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Medizinstudium: Liebe auf den zweiten Blick

Wer als Medizinstudent von der ZVS nach Greifswald geschickt wird, stöhnt erst mal: Studieren in "Westpolen"! Doch Professoren und Dozenten kümmern sich hier vorbildlich um den Ärzte-Nachwuchs.

Groß wie eine Honigmelone stiert das Auge aus einem ringförmigen Muskelwulst. Das Pappmachee-Modell des menschlichen Schädels hat die Ausmaße eines Elefantenkopfes. Neun Erstsemestler sitzen in ihren Kitteln im ersten Stock des Instituts für Anatomie der Universität Greifswald darum herum und lassen sich von Oberarzt Thomas Koppe erklären, wie ein Mensch funktioniert.

Murmelnd wiederholt Student Georg Müller die komplizierten lateinischen Fachausdrücke. Zungenbrecher wie "Fossa pterygopalatina", die Flügelgaumengrube, oder "Os sphenoidale", das Keilbein. Seit Herbst vergangenen Jahres studiert der junge Mann aus dem Allgäu fernab der Heimat jedes Fitzelchen des menschlichen Körpers. Egal, ob Müller am Pappmodell lernt oder im so genannten Präp-Saal Muskeln, Nerven und Gefäße an einer Leiche freilegt: Der 24-jährige Student ist mit der Wahl seiner Uni zufrieden: "Die Betreuung ist toll", sagt er.

Professoren halten sogar Extra-Vorlesungen

Als Georg Müller bei der ZVS seine Wunschliste für den Studienort angab, stand Greifswald ganz oben. "Ich wollte eine kleine Uni mit gutem Ruf. Und ich wollte, dass sich die Leute um mich kümmern. Massenbetriebe wie in Berlin oder Hamburg sind nichts für mich."

Was an vielen großen medizinischen Fakultäten die Ausnahme ist, scheint in Greifswald ganz normal zu sein. "Die Professoren halten hier sogar mal eine Extra-Vorlesung, wenn der Stoff noch hakt", berichtet Georg Müller, "und in den Chemie- oder Physik-Praktika bleiben die Dozenten auch mal ein paar Stunden länger bei uns, so lange eben, bis unsere Versuche klappen".

So wie der 24-Jährige denken offenbar die meisten der insgesamt 950 Greifswalder Medizinstudenten: Im neuen Hochschulranking gehört die Medizinische Fakultät zur Spitzengruppe und schneidet beim Gesamturteil der Studenten besonders gut ab. Das Verhältnis zu den Dozenten sei intakt, loben die Studenten und fühlen sich gut betreut.

Der Geist an der Greifswalder Fakultät hat wenig mit den klassisch-verstaubten Hierarchien zu tun, die an vielen anderen Unikliniken herrschen. Dort sind Professoren meist unansprechbar und Studenten oft lästige Störenfriede, die Zeit kosten und auf den Klinikstationen nichts als Arbeit machen. In Greifswald dagegen vertreten viele der jungen Lehrenden die "Politik der offenen Tür". "Studenten haben grundsätzlich Vorrang gegenüber Bürokratie oder administrativen Sitzungen", sagt Andreas Greinacher, 43. Der Ärztliche Direktor ist Leiter der Abteilung für Transfusionsmedizin und wurde im Alter von nur 34 Jahren als Professor nach Greifswald berufen. Seine letzte Vorlesung im Sommer hält er üblicherweise zu Hause bei Bier und Würstchen in seinem Garten. In seiner Abteilung muss kein Student Angst haben, unvorbereitet auf die Patienten losgelassen zu werden: Am eigenen Leib üben die angehenden Mediziner in aller Ruhe, wie man Blut abnimmt, "ohne in Angstschweiß auszubrechen oder den Patienten mit der Kanüle am Bett festzunageln", sagt Greinacher.

"Herzliches Willkommen, liebes Erstsemester"

Wenn alljährlich im Herbst das Medizinstudium in Greifswald beginnt, geben sich die älteren Semester und die jung gebliebenen Professoren besondere Mühe, den Neuankömmlingen das Heimweh zu nehmen. Zwischen den ehrwürdigen Backsteinbauten hängt dann ein Transparent "Herzlich Willkommen, liebes Erstsemester", im Anatomiesaal stellen sich alle Institutsleiter vor, und danach gibt’s Freibier. In der "Ersti-Woche" zeigen ältere Studenten die Stadt, veranstalten Rallyes, Partys und Besichtigungstouren und "taufen" die Neuen in der Ostsee.

Dass die Praktika, Kurse und Seminare aller Medizinstudenten reibungslos klappen, dafür sorgt Petra Meinhardt. Die Koordinatorin des Studiendekanats wird von allen "die gute Seele" genannt, die immer freundlich und nett ist und sich für jeden einsetzt. Sie ist das erste Gesicht, das die "Erstis" kennen lernen, wenn sie sich in Greifswald für Medizin einschreiben. Petra Meinhardt erstellt die Stundenpläne, hilft bei Bafög-Anträgen, kümmert sich um Scheine, Prüfungstermine oder Referenzschreiben. Die meisten Studenten erkennt sie am Telefon schon an der Stimme und kann sie in das richtige Semester einordnen, wenn sie sie auf der Straße trifft.

Während es an anderen Unikliniken häufig heißt: "Sprechstunde ist seit zwei Minuten vorbei, kommen Sie nächste Woche wieder", steht bei Petra Meinhardt immer die Tür offen. "In der Zeit, in der ich den Studenten erklärt hätte, dass eigentlich gar keine Sprechstunde ist, habe ich deren Problem doch längst erledigt", sagt sie.

Das klingt nach Idylle

Petra Meinhardt hat auch Dimitri Mpliatis all die Jahre das Leben erleichtert. "Ich musste zum Beispiel nie frühmorgens aufstehen, um mich für zu knappe Praktikumsplätze einzuschreiben - so wie es an anderen Unis üblich ist", sagt er, "das meiste hat Frau Meinhardt für mich erledigt". 1997 verschlug es Dimitri aus Griechenland nach Greifswald. Inzwischen steht er kurz vor dem Zweiten Staatsexamen und paukt in der neu gebauten Uni-Bibliothek für den mündlichen Teil der Prüfung.

Insgesamt ein halbes Jahr Vorbereitungszeit rechnet man für dieses Examen: 25 Fächer im Schriftlichen, zwei im Mündlichen. Doch trotz des riesigen Berges, den er noch lernen muss, geht der 25-Jährige zuversichtlich in die Prüfung. Er weiß, dass er in Greifswald viel direkt am Krankenbett des Patienten sehen, fühlen, abhören und tasten konnte, was sich unauslöschlich in sein Gedächtnis gegraben hat.

Das klingt nach Idylle, ist für manche Studenten anfangs allerdings ein Albtraum: Wer in einer großen Metropole studieren wollte, dann aber von der ZVS nach Greifswald "zwangsverschickt" wurde, der muss mit zitternden Händen erst mal den Atlas rausholen. Greifswald - wo liegt das überhaupt? Im Nordosten von Mecklenburg-Vorpommern, weitab von ICE- und Autobahnnetzen jedenfalls. Die Ostsee, Rügen, Usedom und die Grenze zu Polen sind nah. Nur 55.000 Einwohner - für Großstadtkinder ein hartes Los. Wer an der Ernst-Moritz-Arndt-Universität (EMAU) paukt, fährt nicht mal eben am Wochenende zu Mutti und ihrer Waschmaschine nach Hause. Doch für angehende Mediziner hat das Leben in "Westpolen" viele angenehme Seiten: Die Wege sind kurz, die Lebensqualität hoch, das Ambiente familiär. Und die Studenten müssen sich nicht in Kompaniestärke um das Bett eines Patienten drängeln. Für ein gutes Medizinstudium nahezu ideal. Denn die "Kunst des Heilens" lernt man am besten von einem guten Lehrer am Menschen selbst - und nicht nur aus Büchern. Und da geht Greifswald eigene Wege: "Community medicine" (CM) ist ein Fach, das deutschlandweit nur in der Hansestadt angeboten wird und in dem die Studenten vergleichsweise früh mit Patienten in Kontakt kommen. Sie begleiten Hausärzte bei Krankenbesuchen und betreuen über längere Zeit einen speziellen Patienten. So sollen die angehenden Doktoren lernen, einen Menschen nicht nur als "interessanten Fall" in der Klinik zu betrachten, sondern darüber hinaus Familie und Umfeld der Patienten kennen zu lernen und ihr Vertrauen zu gewinnen.

Kleine Anekdoten und gruseliges Anschauungsmaterial

"Die Studenten üben bei der Arbeit in der Praxis oder bei Hausbesuchen Dinge, die ein Arzt auch können muss: zuhören, zwischen den Zeilen lesen, Seelenarbeit und Lebensberatung leisten", sagt Allgemeinmedizinerin Annette Möllmann. "Wer spektakulär Leben retten oder berühmter Forscher werden will, ist bei mir falsch." Ausgerüstet mit einem Arztkoffer voller Medikamente, mit Mundspatel, Lämpchen und Stethoskop, besucht sie in ihrer Mittagspause ein älteres Ehepaar zu Hause - sie liegt mit Bronchitis im Bett, er beim Mittagsschlaf auf der Couch. Zwei Medizinstudenten, die bei der Ärztin ein Praktikum machen und sie begleiten, messen Blutdruck, leuchten in den Rachen und hören die Lunge ab. Nichts Dramatisches. Danach folgt ein kleiner Schnack über alte Zeiten, ein wenig Händchenhalten - das ist schon die halbe Medizin.

Auch die Chirurgen an der Greifswalder Uniklinik wissen, dass der Nachwuchs am besten ganz praktisch lernt. "Tasten Sie! Was fühlen Sie?", fragt Albrecht Stier auf der Thorax-Station die Studentin Anne Hilpert. Mit den Fingerkuppen prüft die 21-Jährige die Lymphknoten am Hals von Günter Kundt, der mit Schmerzen im Brustkorb in die Klinik kam und den sie nun dem Oberarzt vorstellt. Gemeinsam betrachten sie die Röntgenbilder, besprechen die Befunde und die bevorstehende Operation. Oberstes Prinzip auch hier: die möglichst persönliche Betreuung des Studenten.

Wer in Greifswald seinen Dozenten besonders kompetent und sympathisch findet, kann ihn zum persönlichen "Patenprofessor" machen. Viele haben sich dafür den Dekan der Fakultät, Heyo Kroemer, auserkoren. Sie besprechen mit ihm ihre Sorgen und Probleme, treffen sich regelmäßig in der Kneipe oder sind auch schon mal mit dem 43-Jährigen durch die Studenten-Clubs gezogen. Der Pharmakologe, der oft mit Rad und Helm über den Campus braust, ist im schummrigen Kneipenlicht der "Domburg" kaum von seinen jungen Schützlingen zu unterscheiden. Ein "cooler Typ" sei er, sagen jene einhellig. Einer, der sich nicht nur nach ihren Prüfungen, sondern auch nach ihrem Privatleben erkundigt. Seine Vorlesungen in der Pharmakologie sind proppevoll, sein Unterrichtsstil mitreißend. Irgendwie schafft der Ostfriese es, eigentlich trockene Details über Halbwertszeiten von Medikamenten, Dosis-Wirkungs-Beziehungen und Rezeptoren spannend zu gestalten. Kleine Anekdoten aus der eigenen Studentenzeit amüsieren seine Zuhörer. Und gruseliges Anschauungsmaterial wie eingelegte Blutegel in Glaszylindern, die Kroemer in die Vorlesung mitbringt, erstaunen sie.

Etwas Neues, Eigenes machen

Der Dekan ist wie viele Professoren in Greifswald jung, will etwas bewegen und ist offen für Kritik. Seine Doktoranden schätzen ihn für seine Unkompliziertheit. Sie müssen sich nicht Wochen vorher einen Termin geben lassen. Wenn Kroemer da ist und nicht telefoniert, gehen sie einfach zu ihm rein.

Wer als Dozent das große Geld verdienen will, geht wohl an die renommierten Universitäten und eher nicht nach Greifswald. Die meisten Professoren hier scheinen Idealisten zu sein. Zum Beispiel Christoph Fusch, Professor für Kinderheilkunde und Spezialist für Neugeborene. Der 44-Jährige nahm einen Ruf für eine Professur in Marburg nicht an, obwohl er dort vermutlich viel mehr hätte verdienen können, wie seine Kollegen versichern. Fusch blieb. Er wollte sich nicht an den verkrusteten Strukturen ehrwürdiger Universitäten abarbeiten, sondern lieber etwas Neues, etwas Eigenes machen.

Zum Beispiel die Säuglingssterblichkeit von Frühgeborenen in Mecklenburg-Vorpommern senken, die bis Mitte der neunziger Jahre noch dreimal so hoch war wie jetzt. Oder seinen Studenten etwas von sanften Beatmungsmethoden für Frühchen erzählen. "Die meisten, die in meiner Hauptvorlesung sitzen, kenne ich nach einiger Zeit", sagt Fusch. Er selbst hat damals in Bochum in einem Pulk von 600 Kommilitonen angefangen und im Unterricht auf den Stationen ab und zu mal einen Arzt "von weitem" gesehen. "Leider zählt in Deutschland - anders als in England oder Amerika - die Lehre an den Unikliniken nicht viel", sagt er. Sondern mehr, wie viele wissenschaftliche Veröffentlichungen man als Professor habe. "Doch das sagt nichts darüber aus, ob du selbst ein guter Arzt bist oder gute Ärzte ausbildest."

"Der Chef hat nach dir gefragt"

Er will es besser machen. Und freut sich, wenn die Studenten von den Seminaren im Krankenhaus völlig erschöpft nach Hause gehen, weil sie zum Beispiel bei der "Erstversorgung einer Hochrisikogeburt" zusehen konnten. Wer ein längeres Praktikum auf einer seiner Stationen macht, muss damit rechnen, dass Fusch mehrmals am Tag vorbeikommt, sich jemanden schnappt und ihn dann befragt, ihm erklärt und Neues zeigt. So wie Freerk Prenzel, der für das letzte Jahr an der Uni extra von Kiel nach Greifswald wechselte. Er hört mal eben schnell zusammen mit dem Professor die Lungen des 2.200 Gramm schweren Jakob ab.

Dann saust der Prof ein Stockwerk tiefer, wo Stephanie Krack im "Pflegepraktikum" ist, das ganz am Anfang des Studiums abgeleistet werden muss. Seit vier Wochen lernt die Erstsemestlerin nicht nur Waschen, Füttern und Wickeln. Sie erlebt auch angenehme Umgangsformen auf einer Krankenhausstation und merkt: Hier stört sie nicht, sondern soll etwas lernen.

"Anfangs habe ich mich erschrocken, wenn es hieß: Der Chef hat nach dir gefragt", sagt die 20-Jährige, die aus Fulda stammt. "Ich dachte: O Gott, was habe ich ausgefressen?" Doch statt sie zu kritisieren, zeigte ihr Christoph Fusch einen spannenden Patienten. Und gab ihr das gute Gefühl, dass hier der Professor auch mal Anfänger nach ihrer Meinung fragt.

Anika Geisler / print

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