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Nachruf

Food-Blogger zum Tode von Anthony Bourdain : Stevan Paul: "Da geht ein ganz Großer"

Er wurde 61 Jahre alt: der US-Starkoch und TV-Moderator Anthony Bourdain. Der deutsche Food-Blogger Stevan Paul erinnert sich an den schreibenden Kollegen und Wegbereiter – ein Nachruf.

Das zweite Leben des Kochs Anthony Bourdain beginnt mit einem Artikel, den er 1999 in Eigeninitiative der "New York Times" zukommen lässt. In "Don't Eat Before Reading This" gewährt der Chefkoch der "Brasserie Les Halles" enthüllende Einblicke in die Gastronomie. Ein schreibender Koch, das ist neu damals, und was Bourdain aus den Bäuchen der Restaurantküchen zu berichten weiß, ist so ungeheuerlich wie unterhaltsam.

Ein Jahr später erscheint Bourdains Buch "Kitchen Confidential: Adventures in the Culinary Underbelly" ("Geständnisse eines Küchenchefs: Was Sie über Restaurants nie wissen wollten"), es wird weltweit ein Bestseller. Der Koch, der zu diesem Zeitpunkt schon zwei Romane veröffentlicht hat, erzählt von der Küche als Vorhölle, berichtet von der harten Arbeit, von Hitze, Gewalt, Drogen und Rausch. 

Bourdain inszeniert sich selbst in diesen frühen Memoiren als tough guy, wird zum ersten Rockstar einer Generation von Köchen, die das gesellschaftliche Image des Berufes nicht nur ändern und aufwerten – erstmals wird der Koch überhaupt sichtbar für ein Publikum, das bis dahin dachte, der nette Kellner habe aufgekocht.

Der Reiseführer durch die Welt der Kulinarik

Nur ein Jahr später erscheint Bourdains nächstes Buch "A Cooks Tour" ("Ein Küchenchef reist um die Welt"). Wieder ein Bestseller, begleitet von der ersten, gleichnamigen Fernsehserie. Aus dem Rocker wird ein Reiseführer durch die Welt der Kulinarik, auch das ein Novum, echte Pionierarbeit. Es sind Bourdains TV-Serien "No Reservations", "The Layover" und zuletzt "Parts unknown", die erzählendes Kochfernsehen populär machen – und damit heutige Erfolgsformate wie "Chef’s Table", "Ugly Delicious oder The Mind of a Chef" (von Bourdain produziert) vorbereiteten und ermöglichten.

Blumen vor dem Brasserie Les Halles, dem Restaurant von Anthony Bourdain in in Manhattan.

Blumen vor dem Brasserie Les Halles, dem Restaurant von Anthony Bourdain in in Manhattan.

Getty Images

So interessiert wie unbestechlich besuchte Bourdain stellvertretend für uns die Feuerstellen, Foodmärkte und Restaurants der Welt, zeigte auf, erklärte, fragte nach, macht Appetit und inspiriert Zuschauer und Kochkollegen weltweit mit seinen Reiseberichten. Auch mir wurde Bourdain zum Vorbild, zum Reiseführer und Wegbereiter: Als vor 18 Jahren "Geständnisse eines Küchenchefs" erschien, hatte ich eben den Sprung in die Selbständigkeit gewagt. Es war Bourdain, der mir das Selbstvertrauen schenkte und den Glauben daran, dass man alles werden und erreichen kann, auch und gerade als Koch. 

Sein Freitod in einem Hotel im elsässischen Ort Kaysersberg wurde am 8. Juni von der Staatsanwaltschaft in Colmar bestätigt und löste weltweit eine immense Welle von Trauer und Bestürzung aus, die nochmals eindrücklich zeigt: Da geht ein ganz Großer. 

Gute Reise Mr. Bourdain, und danke für alles.

Sie haben suizidale Gedanken? Hilfe bietet die Telefonseelsorge. Sie ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr unter (0800) 1110111 und (0800) 1110222 erreichbar. Auch eine Beratung über E-Mail ist möglich. Eine Liste mit bundesweiten Hilfsstellen findet sich auf der Seite der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention.

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