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Interview

Ernährungsexpertin über Kita-Essen: Nach Schweinefleisch-Debatte: "Es ist Schwachsinn, dass wir unsere deutsche Küche verraten würden"

Zwei Leipziger Kitas wollten fürs Mittagessen kein Schweinefleisch mehr bestellen – und ernteten dafür harsche Kritik. Nach heftigen Diskussionen ruderte die Leitung zurück. Ernährungsexpertin Dagmar von Cramm sieht ein ganz anderes Problem in Kitas.

Kita Schweinefleisch

Ernährungsexpertin Dagmar von Cramm findet, die Schweinefleisch-Debatte gar nicht so dramatisch. Kinder sollten sowieso weniger Fleisch essen.

Getty Images

Zwei Leipziger Kitas wollten aus Rücksicht auf muslimische Mädchen kein Schweinefleisch mehr zum Mittagessen bestellen. Eltern dürften natürlich weiterhin Würstchen mitgeben. Die Reaktionen waren dennoch so heftig, dass sie zurückruderten. Finden Sie, dass Ernährung in der Kita bereits ein Politikum sein sollte?

Dagmar von Cramm: Essen in Kitas politisch aufzuladen, finde ich völlig übertrieben. Denn eigentlich geht es um etwas ganz anderes: Die Ernährung in Kitas ist eine große Chance. Und zwar in der Prophylaxe für ernährungsbedingte Krankheiten. Die Kita ist ideal dazu geeignet, Defizite auszugleichen, die in den Familien auftreten und Kinder an ein Essen heranzuführen, was sie sonst nie kennenlernen würden. In der Praxis finde ich den genannten Fall gar nicht so dramatisch.

Die Debatte ist so hoch gekocht, dass sogar die Polizei in der Kita vorbeiguckte.

Mir tut die Kita-Leitung leid, weil ohnehin in der Kinderernährung weniger Fleisch gegessen werden sollte. Nach den Standards der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) sollte mindestens einmal die Woche Fisch gereicht werden und insgesamt weißes Fleisch wie Geflügel bevorzugt werden.

Der Kita-Leitung ging es aber vor allem um den kulturellen Hintergrund der Mädchen. Fromme Muslime sollen nach den Regeln des Islams kein Schweinefleisch essen. Finden Sie, man sollte darauf Rücksicht nehmen?

Es hängt natürlich von der Zusammensetzung der Kita ab. Sind 90 Prozent der Kinder Muslime würde ich auf jeden Fall darauf Rücksicht nehmen. Aber es sollte immer eine Alternative angeboten werden. Beispielsweise kriegen diejenigen, die kein Schweineschnitzel essen wollen, ein Spiegelei. Die Gruppen sind ja selten riesig. Hat ein Kind eine Unverträglichkeit oder sogar Zöliakie, dann nimmt die Erzieherin oder der Erzieher darauf auch Rücksicht. Genauso wenn zwei muslimische Mädchen in der Gruppe sind. Steht Schweineschnitzel auf dem Speiseplan, kriegen die einfach Gemüsebratlinge oder eine andere Alternative. Dass eine Debatte so hoch kochen muss, finde ich albern.

Die Debatte hat jetzt eine andere Richtung eingeschlagen.

Weil die Thematik gleich für populistische Zwecke ausgenutzt wurde. Es entsteht der Eindruck, dass wir unsere deutsche Küche verraten würden, damit Kinder mit Migrationshintergrund zufrieden gestellt würden. Das ist völliger Schwachsinn und viel zu kurz gedacht.

Die Expertin:  Dagmar von Cramm ist Ernährungswissenschaftlerin (Dipl. oec. troph). Sie ist Fachjournalistin und Buchautorin.

Die Expertin:

Dagmar von Cramm ist Ernährungswissenschaftlerin (Dipl. oec. troph). Sie ist Fachjournalistin und Buchautorin.

Worum sollte es dann gehen?

In der Kita werden ernährungsbedingte Empfindlichkeiten abgefragt. Ob jemand beispielsweise Vegetarier ist oder keine Milchprodukte verträgt. Das bedeutet nicht, dass alle anderen auch so essen müssen, aber das mitgedacht werden soll. Muslime würde ich nicht anders behandeln als Vegetarier oder Kinder mit Zöliakie. Insgesamt geht es um Vollwertigkeit.

Wie sieht ein perfekter Teller mittags in der Kita aus?

Ich fände Ofenkartoffeln mit einem Kräuterquark zum Dippen toll. Dazu noch Ofen-Gemüse wie Möhren und Brokkoli. Kinder mögen Fingerfood. 

Sie haben bereits ein Buch zur Kita-Verpflegung herausgebracht. Wie steht es denn ums Essen in Kitas?

Sehr unterschiedlich. Es gibt zwei Probleme: erstens das Budget. Es ist immer die Frage, wie viel die Stadt oder die Kommune zuschießt. Das zweite ist, wie engagiert die Leitung vor Ort ist und das persönliche Interesse am Thema Ernährung. Nicht jeder interessiert sich für gesunde Ernährung. Die einen finden Sprachentwicklung wichtiger, die anderen Musik und Basteln. 

Wenn Sie drei essentielle Dinge in der Kita-Ernährung ändern könnten - welche wären das?

Erstens, dass in der Einrichtung gekocht wird, wenn es nur 20 bis 30 Kinder sind. Das ist ohne Probleme möglich und kostet genauso viel, wie das Essen liefern zu lassen. Zweitens, dass die Qualitätsstandards der DGE verpflichtend sind. Beispielsweise bei der Mittagsverpflegung: Vollkornprodukte, frisches oder TK-Gemüse, Hülsenfrüchte, Salat, frisches oder TK-Obst ohne Zuckerzusatz, einmal die Woche Fisch und zweimal die Woche Fleisch oder Wurst, möglichst aus Geflügel. Und drittens, dass die Kinder gemeinsam essen und dass die Kinder beim Kochen mit einbezogen werden.

Was halten Sie von Süßigkeiten in der Kita?

Ich glaube, dass man Süßigkeiten als Erziehungshilfe in einer gut geführten Kita nicht braucht. Eltern können schon mal darauf zurückgreifen. Aber Süßigkeiten als Standard einzuführen, ist ein No-Go.