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Rente: Sorge dich nicht - spare!

Jeder fragt sich, ob er im Alter genug Geld für ein schönes Leben haben wird. Die gesetzliche Rente reicht dafür garantiert nicht. Wer kann, sollte vorsorgen. Und alle müssen erkennen, dass die Zukunft ungewiss ist.

Von Stefan Schmitz

Am liebsten würde Claudia Hannig ihre Altersvorsorge mithilfe eines großen Sparstrumpfs regeln. Da käme dann rein, was am Monatsende übrig bleibt - und wenn sie alt ist, nimmt sie jeden Morgen ein Scheinchen aus dem Sack und geht damit ihre Brötchen kaufen. Sie brauchte keine Riester-Rente, die sie nicht versteht. Keine gesetzliche Rente, der sie nicht traut. Die Zinsen könnten ihr egal sein, ob sie nun steigen oder fallen. Genauso die Chinesen, die unsere Wirtschaft bedrohen oder auch nicht. "Durch den Wust an Informationen steigt doch keiner mehr durch", sagt die 40-Jährige. "Ich will nichts mehr hören." Wenn man heute einen Plan mache fürs Alter, wisse sowieso niemand, ob der auch aufgeht, wenn man grau und bedürftig ist.

Die gelernte Kauffrau weiß natürlich, dass Sparen im Strumpf ökonomisch gesehen grober Unfug ist. Sie hat ein Haus, das noch nicht bezahlt, und eine süße Tochter, die erst fünf ist. "Ich muss was machen", sagt sie. Ihr Mann Stephan, 38, nickt. Er muss auch was machen. In den Händen halten die beiden die Informationsschreiben der Rentenversicherung, die inzwischen an alle Beitragszahler verschickt wurden. 582,75 Euro hat die Verlagsangestellte bislang sicher; nur 213,23 Euro sind es bei ihm, der als Grafikdesigner die meiste Zeit freiberuflich gearbeitet hat. Das langt einnicht. Die Hannigs sind ganz normale Leute. Wie ihnen geht es fast allen.

Perfide Form der Altersarmut

73 Prozent der Deutschen glauben nach einer Forsa-Umfrage für den stern, dass sie im Alter mit der gesetzlichen Rente allein nicht über die Runden kommen. Sie haben recht. Anders als die jetzige Rentnergeneration können sich die über 35-Jährigen nicht darauf verlassen, dass sich alles mehr oder weniger von allein regelt. Ihnen droht am Ende des Lebens eine besonders perfide Form der Armut: nämlich eine, gegen die sie dann - alt, womöglich krank, jedenfalls ohne Chancen auf dem Arbeitsmarkt - selbst nichts tun können. Millionen Deutschen wird, wenn sie in ein paar Jahrzehnten nicht mehr arbeiten, nur eine staatliche Grundsicherung bleiben. 2030 wird eine gesetzliche Rente oberhalb der Grundsicherung nur noch bekommen, wer 30 Jahre lang auf den Durchschnittsverdienst - zurzeit knapp 30.000 Euro brutto jährlich - eingezahlt hat.

Man kann das ganze Elend beklagen, die Ungerechtigkeit im Verhältnis der Generationen anprangern und natürlich die Kurzsichtigkeit der Politiker. Das gehört seit Jahren zum festen Talkshow-Repertoire. Selbst Norbert Blüm weidet sich in seiner neuen Rolle als Kabarettist an den Sorgen des Publikums. "Die Rente ist sicher", nuschelt der bestversorgte Langzeitminister da mit einem Hauch Selbstironie. Weil die Rente eben nicht mehr sicher ist, kommen auf Wunsch jederzeit provisionshungrige Berater der Banken und Versicherungen ins Haus, um die Zukunft in düstersten Farben zu malen. Und dann eine Broschüre auszupacken, in der Menschen mit zwar faltiger, aber tief gebräunter Haut zu sehen sind. Die haben gehandelt, unterschrieben, eingezahlt. Ihre letzten Jahre verbringen sie offenbar mit einer Hand an der Pinne ihres Segelbootes, während die andere auf dem durch Pilates konservierten Schenkel der Gefährtin ruht.

Es kommt noch heftiger

Das Geschäft der Vorsorgeprofis funktioniert, weil die Ängste der Leute einen realen Kern haben. Längst reichen die Rentenbeiträge nicht mehr aus, um die Leistun­gen zu finanzieren. 78 Milliarden mussten im vergangenen Jahr aus Steuergeldern zugeschossen werden; und das, obwohl knapp 20 Prozent auf den Bruttolohn in die Rentenkasse abgeführt werden. Es kommt noch heftiger. Denn zurzeit zahlen die in den 50er und 60er Jahren Geborenen für die Alten. Die aktiven Jahrgänge sind meist geburtenstark und kinderarm, die Reihen der Ruheständler durch den Krieg ausgedünnt. Wenn die Babyboomer in zwei Jahrzehnten in Rente gehen, gibt es noch mehr langlebige Leistungsempfänger und noch weniger Beitragszahler. Die Leistungen werden dramatisch sinken. Um ein Viertel, bei optimistischen Annahmen, prophezeit der Sozialverband Deutschland.

Die Botschaft scheint klar: Nur wer sich kümmert, erlebt einen goldenen Lebensabend. Die anderen werden keinen Grund zum Lachen haben. Aber so muss es nicht kommen. Richtig ist nämlich auch, dass die heute 40-Jährigen bessere Chancen auf ein gutes Leben haben als jede Generation zuvor - und zwar bis zu ihrem späten Tod. Nur sicher ist es nicht, denn vernünftige Vorsorge für das Alter ist kompliziert geworden.

Über viele Generationen war die Sache einfach geregelt. Die Kinder sorgten für die Eltern, falls die das Glück hatten, nicht in vergleichsweise jungen Jahren Krankheiten, Hunger oder Krieg zum Opfer zu fallen. Ein paar Reiche konnten sich Leibrenten kaufen. Aber der Staat hatte damit nichts zu tun. Als der eiserne Kanzler Otto von Bismarck 1891 die Altersrenten ein führte, um den Sozialdemokraten das Wasser abzugraben, ging es bestenfalls um eine Grundsicherung für wenige: Das Renteneintrittsalter lag bei 70, was nur jeder vierte Mann und jede dritte Frau erlebte. Wer so alt wurde, konnte sich meist nur kurze Zeit an den Zahlungen freuen. Erst die junge Bundesrepublik schuf den historisch einmaligen Zustand, den wir heute für erstrebenswert halten: nämlich eine Rente, die nicht nur das Überleben, sondern - zumindest bislang und bei vielen - den Wohlstand sichert. Immer mit festem Blick auf die Wählerstimmen der Alten verteilten Kanzler von CDU und SPD Wohltaten. In den vergangenen Jahren kam dann die Wende - eine ganze Serie von De-facto-Kürzungen, die mit nebulösen Begriffen vom demografischen Faktor bis zur Rente mit 67 verkauft wurden.

Es wird Altersarmut geben

Betroffen sind beileibe nicht alle Arbeitnehmer gleich. Gewaltig sind die Unterschiede zwischen Jungen und Alten, zwischen Kinderlosen und Familien, zwischen Gut- und Geringverdienern. Fangen wir bei den Alten an: Ihre Rente ist tatsächlich sicher. Nur fürstlich ist sie oft nicht. Die Hälfte der Männer und etwa 95 Prozent der Frauen bekommen unter 1000 Euro. Auch wer mehr hat, musste in den vergangenen Jahren Abstriche hinnehmen. Rudolf Binder aus Freiburg zum Beispiel bekommt heute 1727,65 Euro im Monat - das sind exakt vier Euro weniger als im Jahr 2002. "Es ist eine Sauerei, dass man nicht wenigstens die Teuerung angerechnet bekommt", schimpft der ehemalige Bauingenieur, der jahrzehntelang eingezahlt hat. "Wo ist denn der Aufschwung?" Seine Frau Irma erhält magere 300 Euro Rente. Und trotzdem - typisch für Großeltern in allen Zeitaltern - helfen sie ihren Kindern und Kindeskindern. So wohnt die Tochter mit Familie mietfrei im ersten Stock des Hauses, das Oma und Opa abgestottert haben.

Als Binder, inzwischen 86, vor 60 Jahren aus der Kriegsgefangenschaft kam, steckte sein gesamter Besitz in einem Seesack. Diese Klamotten trug er noch bis 1951. Er fühlt sich als Angehöriger einer Generation, die das Land unter erheblichen Mühen aufgebaut hat.

Tatsächlich sehnen sich die vermeintlich benachteiligten Angehörigen der Generation Golf nicht nach dem Leben der Altvordern. "Ich habe mehr von der Welt gesehen, mehr Geld verplempert, wahrscheinlich mehr Spaß gehabt", sagt Claudia Hannig. Sie will nicht tauschen. Obwohl sie in den vergangenen Jahren schwere Krankheiten erlebt hat und nun gar nicht so sicher ist, dass ihr 40 Jahre lang genossener Wohlstand für immer währen wird. Die Eltern ihres Mannes Stephan waren beide Beamte und verzehren nun eine üppige Pension. Neid empfindet aber auch er nicht. "Jeder ist seines Glückes Schmied", sagt er. Und ein Leben als Lehrer wäre - Pension hin oder her - für ihn nichts gewesen. Seine Mutter zahlt in eine Lebens­versicherung, von der die Familie aus Kerpen einmal profitieren wird. Aber wirklich wichtig scheint ihm das nicht. Es geht erstaunlich entspannt zu zwischen Jung und Alt.

Für manche ist die Rente sicher

Nur von einer winzigen Altersgruppe können die Jüngeren mit einigem Recht sagen, sie hätten es tatsächlich besonders glücklich getroffen. Nämlich die, die zu jung sind, um im Krieg gelitten zu haben, und zu alt, um sich wirklich Sorgen machen zu müss en. Christa und Günther Werth gehören dazu; was man ihnen nun wirklich nicht vorwerfen kann. Mathe- Lehrer Günther und seine Frau zogen mit 63 Jahren, gleich nach der letzten Schulstunde im Sommer 2006, von Hamburg nach Görlitz. Da leben sie nun in einem schicken 150-Quadratmeter-Haus, das sie als Ruine billig gekauft und mit viel Liebe und Geld hergerichtet haben. Ihre Putzfrau arbeitet für sechs Euro die Stunde. "Sie hatte sich für vier Euro angeboten", sagt Christa Werth. Sie können es sich leisten, fair zu sein, und sie sind es auch. Bis zu einem Viertel niedriger schätzen sie die Lebenshaltungskosten in Görlitz im Vergleich zu Hamburg ein - aber vor allem ist es schön in der Stadt, die schon vor Jahrzehnten den Beinamen "Pensionopolis" trug. Das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung hat ermittelt, dass schon 80.000 Menschen über 65 in den vergangenen zehn Jahren von Deutschland West nach Deutschland Ost gezogen sind. Auch das ist eine Form, den Lebenss tandard im Alter zu optimieren.

Dass man sich etwas einfallen lass en muss , ist das Mantra aller Sozialpolitiker. Aber was? Es können ja nicht alle in den Osten ziehen. Je nach Wahlkampfterminen und Kass enlage hat der Staat in den vergangenen Jahren neue Fördermöglichkeiten geschaffen, um die Abhängigkeit der künftigen Rentner von der gesetzlichen Versicherung zu mindern. Allen gemeinsam ist, dass privat vorgesorgt werden soll. Aber wenn Geld fehlt, wird auch bei den Sparern abkass iert. Selbst wer bereits Vorsorge getroffen hat, kann erleben, wie ihm die erratische Politik an die sicher geglaubten Alterseinkünfte geht. Millionen sind davon betroffen. Einer von ihnen ist der langjährige Volkswagen-Mitarbeiter Klaus Pliska, der seit Mitte der Achtziger Jahr für Jahr 2400 Mark aus seiner Gewinnbeteiligung in eine Lebensversicherung eingezahlt hat. Im April vergangenen Jahres kam der Bescheid der Victoria-Versicherung: Sie zahlte etwas über 50.000 Euro aus. Plötzlich forderte Pliskas Krankenversicherung satte 8325 Euro. "Als ich das las, dachte ich, was hat meine Krankenversicherung mit der Lebensversicherung zu tun?", sagt der 60- jährige Rentner. Er hatte keine Ahnung, dass ein Gesetz von 2004 ihn zwingt, Sozialbeiträge auf solche Einkünfte abzuführen. "Ich fühle mich betrogen", schimpft er. "Ich soll von dem Geld zweimal Beiträge zahlen." Letztlich wird das Verfassungsgericht entscheiden, ob das rechtens ist.

Teilzeitkräfte sind am stärksten bedroht

Auch das ist eine neue Erfahrung: Selbst wer alles richtig macht, muss nicht immer Erfolg haben. Deshalb raten alle Experten dem vorbildlichen Vorsorger, nicht nur auf eine Anlage zu setzen. Also am besten gesetzliche Rente plus betriebliche Vorsorge plus Immobilie plus Riester. Das Kalkül ist, dass überall etwas schiefgehen kann - aber nicht alles schiefgehen wird. Das Dumme ist nur: Die meisten können sich diese Luxusvariante der Vorsorge nicht leisten. Besonders hart trifft es Alleinerziehende wie Micaela Rinn aus Henstedt-Ulzburg. Die 38-Jährige fährt sowieso schon ein altes Klapperauto und im Urlaub mit ihrem Sohn Maxime allenfalls ein paar Tage auf den Bauernhof. "15 Euro im Monat könnte ich vielleicht abknapsen", sagt sie. Viel mehr geht nicht. Dabei müsste sie nach der reinen Lehre der Altersvorsorger sparen, sparen, sparen. Denn die gelernte Fremdsprachensekretärin arbeitet nur Teilzeit - 19,5 Stunden die Woche. Damit gehört sie zu denen, die am stärksten von Altersarmut bedroht sind.

Sie könnte kapitulieren und sich sagen: Sparen sollen die anderen, ich kriege ohnehin nur die Grundsicherung - und da selbst erworbene Ansprüche, einschließlich der Riester-Rente, darauf angerechnet werden, nutzen die mir auch nichts. Aber: "Die Riester-Rente lohnt sich für alle", wie das Arbeitsministerium versichert. Gerade bei Geringverdienern übernimmt der Staat bis zu 90 Prozent der Einzahlungen. Und den eigenen Beitrag - mit Zinsen - bekommt zurück, wer den Vertrag bei Renteneintritt kündigt. Wer weiß, ob Frau Rinn in den drei Jahrzehnten bis zum Ruhestand nicht doch Gelegenheit hat, sich selbst eine Altersvorsorge aufzubauen. Schaden würde ihr ein Riester-Vertrag also auf keinen Fall.

Wer früh vorsorgt, muss nicht darben

Heute sind nur etwa zwei Prozent der Rentner auf die staatliche Grundsicherung - ein schöneres Wort für Alten-Hartz-IV - angewiesen. Es werden in den kommenden Jahrzehnten deutlich mehr werden. Gleichzeitig sinkt auch das Versorgungsniveau der anderen durch die Pflichtrente - und damit wachsen die Unterschiede. Wer es sich leisten kann und früh vorsorgt, wird nicht darben. Und der Rest? Der wird weniger haben. Nur kann niemand sagen, wie viel das sein wird. Denn entscheidend sind zwei Dinge: Wie sich die augenscheinlich unaufhaltsam steigende Lebenserwartung entwickelt und - wichtiger noch - wie es dem Land insgesamt geht. Der kürzlich verstorbene Altersforscher Paul Baltes vom Berliner Max-Planck-Institut war sicher, dass es nie zu einem Krieg der Generationen kommen wird. So wie es im vorindustriellen Deutschland den Alten gut ging, wenn es ihren Kindern gut ging, so wird es auch in Zukunft sein. Die "Psychologie der Generationen", wusste Baltes, ist auf Harmonie angelegt. Falls eine Verteilung des Wohlstandes entsteht, die als ungerecht empfunden wird, wird sich auch ein Weg finden, dies zu ändern - und zumindest solange es demokratisch zugeht, dürfte es schwer sein, Politik gegen die geburtenstarken Jahrgänge der heute 40- bis 50-Jährigen zu machen.

Alle Probleme scheinen lösbar, wenn die Produktivität steigt, das Sozialprodukt wächst und Deutschland eine starke Stellung in der Weltwirtschaft behauptet. Dann wird das gegenwärtige Jammern nur als Fortsetzung einer Grundsorge der Deutschen erscheinen, die sie seit Jahrhunderten - und zu Unrecht - begleitet. Schon 1932 klagte der Bevölkerungsstatistiker Friedrich Burgdörfer über "Geburtenschwund und Überalterung". Das 19. Jahrhundert war voller Warnungen vor den Folgen der internationalen Arbeitsteilung. "Im unerhörten Wettstreit der Produktion jungfräulicher Länder werden die alten Reiche der Franken und Germanen sich vergebens anstrengen", schrieb vor über 150 Jahren Georg Weerth. Anders als von Weerth befürchtet, ist von Deutschland mehr übrig geblieben als "die Hegelsche Philosophie und ein Band ihrer Gedichte".

Der Wohlstand, den wir heute genießen, war selbst in den als golden gepriesenen Wirtschaftswunderjahren unvorstellbar - und die liegen nicht viel weiter zurück als die angeblich düstere Zukunft des Jahres 2040 vor uns. Grund, aus Angst vor Altersarmut depressiv zu werden, hat also niemand. Wer kann, sollte trotzdem privat vorsorgen. Nach dem Motto: Sorge dich nicht - spare. Claudia Hannig, die Verlagskauffrau aus Kerpen, hat da gute Vorsätze. Sie könnte sich vorstellen, mal einen Urlaub ausfallen zu lassen, um etwas für die Rente zu tun. Aber nie mehr in Urlaub fahren, bis das Rentenkonto voll ist? "Wirklich nicht", sagt sie. "Wir wollen unser Leben auch jetzt genießen."

Mitarbeit: Silke Gronwald, Dorit Kowitz, Jan Rosenkranz, Elke Schulze

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