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FERNSEHEN DER TÄGLICHE WAHNSINN


Solch eine Hysterie bekommt MTV in Deutschland nicht hin: Jeden Nachmittag bringen auf dem New Yorker Times Square Hunderte von Popfans den Verkehr fast zum Erliegen. Sie hoffen auf Einlass zu TRL Live, einer Show, bei der die Stars besonders gern vorbeigucken.

Wer Britney Spears nicht mag, muss sich vorkommen wie in einem Alptraum: Britney ist überall. An diesem Nachmittag gehört ihr der gesamte Times Square in New York. Sie blickt auf den Platz herab von Plakatwänden mit der neuen Pepsi-Cola-Werbung, ihr Porträt hängt vor dem »Virgin Megastore«, und gegenüber wirbt ein Poster für ihren neuen Film »Crossroads«. Als wären das nicht schon genug Britneys, ist der Star heute auch noch persönlich hier.

Einige Meter über dem Times Square befindet sich das gläserne Studio von MTV, wo in wenigen Minuten die Show »Total Request Live« beginnt. Tausende von Fans säumen die Gehwege, Absperrungen schützen das Studio. Wer stehen bleibt, um sich das Spektakel anzusehen, wird von einem Polizisten angesprochen: »Weitergehen, bitte weitergehen!«

Alex und Amy, beide 17, schwänzen die Schule, um heute hier sein zu können. Seit acht Uhr morgens stehen die Mädchen vor dem MTV-Gebäude. Da sie in New Jersey, auf der anderen Seite des Hudson River, wohnen, mussten sie um fünf Uhr aufstehen. »Wir wollen unbedingt ins Studio und unser Plakat von Britney signieren lassen«, sagt Amy. Nun ist es halb vier am Nachmittag, beide rechnen sich noch gute Chancen aus.

Wer bei »Total Request Live« (oder kurz: TRL) früh am morgen eine Nummer zieht und am Nachmittag viel Geduld beweist, wird eventuell in das gläserne Studio raufgelassen. Überall werden Plakate hochgehalten: »Können wir raufkommen?« Ein müde aussehender Typ hält ein Plakat: »Ich bin aus Colorado hergekommen, um Britney zu sehen.«

Als ein Kameramann am Fenster erscheint und die Menge draußen filmt, winken Tausende von Armen. Die Show hat begonnen. An diesem Nachmittag werden die Fans Britney fast eineinhalb Stunden lang durch das Fenster beobachten können. Sie trägt ein bauchfreies, violettes Oberteil mit Puffärmeln und Blue Jeans mit violetten Stulpen. Nähert sie sich dem Fenster, kreischt der gesamte Times Square.

Total Request Live gibt es seit 1998. Damals war MTV auf der Suche nach einer neuen Live-Sendung. Die Talkshow »MTV Live« war bei den Zuschauern durchgefallen, besser schlug sich eine nächtliche Video-Wunschsendung namens »Total Request« mit dem wenig bekannten VJ Carson Daly. Im September 1998 wurden beide Sendungen einfach kombiniert, und TRL ging zum ersten Mal auf Sendung. Im Lauf eines Jahres entwickelte sich die Show zu einem Hit mit täglich über einer Million Zuschauer.

Das Konzept ist denkbar einfach: Die Fans wählen telefonisch oder im Internet ihr Lieblingsvideo, die Sendung ist der Countdown von zehn bis eins. TRL ist ultrakommerziell, interaktiv und hyperaktiv. Im Wesentlichen besteht es aus angespielten Hitvideos, dazu gibt es hysterische Mädchen, die ihre ewige Liebe für J.C. von N'Sync schwören.

Aber TRL ist nicht nur »die Sendung der Zuschauer«, sondern vor allem eine Marketing- und Geldvermehrungsmaschine. Während Videos laufen, sieht man im Fernsehen kleine »Shout-outs« der Fans an ihre Stars oder Freunde. Der Inhalt ist oft reine Werbung: Fans erzählen, wie toll die neue CD, DVD oder der neue Film ihres Stars ist.

Das einzig Unberechenbare in der Sendung ist Carson Daly, sein Sarkasmus ist ein Glücksfall. Als in der Woche nach dem Filmstart von »Crossroads« zwei Mädchen stolz erzählen, sie hätten den Britney-Film schon zweimal gesehen, stutzt Daly kurz und fragt dann mit ehrlicher Verblüffung: »Wie? Gab es irgendwas, das ihr beim ersten Mal nicht verstanden habt?«

Das sind die kleinen Spiele, die Carson Daly liebt, und die Fans lieben ihn, aber sie sollen dafür leiden. Manchmal sieht es so aus, als gehe ihm nach vier Jahren der tägliche Zirkus um Popstars ein bisschen auf die Nerven. In diesen Momenten ist TRL wirklich gutes Fernsehen.

An Bob Kusbits Fenster im 40. Stockwerk des Viacom-Gebäudes am Times Square lehnt eine E-Gitarre. Kusbit ist ausführender Produzent von TRL. Vor fünf Jahren heuerte er Carson Daly an. »Die Sache mit den Zuschauern auf dem Times Square haben wir unterschätzt«, sagt Kusbit. »Da der Platz nicht uns, sondern der Stadt gehört, müssen wir eng mit der Polizei zusammenarbeiten.«

Das Schlimmste, was passieren könnte, wären Tumulte auf dem Times Square. Wann und wie oft ein Star ans Fenster geht, ist daher meistens mit der Polizei abgesprochen. »Wenn Britney spontan beschließt, den Fans zuzuwinken, geben wir das gleich per Funk durch«, sagt Kusbit.

Trotzdem gibt es in einer Live-Sendung viele Ereignisse, die sich nicht planen lassen. Oft tauchen Stars unangemeldet auf. Einmal verteilte Eminem draußen auf dem Times Square seine neue CD. »Wir versuchten so schnell wie möglich mit Kameras unten zu sein«, erzählt Kusbit. Gelegentlich ruft auch Fred Durst von Limp Bizkit live in der Sendung an, um mit Carson Daly zu plaudern.

Dass sich die Stars so gerne blicken lassen, ist kein Wunder. Schließlich ist TRL ideal, um Werbung für neue CDs oder Filme zu machen. Sogar Michael Jackson und Elton John waren schon da. So hat TRL heute den Ruf, als »die Show, die jeden kriegt«. Das lässt sich sogar überprüfen: Am Rande eines langen Flurs, steht ein Fotoautomat, in dem sich alle TRL-Stargäste ablichten lassen müssen. Die gesammelten Bilder hängen an einer Wand. Grimassen scheinen Pflicht zu sein. Selbst Janet Jackson und Madonna verziehen die Gesichter, Hip-Hopper wie Jay-Z und Ice-Cube versuchen möglichst grimmig dreinzuschauen, einige Stars zeigen interessante Körperteile.

Es ist fast halb vier, an einem normalen Dienstag, kurz vor Beginn der Show. Heute gibt es keine Britney, dafür geht plötzlich eine Garderobentür auf, und Katie Holmes aus »Dawsons Creek« betritt den Flur. Sie trägt hohe Absätze, mit denen sie gut und gern 1,85 Meter groß sein dürfte. Später in der Sendung, wird sie Carson Daly erzählen, wer von ihren Co-Stars am besten küsst.

Es gibt drei Studioräume auf dem TRL-Flur, »Downtown«, »Midtown« und »Uptown«. Der dritte ist der größte, und von dort hört man bereits die Anweisungen der Produktionsassistentin an die Studiogäste: »Gebt mir ein a«, ruft sie. »Aaaaaa!« kommt es im Chor zurück. »Und denkt immer dran: Schaut nicht in die Kamera. Schaut auf Carson.« Dann beginnt im »Uptown-Studio« die Show.

Alles läuft wie eine gut geölte Maschine. Auf ein Handzeichen der Assistentin stehen hundert Zuschauer, 90 Prozent davon Mädchen, sofort von ihren Sitzbänken auf und jubeln. Carson Daly betritt den Raum, begrüßt die Gäste und kündigt das erste Video an. Kurz vor dem Video wieder ein Handzeichen: Alle stehen auf, schreien und heben die Arme, während die Kamera noch einmal über die Menge schwenkt. So geht es immer weiter: aufstehen, jubeln, hinsetzen, aufstehen, jubeln, hinsetzen. In dieser Sendung laufen unter anderem Videos von Brandy, Blink 182, N'Sync und B2K. Die Backstreet Boys sind, wie so oft, auf Platz eins.

Zehn Mädchen im Publikum gehören unübersehbar zusammen. Sie reden miteinander im schönsten Südstaaten-Slang. In ihrer Heimat Alabama haben sie gerade in einem Cheerleading-Contest den fünften Platz belegt. Ihren Preis haben sie sich selbst geschenkt: eine Reise nach New York. TRL ist ihre Lieblingsshow. Warum? Wegen Carson Daly natürlich. »Und wegen der Energie.«

Marc Deckert, 31, lebt seit Dezember in New York und kann in seiner neuen Wohnung in Brooklyn kein MTV empfangen.

Stuart O'Sullivan, 30, stammt aus Johannesburg und arbeitet seit acht Jahren als Fotograf in New York.


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