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Nachhilfe: Versetzung möglich

Kinder versagen, Eltern verzweifeln - Lehrer verteilen Fünfen. Jetzt bleibt nur noch Nachhilfe. Die Branche boomt und wird immer professioneller. Worauf Eltern achten sollten, damit der Privatunterricht nicht zur teuren Dauereinrichtung wird.

Von Bettina Schneuer

Sie hat acht Augen und acht graziöse Beine, sie frisst nur Lebendiges, und ihr Biss ist sehr giftig. "Neulich hat sie sich gehäutet, hat fünf Stunden gedauert, ihr Chitinskelett hat richtig geknackt. Dabei steigt Bertas Blutdruck auf 450 - wir Menschen wären da längst tot!" Sachkundig referiert Vincent Kreutzenbeck, 13, über Berta - eine Vogelspinne. In Spinnenkunde hätte Vincent locker eine Eins. Ärgerlicherweise für den Siebtklässler aus Düsseldorf wird dieses Fach an seinem Max Planck Gymnasium nicht angeboten, sondern nur Klassiker wie Deutsch, Latein, Mathe und Englisch. Sein Gesamtnotenschnitt: knapp Zwei minus. "Das könnte schon noch besser werden", findet Vincent. Findet auch seine Mutter Victoria, 44: Denn ihr jüngstes Kind "ist zwar ehrgeizig - aber trotzdem ein fauler Hund, der erst in letzter Sekunde übt".

Ihre Töchter Faye, 16, und Laetitia, 14, mussten beide vom Gymnasium auf die Realschule wechseln. Vincent soll das nicht passieren. Deshalb bekommt er seit über zwei Jahren Nachhilfe: "Anfangs in Mathe, aber da stehe ich inzwischen auf Zwei Dumpingminus!" Latein dagegen ochst er immer noch, Ergebnis: Note Drei, eine besser als anfangs. Englisch schiebt er vor Klassenarbeiten extra ein. Beim "Studienkreis", Deutschlands größtem privaten Nachhilfeanbieter mit bundesweit über tausend Filialen, paukt Vincent jeden Donnerstag 45 Minuten. Derzeit allein, früher in einer Kleingruppe mit ein, zwei anderen: "Da kann ich auch öfter nachfragen. In der Schule finde ich das uncool."

Das Riesengeschäft am Nachmittag

Jeder vierte Schüler erhält während seiner Schullaufbahn Nachhilfe. Die meisten in Mathe, Deutsch und Englisch: ein Drittel der Gymnasiasten, knapp 30 Prozent der Real- und Hauptschüler, sogar schon 5 Prozent der Grundschüler. Ein Riesengeschäft wird da jeden Nachmittag gemacht: Bis zu fünf Milliarden Euro geben Eltern jährlich für Nachhilfe und Lernmittel aus, schätzt das Statistische Bundesamt. Tendenz steigend. Bei 65.000 bis 70.000 Schülern pro Jahr macht allein der Studienkreis einen Umsatz von 75 bis 80 Millionen Euro. Vor allem vor den Zeugnissen steigt die Nachfrage. Um sich auf diesem stark umkämpften Markt zu behaupten, verkaufte der Studienkreis Ende Februar zwei Wochen lang Gutscheine in allen tausend Tchibo-Filialen. Für 49,90 Euro können die Kinder in den gängigen Fächern einen Monat lang Nachhilfe bekommen. Rund 30.000 Gutscheine gingen über die Kaffeetheke. Finanziell lohnt sich die ungewöhnliche Aktion für den Nachhilfeanbieter zunächst nicht, der Dumpingpreis deckt nicht die Kosten. Aber man verspricht sich mit der Marketingaktion beim Studienkreis Zugang zu neuen Kunden. Bei Tchibo heißt es: "Bei uns kaufen viele Mütter ein, wir bieten viele Kindersachen. Warum also nicht mal Nachhilfe? Die Aktion ist toll gelaufen. Es gab ein gigantisches Echo." Nachhilfe - ein Konsumartikel wie Shampoo oder Strümpfe?

"Eine wesentliche Aufgabe der Schule wird in die Privatwirtschaft verlagert", warnt Renate Hendricks, ehemalige Vorsitzende des Bundeselternrats und Mutter von fünf Kindern. Ihr Einwand: "Private Nachhilfe ist die Kapitulation, der Offenbarungseid des jetzigen Schulsystems." Auch der Erziehungswissenschaftler Peter Fauser von der Universität Jena sieht darin einen Skandal: "Nachhilfe gehört als Teil individualisierter Lernförderung in die Schule. Dazu braucht man: erstens anderen Unterricht und zweitens Ganztagesangebote." Doch statt schwachen Schülern zu helfen, haben die meisten deutschen Bildungsstätten nachmittags geschlossen. Dass es auch anders geht, beweist Pisa- Spitzenreiter Finnland. Dort besteht ein Viertel des Unterrichts aus individuellen Fördergruppen. Nachhilfe wird in der Schule von den Lehrern organisiert, Qualität garantiert - und das alles umsonst.

Dabei wäre Deutschland gut beraten, wenn auch hier die Lehrer den Job übernehmen würden. Denn "der Nachhilfemarkt hat zur Folge, dass die Chancenunterschiede wachsen", sagt Peter Fauser. Nicht nur, weil Nachhilfe Geld kostet und sich nicht alle Eltern diese Extra-Ausgabe leisten können, sondern weil Schule und Lehrer dadurch Stärken, vor allem aber Schwächen von Schülern systematisch übersehen. "Die tauchen nur im Nachhilfeunterricht auf, weil sie in der Schule zu Sanktionen führen", sagt der Pädagogikprofessor. Auf Dauer würden die Schulen dadurch schlechter. Wenn sie es nicht bereits sind. "Nu stell dich nich so an! Schreib von deiner Banknachbarin ab!", hörte Lisa, 11, oft von ihrer Grundschullehrerin, wenn sie nachfragte, weil’s in der Klasse mal wieder zu laut war. Ihre Mutter Petra Leipold, 47, alleinerziehend und Abteilungsleiterin der Messe Berlin: "Echt das Letzte in Sachen Pädagogik und Disziplin!" Über Abacus hat sie eine Lehramtsstudentin angeheuert. Mit Erfolg. "Durch Melanie habe ich begriffen, was ein Tuwort ist, und die Sache mit dem Doppel-S bei Mehrzahl", erzählt Lisa. Kommerzielle Nachhilfe-Institute könnten Reformen im öffentlichen Schulwesen anstoßen, glaubt Jugendforscher Klaus Hurrelmann. "Sie tun das, was aus den international vergleichenden Pisa-Studien als dringende Entwicklungsaufgabe für das deutsche Bildungssystem gefordert wird: Sie realisieren die individuelle, gezielte Förderung von fachlichen Leistungen." Und anders als das Schulsystem sind die privaten Dienstleister erfolgsorientiert, kündbar und qualitativ überprüfbar.

Schüler profitieren deutlich von Nachhilfe

Denn eine gute Nachricht gibt es: Nachhilfe ist zwar teuer, aber ein Geschäft mit messbaren Erfolgen, so das Ergebnis einer Studie der Universität Bielefeld: Danach verbesserten sich bei 69 Prozent der Schüler die Leistungen durch Nachhilfe. Ja, sie profitierten sogar in den Fächern, in denen sie gar nicht gefördert wurden. Auch eine große Internetumfrage der Stiftung Warentest ergab: Bei rund der Hälfte der Nachhilfeschüler gab es leichte Notenverbesserungen, bei weiteren 30 Prozent sogar erhebliche. Rund 70 Prozent würden ihre Nachhilfe-Lösung weiterempfehlen. Eine Förderung zu Hause durch Mami oder Papi wäre zwar kostenlos, trotzdem sollten Eltern sich das ersparen: Selbst wenn sie die Zeit haben, die Vorbildung, und sogar das pädagogische Geschick - ihnen fehlt in der Regel der nötige emotionale Abstand. "Ich bin viel zu cholerisch, brülle los, wenn es nicht gleich schnackelt", gesteht die Mutter von Vincent. Die selbstständige Reitlehrerin zahlt, auch wenn es ihr "finanziell nicht leicht fällt", daher lieber dem Studienkreis 290 Euro monatlich für ihre drei Kinder, denn auch Vincents Schwestern Laetitia und Faye gehen zur Nachhilfe.

Wenn die Fünfen auf den Klausuren prangen, sollten die Eltern als Erstes offensiv mit dem Fachlehrer reden und ihn um Tipps und Telefonnummern bitten. Zudem sollten sie sich im Bekanntenkreis umhören - und dann individuell entscheiden. Denn nicht jedes Kind passt zu jeder Nachhilfeform. Ob privater Einzelunterricht beim Studenten oder Gruppenunterricht an einem der mehr als 3000 Nachhilfe-Institute, müssen Eltern und Kinder ausprobieren. Wer sich für ein Institut entscheidet, sollte Probestunden besuchen - zwei sollten kostenlos möglich sein, um zu testen, ob Kind und Lehrer sich mögen. Preise wie Vertragslaufzeiten sind höchst unterschiedlich. Eine staatliche Aufsicht oder gar eine Qualitätskontrolle der gewerblichen Anbieter, die ein Viertel des Kinder-Bildungsmarktes unter sich aufteilen, findet nur schleppend statt. Knapp 20 Institute haben das RAL-Siegel des Deutschen Instituts für Gütesicherung und Kennzeichnung für Nachhilfe; vom TÜV (der auch Bildungsanbieter auf ihre Qualität hin prüft) Rheinland sind bislang 400 der über 1000 Studienkreis-Filialen zertifiziert, vom TÜV Nord etwa 130 der 1000 Schülerhilfe-Niederlassungen.

Kind muss Nachhilfe wollen

Bessere Noten bringt Nachhilfe nur, wenn das Kind den Beistand selbst will und sich nicht nur dem Druck der Eltern beugt. Sonst wird der Privatunterricht zur teuren Dauerkrücke bei der Notenaufholjagd. So wie bei Marie*, 17, die verschiedene Nachhilfeformen durchprobierte. Ihr Fazit: "Ich steh nicht auf Gruppenunterricht - der ist ja so ätzend wie Schule!" Die Berliner Gymnasiastin büffelt seit Jahren privat Mathe, Latein und bis vor Kurzem Französisch. "Meine Eltern zwingen mich dazu. Meine Mutter sagt immer: 'Du bleibst sitzen! Du wirst nichts!' Mein Vater ist Professor und versteht nicht, warum ich nichts verstehe." Auf Maries Eltern und auf Marie kommt wohl noch mehr zu: "In Chemie habe ich nun auch eine Fünf. Da habe ich seit den Ionen nichts verstanden." Die Ionen waren in Klasse 9 dran - Marie ist in Klasse 11. Ehrgeizige Eltern, die ihre Kinder unbedingt auf dem Gymnasium halten wollen, machen "einen immer größeren Teil unserer Klientel aus", freut sich ein Nachhilfe-Insider. Gut fürs Geschäft - schlecht für einen permanent überforderten Nachwuchs. Ansonsten sind die Gründe für ein schulisches Abrutschen vielschichtig: Pubertät steht ganz oben auf der Liste, dazu kommen längere Krankheit, Auslandsaufenthalte, Trennung der Eltern, ein Orts- oder Schulwechsel.

So wie bei Daniel Teuber. Der 16-jährige Frankfurter wechselte im Sommer 2004 von der Gesamtschule im Gallus-Viertel, auf der sich der glatte Zweier-Schüler "unterfordert fühlte", auf die staatliche Liebig-Europa-Schule. Folge: "Ich war überall ein Jahr hinterher im Stoff, echt krass. In Französisch kannte ich bloß zwei Zeiten - in der neuen Schule hatten die schon alle!" In seinem nächsten Zeugnis prangte eine zur Gnadenfünf geschönte Sechs in Französisch, dazu glatte Fünfer in Deutsch, Englisch, sogar in seinem Lieblingsfach Mathe. Daniels Mutter Ute Riepl, 40, Datenoperator im Schichtdienst, zog die Notbremse. Sie ließ Daniel freiwillig zurückstufen und verordnete ihm Nachhilfe. "Bei Sprachen bin ich Dan echt keine Hilfe. Außerdem arbeite ich voll, ich kann das schon zeitlich nicht leisten." Knapp zwei Jahre lang saß ihr Sohn daher für 140 Euro pro Monat mit vier anderen Kindern drei Wochenstunden bei der Schülerhilfe. Beachtliche Ergebnisse waren bereits nach neun Monaten Privatpaukens da: eine Mathe- Eins im Zwischenzeugnis, in Französischtests, "knallharte Grammatikarbeiten", Drei minus - Note fast halbiert. Jetzt hat sich Daniel bei der Schülerhilfe abgemeldet. "Rund 3000 Euro" hat seine Mutter Ute dafür insgesamt berappt, "das ist viel für mich - aber das ist es mir wert".

"Klotzen, nicht kleckern"

Experten wie Alexander Geist, Lehrer und Schulpsychologe aus Erding sowie Autor von Lernratgebern, empfiehlt: "Klotzen, nicht kleckern." Eine Art Nachhilfe-Rosskur, etwa acht Wochen täglich zwei, drei Stunden. So werde das nicht zur Dauereinrichtung. Auch ein Intensivkurs in den langen Sommerferien bringe etwas - aber erst zu deren Ende hin. Bildungsexperte Hurrelmann, der Nachhilfe-Institute früher als "Absahner" geißelte, hält heute deren Angebote für "vorbildlich modern".

Aber teuer: Laut der Umfrage von Stiftung Warentest investierten die Eltern dafür im Schnitt 1550 Euro – bei privater Nachhilfe war es weniger als die Hälfte. Grund: Die Kinder verbringen meist über ein Jahr bei Studienkreis oder Schülerhilfe. Abacus, mit bundesweit über hundert Filialen für die Vermittlung von Fachlehrern für zu Hause und mit jährlich rund 100 000 Schülern auf Platz zwei nach dem Studienkreis-Institut, wirbt dagegen: 70 Prozent ihrer Kinder hätten sich wegen der Einzelnachhilfe bereits nach fünf Monaten um mindestens eine Note verbessert. Kosten: 90 Minuten für 35 bis 45 Euro. Also monatlich zwar teurer als die Institute - dafür angeblich mit schnellerem Erfolg. Über Abacus fand Petra Dippe aus Solingen vor vier Jahren eine "tolle ältere Dame", die es schaffte, dass ihr Sohn Marlon 2005 im Abi "das große Latinum mit einer Zwei hinlegte - ausgehend von einer Tendenz- Fünf!" Bis sie zu Abacus fand, hatte sie schon so einiges ausprobiert: Erst der Oberstufenschüler, der ein Drittel der Zeit mit Marlon nur über Musik quatschte. Dann der alleinerziehende Gesamtschullehrer, der seinen Kindern zwischendurch Essen kochte. "Alles Geldverschwendung!", sagt Petra Dippe.

Suspendiert wegen des Verdachts auf Kindesmissbrauch

Sie schaute wieder Kleinanzeigen durch: "Da fand ich einen angeblichen Gymnasiallehrer, der bei sich zu Hause Latein unterrichten wollte." Der Mann wohnte ganz abgelegen, in einer Art Gartenhaus. Als er ihr beim Testbesuch die Tür öffnete, erkannte Petra Dippe, Angestellte bei der Schulverwaltung, ihn sofort: "Das war ein Hauptschullehrer, der suspendiert worden war - wegen des Verdachts auf sexuellen Missbrauch von Kindern! Ich bin sofort zur Polizei und habe gesagt, der lockt sich mit seinem Inserat Opfer ins Haus. Doch was wäre mit meinem Sohn passiert, wenn ich den Typ nicht erkannt hätte?" Ein Albtraum, noch schlimmer als schlechte Noten. Übrigens: Bei seriösen Instituten werden potenzielle Lehrkräfte gründlich geprüft. "Problemfälle", sagt Dorothee Beckmann von Abacus Berlin, "würden von unserem Profi-Auswahlverfahren sicher abgeschreckt."

Mitarbeit: Catrin Boldebuck / print

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