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J. Peirano: Der geheime Code der Liebe Mein neuer Lover ist sexy und spannend, aber will er sich auch binden?

In der Dating-Phase gibt es in der Regel noch viel Aufregung - aber auch Unsicherheit (Symbolbild)
In der Dating-Phase gibt es in der Regel noch viel Aufregung - aber auch Unsicherheit (Symbolbild)
© DjelicS / Getty Images
Mit Beziehungen hatte Silja in den letzten Jahren wenig Glück. Und auch das Verhältnis zu ihrem neuen Lover Laurent droht, kompliziert werden zu können. Wie kann sie sich seiner unwiderstehlichen Ausstrahlung entziehen?

Liebe Frau Peirano,

ich (Assistentin in einem Architekturbüro, 45) war vier Jahre lang Single, nachdem ich einige sehr komplizierte und intensive Dreiecksbeziehungen hinter mir hatte. Vor zwei Monaten hat eine Freundin mich überredet, ein Tinderprofil anzulegen, und ich habe dort Laurent kennen gelernt. Wir haben uns täglich geschrieben, per Video gechattet und uns Audios und Filme geschickt. Er ist sehr sexy und intensiv, und so kamen wir uns schnell näher und haben eine Intimität entwickelt, ohne dass wir uns jemals getroffen haben.

Er lebt in Frankreich, wo auch seine Mutter herkommt und die Mutter seines sechsjährigen Sohnes lebt, aber auch in Tokio und er hat eine Wohnung in Berlin (wo ich lebe). Ich finde sein Leben unfassbar spannend und wäre selbst auch gerne mehr unterwegs in der Welt. Ich würde auch gerne mal im Ausland leben, habe das aber nie gemacht. Ich habe dann aber auch immer mal Gedanken, ob ich ihn genug sehen würde, wenn es zwischen uns mehr wird. Er ist dauernd unterwegs, hat auch viele Sachen noch nicht richtig für sich geregelt, und das kommt mir manchmal sehr chaotisch vor.

Dazu kommt das Thema Exklusivität. Durch meine Dreiecksgeschichten bin ich ein gebranntes Kind und habe ihn mal gefragt, wie er das mit der Exklusivität sieht. Er kann ganz gut reden, und irgendwie klang sowas wie "kommt drauf an, wie es läuft" und "sei ihm zu festgelegt" und "es kommt drauf an, wie ehrlich man miteinander umgeht" an. Also keine klare Aussage. Das hat mich irritiert. Ich will nicht noch mal eine von mehreren Frauen sein.

Ich habe aber auch gemerkt, dass ich zwar Angst habe, verletzt zu werden und schon einige "red flags" bei ihm sehe, aber ich schaffe es einfach nicht, Abstand zu bewahren oder mir das in Ruhe anzuschauen. Ich bin wie unter einem magischen Bann und komme nicht davon los. Meine Freundinnen sind auch eher skeptisch und raten mir ab.

Wir haben uns dann vor einer Woche zum ersten Mal getroffen. Er konnte mir nach den zwei Monaten nicht vorher sagen, ob er es an dem Abend schafft. Er hatte so viel zu tun und hatte noch keinen Zug gebucht. Es war alles spontan und mit Fragezeichen bis zum letzten Moment. Das hat mich nervös gemacht und auch etwas enttäuscht nach der ganzen Vorgeschichte. Aber bei ihm kommt immer etwas dazwischen oder etwas brennt. Er kam dann, spät abends, noch in seiner Reisekleidung, etwas verschwitzt, aber wir wurden schnell warm miteinander. Und wie ich es geahnt hatte, landeten wir im Bett und verbrachten das ganze Wochenende miteinander. Das war sehr nah, und alles passte perfekt.

Dann musste er wieder los nach Frankreich, und es ist nicht klar, wann wir uns wieder sehen. Noch fühlt es sich ganz gut an, weil ich so viel Nähe bekommen habe. Aber ich muss sagen, dass die Zweifel jetzt mit voller Macht hochkommen. Wen trifft er alles? Wird er sein Leben so auf die Reihe kriegen, dass wir uns häufiger sehen? Bekomme ich bei ihm eine Priorität?

Wir schreiben uns immer noch viel und chatten, aber ich bilde mir ein, dass es etwas weniger geworden ist als früher. Und ich weiß ganz genau, dass ich bei einem Mann wie ihm nicht klammern darf. Das treibt ihn in die Flucht. Ich fühle mich aber irgendwie schon etwas unterlegen, und das habe ich in den früheren Beziehungen auch schon erlebt. Ich habe nur noch gewartet, hatte aber nichts zu sagen. Das will ich auf keinen Fall wieder. Ich will oder kann das alles aber auch nicht beenden, sondern rede mir gut zu.

Eigentlich bin ich völlig verwirrt und hätte gerne mal Ihre Sichtweise.

Viele Grüße

Silja T.

Liebe Silja T.,

ich kann Ihre Angst und Verwirrung sehr gut nachfühlen! Auf der einen Seite ist da die Faszination und die starke Anziehungskraft: Nach einigen Verletzungen waren Sie lange Single und haben jetzt erstmalig wieder einen Mann kennen gelernt, der Sie interessiert. Er verkörpert einiges, was Sie nicht haben: Unabhängigkeit, Freiheit, vielleicht auch eine Prise Rücksichtslosigkeit. So eine Prise Marlboro-Mann klingt in Ihrer Beschreibung an. 

Und auf der anderen Seite scheint Ihr eigenes Leben nicht so frei zu sein: Sie leben in einer Stadt (wenn auch einer spannenden), sind fest angestellt und sehnen sich nach einer festen, exklusiven Beziehung (ansonsten hätten Sie ihn ja nicht danach gefragt).

Durch diese Konstellation haben Sie beide schon unterschiedlich starke Karten in der Hand, und leider gilt in der Liebe immer, dass die Person stärker ist, die weniger will und erwartet. Laurent lebt sein eigenes Leben, ist mal hier, mal dort, trifft auch andere Frauen, wenn er will. Wenn ihn eine Frau interessiert, nimmt er sich auch mal Zeit - wie bei Ihnen. 

Dr. Julia Peirano: Der geheime Code der Liebe

Ich arbeite als Verhaltenstherapeutin und Liebescoach in freier Praxis in Hamburg-Blankenese und St. Pauli. In meiner Promotion habe ich zum Zusammenhang zwischen der Beziehungspersönlichkeit und dem Glück in der Liebe geforscht und anschließend zwei Bücher über die Liebe geschrieben.

Informationen zu meiner therapeutischen Arbeit finden Sie unter www.julia-peirano.info.

Haben Sie Fragen, Probleme oder Liebeskummer? Schreiben Sie mir bitte (maximal eine DIN-A4-Seite). Ich weise darauf hin, dass Anfragen samt Antwort anonymisiert auf stern.de veröffentlicht werden können.

Hier könnte sich eine moderne Version von der uralten und leidvollen Geschichte des Matrosen und  der Matrosenbraut darstellen: Er ist ständig auf See und hat eine Liebschaft in jeder Stadt, während sie im Heimathafen auf ihn wartet. Die Frau muss sich fragen, was sie davon hat und sauber austarieren, ob sie sich mitunter auch benutzt fühlt als Spenderin von Nähe, Geborgenheit und Verlässlichkeit im Leben des haltlos Reisenden.

Aus meiner Sicht war eine rote Flagge schon das Thema des ersten Treffens, das definitiv unter dem Drehbuch "So ist die Liebe der Matrosen" ablief. Trotz der intensiven Vorgeschichte hat er Ihnen keine Priorität eingeräumt und Sicherheit gegeben, dass Sie sich treffen. Er hat Sie zappeln lassen, und er allein war derjenige, der vielleicht kommt, vielleicht auch nicht. Dann hat er sich mit dem ersten Treffen auch nicht viel Mühe gegeben (spät abends verschwitzt anzukommen, ist keine Wertschätzung!). Das ist ein klassisches Machtspiel, und fühlt sich für den unterlegenen Part (nämlich Sie) nicht gut an.

Und dazu kommt, dass er schon klar gemacht hat, dass man ihn nicht mit Erwartungen bedrängen darf. Auch das ist ein Machtspiel (und auch wieder zu Ihren Ungunsten). Kein Machtspiel wäre es, wenn er äußert, was er sich wünscht (unverbindlich) und Sie fragt, was Sie sich wünschen (verbindlich) und dann sagt, dass es nicht passt. Kein Machtspiel wäre es, wenn er zu Absprachen und Kompromissen bereit wäre. Zum Beispiel könnte er sich auf eine exklusive Beziehung einlassen und mit Ihnen verabreden, wann Sie sich treffen.

Genau das tut er nicht. Es klingt an, dass er näher kommen will, wenn er weit weg ist (zum Beispiel im Ausland), aber wenn er nah ist, zieht es ihn in die Ferne. Es könnte auch aufgrund seines unverbindlichen Lebensstils in drei Ländern und seinem noch kleinen Kind gegenüber sein, dass er eine Bindungsstörung hat. Die Trierer Psychotherapeutin Stefanie Stahl beschreibt das Phänomen der ängstlich-ambivalenten Bindungsstörung in ihrem Buch: "Jein. Bindungsängste erkennen und bewältigen. Hilfe für Betroffene und deren Partner." Dieses Buch würde ich Ihnen wärmstens empfehlen, damit Sie zumindest erkennen, welches Spiel da möglicherweise gespielt wird.

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Was mir am meisten Sorge bereitet ist Ihre Selbstaussage, dass Sie es trotz der "red flags" nicht schaffen, Abstand zu wahren oder zu entscheiden, ob und unter welchen Bedingungen Sie weiter machen wollen. Es kommt mir so vor, als sehen Sie sich als wehrlos an. Woher kommt diese Einschätzung? Ist das ein altes Thema aus Ihrer Kindheit? Können Sie sich damit therapeutisch auseinander setzen?

Dafür wäre die Geschichte mit Laurent wirklich gut geeignet: Sie bekommen von ihm verlockend-verstörend ambivalente Verhaltensweisen und können lernen, bei sich zu bleiben und Grenzen zu setzen. 

Das wird allerdings nicht einfach. Es ist ja auch nicht einfach, bei Glatteis und im Nebel auf der Autobahn Autofahren zu lernen… Sie sind jetzt emotional schon sehr involviert, und es kann sehr schmerzhaft werden, wenn Laurent sich zum Beispiel entzieht oder distanziert. Das ist ein Leistsymptom der ängstlich-ambivalenten Bindungsstörung und ist sehr verstörend für den Partner/die Partnerin. Dadurch entsteht beim Gegenüber (also Ihnen) oft eine Art Suchtverhalten: Man sehnt sich nach den nahen, intimen Momenten (der "Droge") und nimmt dafür viel Leid in Kauf.

Kurz zusammengefasst: Informieren Sie sich über das, was passiert, lassen Sie sich therapeutisch begleiten und seien Sie wachsam! Tun Sie alles, um bei sich zu bleiben (Beruf, Freunde, Hobbys, Schlaf, Essen etc,) und betrachten Sie alles immer mal wieder aus der Beobachtungsebene. 

Herzliche Grüße und alles Gute für Sie

Julia Peirano

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