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Karibik-Kochbuch Vom Rüsselsheimer Kartoffelsalat zu karibischen Maniok-Klößen oder die Reise des Beni Tonka zu sich selbst

Beni Tonka beißt in eine Grapefruit
Beni Tonka ist ein Weltmensch, er hat nicht eine, sondern viele Heimaten.
© Silviu Guiman
Beni Tonka war lange auf der Suche nach sich selbst und einer Heimat. Bis er sich aufmachte, seinen Vater zu suchen. Ein Gespräch über ein persönliches Karibik-Kochbuch, das auch eine Spurensuche nach den eigenen Wurzeln ist.

Irgendwas fehlte. Da war diese Zerrissenheit in Beni Tonka, die er sich nicht erklären konnte. Und das Gefühl, nirgendwo richtig hinzugehören – nicht nach Rüsselsheim, wo er geboren wurde, nicht in die USA, wo er aufwuchs. Schon erwachsen, erfährt er, dass der Mann, den er Vater nennt, nicht sein Vater ist. Er bekommt einen Namen, findet eine Telefonnummer, aber klingelt ins Nirgendwo. Gibt auf. Das Fragezeichen in ihm aber bleibt. Erst mit 26 wagt er einen neuen Anlauf. In Trinidad und Tobago findet er Monate später eine neue Familie und eine Heimat mehr. In "Good Lime" hat Tonka seine Suche nach den eigenen Wurzeln aufgeschrieben. Es ist ein persönliches Kochbuch geworden, in welchem jede Geschichte ihr eigenes (meist) karibisches Aroma, ein eigenes Gericht hat, das mit dem Erlebten verknüpft ist. Ein Gespräch über die eigene Identität, das Loslassen und Zusammenfinden und seiner Art zu Kochen, die Türen öffnen soll.

Herr Tonka, Ihr Kochbuch heißt "Good Lime", was für das trinidadisches Lebensgefühl steht – für Spontanität, das Leben im Moment …
… für mich ist es ein Symbol für alles, was in den letzten zehn Jahren passiert ist. Ich habe in dieser Zeit meine Familie gefunden. Und es geht auch darum, vergessen zu können, was in der Vergangenheit liegt und stattdessen im Moment zu sein, diesen zu genießen. In Trinidad und Tobago, das habe ich schnell gemerkt, liegen Leben und Tod sehr nah beieinander. Und eben weil es dort so eine starke Verbindung zum Tod gibt, merken die Leute, wie wichtig Zeit ist. Dieses Gefühl ist dort richtig präsent, fast haptisch. Wenn man die Möglichkeit einer tollen Begegnung mit Menschen, gutem Essen, Musik, Geschichten hat – dann nutzt man sie und zwar so lange wie möglich. Das ist ein Lebensstil.

Sie haben in Europa gelebt, in den USA, haben auch in Trinidad Wurzeln. Sie haben Tiere fotografiert, in einer spanischen Olivenölfabrik gearbeitet und in Köln bei einem Geigenbauer. Sie schreiben Gedichte. Die Liste lässt sich fortsetzen. Der Liming-Vibe scheint Ihnen im Blut zu liegen.
Ich war immer viel unterwegs, schon in meiner Kindheit. Dadurch hat sich das Gefühl in mir eingeprägt, kein Zuhause zu haben und doch überall Zuhause zu sein. Und ich wollte immer meinem Herzen folgen, meinen Leidenschaften nachgehen. Deswegen habe ich so viel ausprobiert.

In dem Vorwort Ihres Buches schreibt Alice Hasters, dass Sie sich selbst als Nowherian bezeichnen. Also als einen Menschen, der kein eindeutiges Heimatland hat, keinen Ort an dem er sich vollkommen zu Hause fühlt. Ist Ihr Kochbuch auch als Spurensuche nach Ihren Wurzeln zu verstehen?
Für mich war die Arbeit daran eine Art Therapie. Schreiben war immer meine Reaktion auf schwierige Zeiten und Erlebnisse, so verarbeite ich. Mir war es aber auch wichtig, meine Geschichte aufzuschreiben, weil sie keine Einzelgeschichte ist, sie ist eher universell. Auch viele meiner Freunde sind mit einer ähnlichen Zerrissenheit aufgewachsen, wie ich sie spürte. Vielleicht inspiriert das Buch andere, auch nach ihrer Familie zu suchen, nach ihrer Zugehörigkeit.

Das erste Gericht, das Sie in Ihrem Vaterland aßen, war Maissuppe. Sie schreiben dazu: "Ich bin angekommen". Verbinden Sie das Gefühl noch immer mit Maissuppe?
Jetzt da ich meine Wurzeln gefunden habe, weiß ich, es fühlt sich nach einer Heimat an. Ich fühle mich in Trinidad und Tobago sehr Zuhause. Trotzdem bin ich dort auch ein Fremder. Es ist wie in Deutschland. Ich bin gleichzeitig "in and out", gehöre dazu und nicht. Aber inzwischen genieße ich das Gefühl. Jetzt habe ich Zugang zu vielen verschiedenen Perspektiven.

Cover von "Good Lime" von Beni Tonka
"Good Lime. Karibisch und vegetarisch kochen" von Beni Tonka ist im Brandstätter Verlag erschienen, 208 Seiten, 32 Euro

Die Maissuppe ist das erste Rezept im Buch. Auch der Schokopudding Ihrer Rüsselsheimer Oma ist drin, ein Trostessen für Sie. Ebenso ein Old-Fashioned-Rezept, weil Sie Old-Fashioned tranken, als Sie sich entschieden, Kontakt zu Ihrem Vater aufzunehmen. Alle Rezepte dienen im Buch wie ein roter Faden durch Ihr Leben. Zu jedem Gericht gehört eine Geschichte, welche ist Ihre liebste?
Genau. Jedes dieser Gerichte spielte in einem entscheidenden Moment eine Rolle. Meine Lieblingsgeschichte ist die zum Coconut Bake. Ich liebe dieses Gericht über – fast – alles. Ich habe meinen Vater mit 27 Jahren kennengelernt. Mein Vater hat seinen Vater mit 51 Jahren kennengelernt. Ich war bei diesem Kennenlernen dabei. Es war der Tag, als auch ich meinen Opa kennenlernte. An diesem Tag gab es Coconut Bake. 

Was haben Sie in Trinidad und Tobago übers Essen gelernt, was Sie zuvor nicht wussten?
Das fängt bei ganz kleinen Sachen an. In den schweren, gusseisernen Töpfen, in denen dort gekocht wird, stecken mitunter die Aromen von Generationen. Zu sehen, wie sich der Topf bräunt, manchmal sogar schwarz wird, von außen und innen, wie sich die Geschmäcker einbrennen, das war für mich eine Metapher. Diese Töpfe stehen für mich für Rezepte, die über Generationen weitergegeben werden. Genau das wollte ich auch. Ein Riesengrund die Rezepte aufzuschreiben war für mich, dass ich nicht wollte, dass diese verloren gehen. 

Ihre Rüsselsheimer Oma, schreiben Sie, war Ihr Zuhause, Ihr Anker. Auch ihre Rezepte kommen in dem Buch vor. Aber nur wenige. Gehört diese Küche der Vergangenheit, einem anderen Beni an?
Nein. In den letzten 10 Jahren hat die trinidadische Küche zwar eine Hauptrolle gespielt, aber wenn‘s um mein ganzes Leben geht, dann spielen die Rezepte meiner Oma eine sehr wichtige Rolle. Sie ist immer bei mir. Dazu gehören auch bestimmte Kochdetails. Bei ihr musste das Mehl immer durch den Sieb. Ich mache das noch heute so, auch wenn es unnötig ist – und dann spüre ich meine Oma bei mir. 

Beni Tonka mit Feunden am Tisch
"Meine Geschichte ist keine Einzelgeschichte, sie ist eher universell. Auch viele meiner Freunde sind mit einer ähnlichen Zerrissenheit aufgewachsen", sagt Beni Tonka.
© Silviu Guiman

Karibische Küche ist nicht exakt das, was Ihre Rüsselsheimer Oma kochte, oder?
Stimmt, es war eine komplett neue kulinarische Welt für mich. Ich mochte zum Beispiel nie wirklich Auberginen. Dann hat meine Tante in Trinidad welche direkt im Feuer geröstet, bis sie ganz schwarz waren. Dann hat sie die Haut abgezogen und das Auberginenfleisch mit heißem Öl und Knoblauch zermatscht. Dieses Gericht war für mich wie eine Tür in die Welt der Auberginen.

Auch Ihre Art des Kochens wird im Buch als Türöffner bezeichnet. Sagen Sie, was ist hinter der Tür?
Vor der Tür ist das erwähnte Fragezeichen, dahinter eine Art Trost. Es geht um die Möglichkeit des Zusammenfindens, es geht um eine Zugehörigkeit. Und klar, in meinem Essen steckt meine Seele. Es ist eine vielschichtige Seele. Ich erkläre das. Ich heiße Beni. Als ich nach Trinidad kam, da nannten mich alle Pa Ben. Denn mein Urgroßvater hieß Ben und ich erinnerte sie an ihn. Die Mutter meines Vaters wollte immer, dass ihr Enkel einmal nach ihm benannt wird. Und dann war ich plötzlich da. All unsere Seelen stecken in den Gerichten.

Das klingt komplex. Ihre Gerichte selbst überzeugen aber damit, dass sie nicht mit Zutaten überfrachtet sind, in der Anleitung nicht gleich überfordern.
Dieser Part des Buches hat mir wirklich Sorgen gemacht. Denn vieles was meine Familie, meine Tanten, mein Vater zubereiten, wird nach Augenmaß gekocht, ohne Rezept. Ich konnte sie also nur durchs Zuschauen lernen. Und dann wird jedes Mal eine andere Menge Mehl verwendet, oh man … . Aber ich habe mir Mühe gegeben, sie so aufzuschreiben, dass nicht nur ich sie nachkochen kann..

Chili im Essen hält Dämonen fern, sagt eine Redensart auf Trinidad. Auf der Insel soll jeder Haushalt ein eigenes Chilisaucen-Rezept haben. Es ist, könnte man sagen, ein Kulturgut. Und ausgerechnet in Ihrem Buch findet sich kein Rezept. Was ist da denn passiert?
Stimmt. Jeder hat sein eigenes Rezept, jeder denkt, er macht eine bessere Sauce als der nächste. Natürlich habe ich auch eine, die Soka Sauce. Das Rezept ist aber nicht im Buch, weil ich die Sauce inzwischen verkaufe. Aber vielleicht gibt es fürs nächste Buch frische Chili-Rezepte

Was wir Kochen, das sei die vielleicht authentischste Beschreibung unserer Identität, schreibt Alice Hasters. Und, dass Sie sich eben darauf verstünden. Wenn das so ist: Was haben Sie heute gegessen?
(lacht) Ich kann mal sagen, was ich eben gegessen habe. Manchmal muss ich mir was gönnen, dann kaufe ich mir eine Matcha-Praline aus dem Super-Biomarkt. Weiße Schokolade mit Matcha-Geschmack und Füllung, richtig dekadent. Das ist nur eine kleine Kugel, aber mächtig. Die genieße ich sehr – aber nur einmal in der Woche.

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