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Gaspreise Wer steht auf der Leitung?


Im Oktober sollten eigentlich die Gaspreise sinken. Das wurde 18 Millionen Kunden versprochen. Doch es passiert nichts. Da kassiert doch einer ab?
Von Elke Schulze

Manchmal geht es in Deutschland heute noch zu wie im 19. Jahrhundert. Damals herrschte schlimmste Kleinstaaterei. Kaufleute, die mit ihren Waren von Hamburg nach Konstanz reisten, mussten bis zu 39-mal Zoll an den Grenzen der einzelnen Fürstentümer zahlen.

Kaufleute, die heute Gas von Nord nach Süd liefern wollen, müssen noch viel häufiger Gebühren zahlen. Denn das Leitungsnetz gehört 700 verschiedenen Netzbetreibern. Welcher Gasverkäufer tut sich eine solche Tortur an?

Ein paar Verwegene versuchen es: Der größte niederländische Gasverkäufer Nuon beliefert seit Juli 5000 Kunden in Hamburg und Berlin. Die Stadtwerke Bensheim versorgen auch Haushalte in Darmstadt. Ontras aus Leipzig liefert Gas an die Nachbarstadt Köthen. Der Clou dabei: Die Pioniere verlangen weniger Geld fürs Gas als die regionalen Monopolisten.

Wettbewerb greift noch nicht

Und nun stelle man sich vor, was auf dem Gasmarkt los wäre, wenn noch mehr Billiganbieter die Preise der Giganten Eon, Shell, RWE und Wingas unterbieten würden. 18 Millionen Haushalte könnten profitieren.

Wie mächtig die Gasmänner wie Eon-Chef Wulf Bernotat aber sind, zeigt folgender Fall: Die für mehr Wettbewerb zuständige Bundesnetzagentur hat bereits im Februar die Voraussetzungen für mehr Wettbewerb geschaffen und den Markt nach dem neuen "Entry-Exit-Modell" in 19 Marktgebiete aufgeteilt. Ein Anbieter, der beispielsweise Gas an der Nordseeküste ins Netz einspeist, um damit die Stadtwerke Straubing zu versorgen, sollte nur noch zwei Verträge machen müssen - mit dem Leitungsbesitzer am Einspeisepunkt und eben mit dem Stadtwerk vor Ort. Doch die Inhaber der Leitungen, durch die das Gas auf seinem langen Nord-Süd-Weg strömt, machen einfach nicht mit. "Mit Wettbewerb hat das noch nichts zu tun", schimpft Robert Mundt vom Berliner Gasanbieter Flexgas. Seine Erfahrung: Er muss mit jedem Betreiber einzeln verhandeln. Flexgas kann zurzeit noch gar nicht liefern.

Preistreiber Eon

Dabei wäre mehr Wettbewerb jetzt bitter nötig: Die "alten" Anbieter haben zum 1. Oktober Preiserhöhungen von bis zu zehn Prozent angekündigt. Unter ihnen: Eon-Ruhrgas, das 60 Prozent des Marktes kontrolliert. Die Erhöhungen bedeuten für Familien durchschnittlich sieben bis acht Euro Mehrkosten im Monat. Dabei sind die Gaspreise seit Anfang 2005 bereits um 30 Prozent gestiegen.

Und so könnte es munter weitergehen. Wenn da nicht Nuon wäre. Ausgerechnet der Gasmann aus dem Ausland hat sich mit dem deutschen Bundesverband der neuen Energieanbieter (BNE) zusammengetan und bei der Bundesnetzagentur dagegen geklagt, dass der Markt versperrt ist. Sie fordern einen Standardvertrag für die Durchleitung. Außerdem sollen "bestehende Lieferverhältnisse in das neue System übernommen werden". Ende November wird entschieden.

Wechsel ist einfach

Ob dann Schwung in den Markt kommt? Davon ist BNE-Mann Andreas Jahn nicht überzeugt: "Wir sind froh, wenn es in einem Jahr so weit ist." Flexgas-Chef Mundt dagegen hofft, dass er ab 2007 Kunden versorgen kann.

Und was sollen die Verbraucher tun? Wechseln, wenn möglich. Schließlich geht es um viel Geld (ein Haushalt verheizt jährlich Gas für bis zu 2000 Euro). Nuon bietet jedem Neukunden in Berlin und Hamburg sogar 50 Euro Prämie. Wechselstress gibt es nicht: Der Kunde nennt dem neuen Anbieter lediglich Jahresverbrauch und Zählernummer, und nach vier bis sechs Wochen kommt die Energie vom neuen Lieferanten.

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