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Interview

Mark Ruijgrok: Nespresso-Chef spricht über Nachhaltigkeit: Greta Thunberg? "Wer ist das?"

Nespresso verkörperte einst Glamour, heute kratzt am Image, dass die Aluminium-Kapseln jährlich Tausende Tonnen Müll verursachen. Der stern hat mit Geschäftsführer Mark Ruijgrok gesprochen, worum es dem Unternehmen eigentlich geht, was an den Kapseln nachhaltig ist und was er von Greta Thunberg hält.

Aluminiumkapseln produzieren mehrere Tausend Tonnen Müll. Allein in Deutschland. Was daran nachhaltig ist, erklärt der Nespresso-Geschäftsführer im stern-Interview.

Umfragen belegen, dass Nachhaltigkeit dem Konsumenten bei Kaufentscheidungen immer wichtiger wird. Bemühen Sie sich deshalb, eine nachhaltige Strategie zu fahren?
Mark Ruijgrok: Das tun wir bereits seit 25 Jahren. Wir bemühen uns mithilfe verschiedener Projekte und Partnerschaften wie Rainforest Alliance und Fairtrade um Nachhaltigkeit. Es ist jetzt unsere Aufgabe, das zu kommunizieren.

Was machen Sie denn genau zum Thema Nachhaltigkeit?
Das ist ganz unterschiedlich. Nachhaltigkeit fängt bei uns bereits beim Anbau auf den Plantagen an. Hier sichern wir unseren Qualitätskaffee für die Zukunft. Für uns bedeutet das, direkt mit den Bauern zusammenzuarbeiten – und gute Löhne anzubieten. Wir zahlen 35 bis 40 Prozent über dem üblichen Marktpreis, sofern sich die Bauern an unsere Qualitätskriterien halten. Wir betrachten zudem die gesamte Ökobilanz. So schauen wir uns auch den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln an und wo wir sie reduzieren können. 

Die Diskrepanz zwischen Einkaufspreis und Verkaufspreis nimmt bei Nespresso weltweit auf dem Kaffeemarkt Rekordwerte ein. Der aktuelle Weltmarktpreis für Nicht-Bio-Kaffee liegt derzeit bei rund 1,50 Euro pro Libra, also 454 Gramm. Bedeutet das, sie zahlen den Bauern etwa 2,10 Euro für Ihren Kaffee?
Ja, das kommt in etwa hin. Wir kaufen den Kaffee nicht an der Börse, sondern direkt von kleinen Bauern weltweit. Wir arbeiten mit rund 100.000 Bauern in 13 Ländern zusammen.

Wenn Sie sich die ganze Ökobilanz ansehen, ist Filterkaffee, bei dem kaum Müll anfällt, nicht sehr viel besser?
Tatsächlich besitzt portioniertes Kaffeetrinken eine bessere Ökobilanz als Filterkaffee oder Kaffee mit ganzen Bohnen aus Vollautomaten. In unserem Fall ist die benötigte Energie, also Strom, Wasser und Kaffee, genau auf eine Tasse abgestimmt. Hier gibt es keinen Verlust. Bei Filterkaffee kommt es öfter vor, dass man zu viel Kaffee brüht und den dann wegschüttet. Das ist Lebensmittelverschwendung.

Also gehen Sie davon aus, dass der Verbraucher Kaffee nicht richtig portionieren kann.
Ich gehe davon aus, dass das portionierte Konsumieren helfen kann, wenn es richtig aufgestellt ist. Wir wollen alle keine Verschwendung. Es gibt leider immer noch zu viele subjektive Meinungen und weniger objektive, die auf Fakten basieren.

Kaffeekapseln

Sie verpacken Kaffee in kleine, bunte, leuchtende Aluminiumkapseln. Die produzieren jährlich Tausende Tonnen Müll. Allein in Deutschland. Können Sie mir sagen, was daran nachhaltig ist?
Bis heute gibt es keine bessere Alternative als Aluminium, um die Qualität des Kaffees zu gewährleisten. Das bedeutet, den Kaffee vor Licht, Luft und Feuchtigkeit zu schützen. Auch Filterkaffee wird in Aluminium verpackt. Aber wir wissen auch, dass Aluminium aus Materialsicht sehr gut wiederverwendbar ist, wenn es denn recycelt wird. Aber natürlich muss auch der Verbraucher das Aluminium richtig entsorgen – zum Beispiel im Gelben Sack.

Die Realität sieht aber danach aus, dass weniger als 50 Prozent des Aluminiums recycelt wird. Der Verbraucher schmeißt die Kapseln in der Regel also nicht in den Gelben Sack, sondern in den Restmüll.
Diese Verbraucher gibt es natürlich. Ich bin auch erstaunt, dass Aluminium in Deutschland noch nicht die Recycling-Quote erreicht, die wir hierzulande haben könnten. Die Infrastruktur ist nämlich seit 25 bis 30 Jahren da. Alle haben die Gelegenheit zu trennen, tun es aber nicht. 

Das liegt vermutlich auch an der Bequemlichkeit.
Deshalb müssen wir das noch besser kommunizieren. Natürlich liegt es auch an uns, den Verbraucher besser zu informieren. Das wird noch Zeit brauchen. 

Ein Kollege von mir wollte vor einigen Jahren Kapseln zurück in einen Shop in Hamburg bringen. Nespresso bietet den Kunden an, die leeren Kapseln ordnungsgemäß zu entsorgen, um sie in den Recycling-Kreislauf einzuspeisen. Im Laden wurde er aber nur fragend angesehen und wieder weggeschickt.
Das kann eigentlich überhaupt nicht sein. In jeder Boutique gibt es einen Behälter, in den man die Kapseln zurückgeben kann. Vielleicht war der Mitarbeiter neu ...

Wie viel Rücklauf haben Sie denn von gebrauchten Kapseln in Ihre Shops?
Über 30 Prozent kommen etwa zurück. Der Rest über den Gelben Sack.

Sie wünschten sich die Recycling-Quote von 100 Prozent, was Ihre Aluminium-Kapseln angeht. Ist das denn realistisch?
Nun ja, es ist zumindest ein Wunsch. Ob es so kommen wird, hängt natürlich auch von den Verbrauchern ab.

Wäre in diesem Sinne nicht das Nachhaltigste, Kaffee so zu beziehen wie früher? In großen Jutesäcken als ganze Bohnen beispielsweise?
Dann hat man aber nicht die Qualität. Wer einen Beutel Kaffeebohnen aufmacht, lässt Luft und Licht hinein. Das Aroma geht so in wenigen Stunden flöten. Viele Verbraucher haben auch die Erfahrung gemacht, dass Kaffee im Vollautomaten nach einer Woche anders schmeckt. Unsere Qualität können wir nicht anders gewährleisten als in der Kapsel.

Die Deutsche Umwelthilfe schätzt, dass die Deutschen etwa 3,1 Milliarden Kaffeekapseln pro Jahr verbrauchen. Das sind pro Jahr 8000 Tonnen Aluminiummüll und das nur, weil Nespresso damit einen Lifestyle verkaufen will. Die Verbraucher entwickeln aber mehr und mehr ein Umweltbewusstsein. Entsprechen Nespresso-Kapseln damit noch dem Zeitgeist?
Absolut, ja. Man darf die leere Kapsel nicht als Müll betrachten, sondern als Wertstoff. Wenn man sie recycelt. Zudem sollte man immer betrachten, was das Unternehmen darüber hinaus tut. Beispielsweise leisten wir durch unsere Arbeit und Partnerschaften einen positiven Beitrag auf den Plantagen – auf sozialer und ökologischer Ebene.

Indem Sie die Bauern gut bezahlen.
Ja, und sie auch schulen und in sie investieren, damit sie unsere hohen Standards an Qualitätskaffee einhalten können. Wir versuchen den Bauern auch beizubringen, Pestizide sukzessive zu reduzieren. Unser Fokus liegt auf Spezialitätenkaffee. Wir fördern daher alte Kaffeesorten, um die Qualität des Kaffees zu steigern. 

Lange verkörperte Nespresso Glamour und Luxus. Jetzt steht vor allem das Problem mit dem Aluminiummüll im Vordergrund. Sehen Sie das auch so?
Die Marke ist stark auf Lifestyle und auf stilvolles Design fokussiert, um damit zu zeigen, dass es auch eine andere Form von Kaffeetrinken gibt. Eine Art, die vielleicht ein bisschen hochwertiger ist. Jetzt ist die Marke wieder voll in Bewegung und der nächste Schritt muss von uns kommen. 

Wie soll der aussehen? In der Entwicklung einer umweltfreundlicheren Kapsel?
Wir forschen die ganze Zeit an neuen Materialien. Währenddessen müssen wir stärker erklären, warum Nespresso ein guter Kaffee ist und warum man glauben sollte, dass der nachhaltig ist. Unser Konzept entwickelt sich weiter. Es dreht sich viel mehr um das Produkt Kaffee an sich als um gutes Design.

Ist das auch dem Druck von außen geschuldet? Viele Unternehmen in der Lebensmittelindustrie stecken im Wandel, weil der Verbraucher sich transparente und natürliche Produkte wünscht.
Man muss verstehen, dass wir uns seit 25 Jahren für Nachhaltigkeit engagieren. Damals hat man nur nicht darüber gesprochen. Das ist nichts, was wir jetzt aufgrund von neuen Dynamiken plötzlich machen ...

... aber die Kommunikation.
Wir reden jetzt stärker darüber. Ich sehe das als Chance, weil die Kunden eine höhere Sensibilität haben und jetzt auch zuhören.

Sie haben auch ein System für Teekapseln entwickelt. In Deutschland ist das Konzept gefloppt. Warum hat es nicht funktioniert?
Der Markt für Teekapseln wächst. Aber es ist ein ganz anderer Markt. Und wir haben damit erst angefangen. Zudem wurde die Maschine und die Technologie von einem separaten Unternehmen entwickelt.

Werden Sie zukünftig weiter an den Kapseln festhalten – oder sich eine neue Möglichkeit ausdenken, Qualitätskaffee zu vermarkten?
Wir glauben daran, dass Aluminium die beste Verpackungsform ist und dass portioniertes Kaffeetrinken eine nachhaltige Lösung ist. Ob dies das Ende ist, weiß ich nicht. Wir entwickeln stetig weiter. Wenn wir ein besseres Material finden würden, würden wir natürlich umstellen. 

Auf den Kilopreis hochgerechnet, ist der Kaffee aus den Nespresso-Kapseln fast doppelt so teuer wie herkömmlicher Kaffee aus der 500-Gramm-Packung. Ist Ihre Zielgruppe bewusst die, die mehr Geld zur Verfügung hat?
Eigentlich ist Nespresso sehr attraktiv gepreist für die Qualität, die man dafür kriegt. Uns geht es eher um die Kunden, die auf der Suche nach Qualitätskaffee sind. Es geht nicht um den Preis, sondern um den Wert. 

Sie arbeiten unter der Woche in Düsseldorf und leben am Wochenende auf einem Segelboot in Rotterdam. Haben Sie auch dort eine Nespresso-Kaffeemaschine?
Natürlich.

Und was machen Sie mit den leeren Kapseln?
Die sammel ich in einer Tüte und bringe Sie zurück in den Shop nach Düsseldorf.

Das ist aber aufwendig.
Finde ich nicht. Viele reden über Nachhaltigkeit, aber dafür muss man auch etwas tun.

Noch eine abschließende Frage: Was halten Sie von Greta Thunberg?
Wer ist das?

Die schwedische Klimaaktivistin, die die "Fridays for Future"-Bewegung ins Leben gerufen hat, sich für den Klimaschutz engagiert und gerade mit einem Segelboot nach New York fährt, um an der UN-Klimakonferenz teilzunehmen.
Das ist ziemlich gefährlich auf einem Segelboot. Sie hätte auch ein anderes nehmen können.

Naja. Dieses stößt kein Kohlenstoffdioxid aus, es geht ihr darum, nachhaltig zu reisen. Kennen Sie Greta Thunberg wirklich nicht?
Die "Fridays for Future"-Bewegung sicherlich. Ich finde wichtig, dass sich die Diskussion gerade vom Subjektiven hin zum Objektiven bewegt. Es ist gut, dass die Aufmerksamkeit für das Thema bei jungen Leuten größer wird. Es wird bewusst nachgedacht und kritisch geprüft. Ich glaube nur, dass da noch ein langer Weg zu gehen ist. Es sind nicht immer alle Fakten und Daten vorhanden, um eine Meinung zu formen.