Etikettenschwindel Wie ich echten Ökostrom erkenne


Offenbar haben Energieversorger völlig legal Atom- zu Ökostrom umetikettiert. Eine schwere Belastungsprobe fürs reine Umweltgewissen, bei der die Kunden vor der Frage stehen: Wie erkenne ich echten Ökostrom? stern.de hilft.
Von Christoph M. Schwarzer

Nase voll von stinkender Braunkohle, schrottreifen Atommeilern und uneffizienten Altkraftwerken: Für den Wechsel zu Strom aus quasi ökologischem Anbau gibt es gute Gründe. Hunderttausende versorgen sich inzwischen durch Windenergie und Konsorten. Und viele, die noch konventionellen Strom von ihren Großanbietern beziehen, spielen mit dem Gedanken an den Wechsel zur grünen Power.

Kunde muss sich sorgfältig informieren

Sie alle sehen sich jetzt mit einem rechtlich einwandfreien Trick konfrontiert, der irgendwie an den Skandal ums Gammelfleisch erinnert: Durch so genannte RECS-Zertifikate, im Jargon wie der Hundename Rex ausgesprochen, wird Kohle- und Atomstrom im großen europäischen Maßstab zu Ökostrom "veredelt". Kunden, die wirklich umweltfreundliche Quellen anzapfen wollen, können sich schützen: Voraussetzung ist eine sorgfältige Recherche beim Anbieter.

Helmut Gumtau von der Verbraucherzentrale Hamburg rät zuerst dazu, "konkret und direkt zu fragen: Was investiert ihr in den Bau neuer Anlagen?" Ein guter Anbieter sorge für den Ausbau regenerativer Energie und mache das transparent und nachvollziehbar. Als Positivbeispiel nennt Gumtau die EWS Schönau, die genau auflisten, wo und wann verdientes Geld investiert wird.

Transparenz einfordern

Transparenz ist bei der Herkunft des Stroms das A und O. Marcel Keiffenheim von Greenpeace Energy bringt es auf den Punkt: "Der Kunde muss sich aktiv informieren!" Er empfiehlt, den Anbieter anzurufen und direkt zu fragen: "1. Arbeiten Sie mit RECS-Zertifikaten? 2. Wie sieht der konkrete Umweltnutzen zum Beispiel in Form von Neuanlagenbau aus? 3. Können Sie gewährleisten, dass der Kunde nicht nur rechnerisch mit Ökostrom versorgt wird?"

Ähnlich wie das EWS Schönau listet Greenpeace Energy alle aktuellen und im Bau befindlichen Kraftwerke auf. Echte Hardcore-Umweltschützer werden auch hier das Haar in der Suppe finden: Ein Teil des Stroms stammt aus hocheffizienten Gaskraftwerken, die von vielen grünen Geistern als Übergangslösung bis zur totalen Energiewende nur mit Murren geduldet werden.

Auch Gütesiegel helfen

Während der Verbraucher bei Nahrungsmitteln von einer Flut von ökologischen Gütesiegeln überschwemmt wird, herrscht beim Strom noch Übersichtlichkeit: Das "OK Power-Label" und das "Grüner Strom Label" bieten eine Sicherheit für den, der sich anstrengende Nachforschungen ersparen will. Sie sind eine gute Hilfe bei der Orientierung. Allerdings bedeutet die Abwesenheit dieser beiden Labels nicht, dass der Strom nicht trotzdem einwandfrei ökologisch sein kann.

Eine wesentliche Motivation für den Wechsel zum Ökostromanbieter und damit einen weiteren Tipp nennt Heiko von Tschischwitz, Geschäftsführer von Lichtblick: "Viele Kunden wollen mit dem Wechsel zu uns ein Zeichen setzen. Sie wissen, dass es nicht reicht, wenn ein Versorger neben Atom- und Kohlestrom nebenbei auch noch einen Ökostromtarif anbietet." Das würden viele Interessierte zu Recht für nicht glaubwürdig halten. Lichtblick baut derweil aus: Ein Teil der Gewinne fließt in die Firma Choren, die Biokraftstoffe der zweiten Generation produziert.

Das Prinzip des Verschiebebahnhofs

Vorsicht ist geboten, wenn zum Beispiel "Strom aus norwegischen Wasserkraftwerken" angeboten wird. Das ist typisch für das kritisierte RECS-System. Professor Uwe Leprich von der Hochschule für Wirtschaft und Technik des Saarlands erklärt, wie das funktioniert: "RECS erlaubt zum Beispiel bei Ökostrom aus Wasser die virtuelle Abtrennung des Umweltnutzens und dessen zusätzliche Vermarktung." Aus Ökostrom wird also "Öko" und "Strom".

Ein Produzent von Atomstrom kann sich dieses "Öko" für kleines Geld kaufen und so den Eindruck der Umweltfreundlichkeit erwecken. Das Problem: In der Gesamtbetrachtrachtung kommt keine einzige Kilowattstunde zusätzlich aus regenerativen Quellen. "Der Kunde wird getäuscht", sagt Leprich und nennt ein weiteres Indiz für unsaubere Praktiken: "Wenn der Ökostrom keinen Aufpreis kostet, ist das ein Warnsignal." Umweltschutz zum Nulltarif gibt es nicht.

Die Check-Liste

  • Transparenz einfordern: Woher genau stammt der Ökostrom?
  • Investitionen prüfen: Wo werden Neuanlagen gebaut?
  • Etikettenschwindel ausschließen: Arbeitet der Anbieter mit RECS-Zertifikaten?
  • Glaubwürdigkeit prüfen: Vertraue ich einem Großanbieter, der auch Atom- und Kohlestrom vertreibt?
  • Orientierungshilfe: "OK Power-Label" und "Grüner Strom Label" schaffen Sicherheit.
  • Plausibilitäts-Check: Vorsicht bei aufpreisfreiem Ökostrom.

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker