zu kriegen. DAS waren Erinnerungen. Das war Rock’n’Roll.

Etwas mehr Rock'n'Roll

Glitzer-Make-Up? Plateausandaletten? Hä?! Unsere Atemwege waren von Staub verstopft, die Schuhe total im Eimer, die Klamotten verdreckt und beim Pogen mussten die Brillenträger unter uns ihre Drahtesel mit Gummibändern am Kopf festschnallen. Echter Exzess? Das waren Schweiß, Blut und Tränen. Stylefaktor? Nullkommanull. Spaßfaktor? Zehntausend! Und genau das hat uns vermutlich sexier gemacht als es all die instagramsüchtigen Tussis vom "Coachella" jemals sein werden. Bäm! 

Erst, wenn euch der Glitzer in Bächen den Leib hinunter rinnt, von einem Wildfremden aus eurem Bauchnabel geschleckt wird und ihr währenddessen brüllt: "Wo zur Hölle ist mein Zelt?!", habt ihr das Prinzip "Festival" verstanden, Leute. Helga forever! 

 Zum Glück geht die Saison in Deutschland ja erst im Juni so richtig los ….


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