Lokaltermin "Tiefe Dunkelheit und Nebel"


Freibier und Freudenfahnen an öffentlichen Gebäuden auf der einen Seite, Lähmung und Enttäuschung auf der anderen. Eine stern.de-Reise durch die Republik und die Reaktionen der Menschen auf die Papstwahl.
Von Rupp Doinet

Er ist erst seit ein paar Minuten in Amt und Würden, aber in Marktl, der 2700 Einwohner kleinen Gemeinde bei Altötting, in der Papst Benedikt XVI. geboren wurde, sprechen sie bereits von einem Wunder. Der Bürgermeister hat nämlich Freibier für alle angeordnet. Und das, so sagt Martin Benedikt Kilian, Vorsitzender der Freiwilligen Feuerwehr, hat es hier noch nie gegeben.

Vor drei Stunden saß er noch am Schreibtisch und entwarf hastig einen Aufruf: "Heute ist unser Ehrenbürger Josef Kardinal Ratzinger zum Papst gewählt worden. Aus diesem Grund findet um 19.30 Uhr am Marktplatz ein Standkonzert mit anschließendem Kirchgang statt." Dann setzte er die Nachwuchskraft Andreas Faußtner an den Lautsprecher im roten Spritzenwagen und ließ die frohe Botschaft straßauf, straßab verkünden.

Es kamen fast alle.

Die Jugend in Jeans und dezent gepierct, die Schützenkönige mit Kette, die "Grenzlandler", in echter Tracht mit falschem Adlerflaum am Hut, der Pfarrer Josef Kaiser in Zivil. Kurz vor Mitternacht ist der Bürgersaal brechend voll. An langen Tischen feiern sie den größten Sohn ihrer Gemeinde. "Habemus Papam", sagt der Bürgermeister Hubert Gschwendtner (SPD) immer wieder. Die Blasmusik macht dicke Backen wie Olli Kahn nach dem dritten Gegentor. Es gibt nichts als lärmende Freude. Nur der kleine Trupp gottbewegter Jugendlicher, die aus Altötting hinter einer großen Fahne herangewallt sind, stören ein bisschen mit ihren Mariengesängen. "Die sind ein bisserl rechts", sagt der Pfarrer Kaiser. "Die lassen wir besser links liegen."

"Was dürfen, wollen, müssen wir erwarten", hat der weltoffene Dorfpfarrer in seiner Predigt gefragt. Natürlich hofft er auf "das Beste". Aber daran bestehen jenseits von Marktl erhebliche Zweifel. Als "größter Brückenbauer", ist Joseph Ratzinger, der neue "Pontifex Maximus" der katholischen Kirche, in den vergangenen Jahren nicht gerade aufgefallen. Es gibt vor allem nicht allzu viele Frauen, die ihm so unbeirrt folgen, wie die Ärztin Verena Klamroth, 34, aus Münster.

Erst vor ein paar Jahren

hat die verheiratete Humanmedizinerin "zum Glauben gefunden". Mit 26 Jahren wurde sie getauft. Seitdem lebt sie nach den Regeln des Vatikans, die maßgeblich von dem neuen Papst vorgedacht wurden. "Verhüten", sagt die Ärztin, "ist Sünde". Dem Leben müsse "alles untergeordnet werden". Wenn jeder Mensch die Gebote nach Treue und Monogamie befolgte, dann gäbe es auch kein Aids in der Welt. Und was die vielen hunderttausend Aidstoten in Afrika betrifft, "sind die meisten ja keine Christen".

Eine "defekte Schallplatte", die "immer wieder aufgelegt werde", sei "dieses ständige Gerede über Verhütung und Abtreibung", glaubt auch der Münsteraner Pfarrer Michael Caitar, 63, ein freundlicher Mann mit langem, weißem Bart und unverrückbaren Prinzipien. Er hofft, dass Benedikt XVI. werde, wie Johannes Paul II. war: "Nur das schafft einen festen Glauben und Identität".

Für unzählige Menschen ist das ein wahres Schreckensszenario. "Ich war sprachlos, wie gelähmt und musste meiner Enttäuschung lautstark Luft machen", empört sich Hubert Bellert, Geschäftsführer der katholischen Laienorganisation "Donum Vitae" in Freiburg. Er fragt sich nun, "ob das noch meine Kirche ist". Die Hoffnung ist klein. "Ich will dem Heiligen Geist ja nicht die Möglichkeit eines Wunders nehmen. Aber es wäre ein Wunder, wenn es unter diesem Papst Reformen gäbe. Es herrscht tiefe Dunkelheit und noch dazu Nebel". Womöglich werde sogar verboten, "dass Jesus am Kreuz in Afrika schwarz ist".

Gleichberechtigung für Frauen vor dem Altar, Homosexualität, Empfängnisverhütung, Schwangerschaftsabbrüche, all das hat Kardinal Joseph Ratzinger als Leiter der katholischen Glaubenskongregation, der früheren Inquisition, in Rom vehement verdammt und bekämpft. Nun trübt es den Jubel über den neuen Papst.

Für Eva Stanienda,

Fachärztin für Allgemein- und Sportmedizin und Landesvorsitzende von "Donum Vitae" in Baden-Württemberg", ist er die treibende Kraft hinter dem Verbot der ergebnisoffenen Beratung für Schwangere: Joseph Ratzinger sei dafür verantwortlich, dass die katholische Kirche diesen Dienst verbot. Als Reaktion darauf gründeten katholische Laien "Domus Vitae" - das nicht einmal in Räumen arbeiten darf, die der Kirche gehören. "Es wird kein zurück" geben, befürchtet die Ärztin. Und dass der neue Mann auf dem Petersthron ein Deutscher ist, sei auch kein Vorteil: "Im Gegenteil. Er wird eher ein Auge darauf haben, was hier in der Kirche passiert".

Im ersten Stock in der Katholisch-Theologischen Fakultät der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster ist das kein großes Thema. Hier sitzt ein Fanclub Benedikt XVI., jung, überwiegend weiblich, hübsch. Verhütung? Rolle der Frau? Aids? Alles keine Themen, über die sich zu streiten lohnt. Nach der Lehre der Kirche dient Sexualität lediglich der Fortpflanzung. Der Rest ist Sünde, bestätigt Maria Stahl, 22. Sie wird demnächst heiraten. Das "Traugespräch" haben sie und ihr künftiger Mann schon hinter sich. Und nun ist klar, dass ihr Mann und sie Kinder "zu bekommen haben" und dass die Ehe nichtig ist, wenn einer der beiden nicht wirklich dazu steht, ist doch logisch. "Das gilt auch, wenn einer der beiden verschwiegen hat, dass er unfruchtbar ist", assistiert Julia Srebny, 22, die sich wie alle hier "gefreut hat" über diesen Papst aus Deutschland.

Im Namen der Frauenrechtsorganisation "Terre des Femmes" hat Geschäftsführerin Christa Stolle vor einer Woche an das Konklave in Rom einen Brief geschrieben. Darin erinnerte sie daran, dass Millionen Frauen überall in der Welt von dem neuen Papst eine Botschaft erwarten. Dass jetzt mit Joseph Ratzinger ein so konservativer Mann gewählt worden ist, sieht sie nun als "Rückschlag". Und wenn man an das Verbot der Empfängnisverhütung denkt, sei das sogar eine "einzige Katastrophe". Denn auch wenn sich in Deutschland kaum jemand nach den katholischen Sexualvorschriften orientiere, "in der Dritten Welt nehmen die Menschen das als bare Münze". "Bei so viel Elend wie in Afrika ist das päpstliche Verbot gegen Empfängnisverhütung "fast so etwas wie Beihilfe zum Mord."

"Erwartungen in vernünftigen Grenzen", das ist es, was sich Margarete Richardi, Landesvorsitzende des Soazialdienstes katholischer Frauen in Bayern erhofft – von den Menschen, nicht von Benedikt XVI. Sie kennt den neuen Papst seit 30 Jahren, ist eine "persönliche Wegbegleiterin". Er hat ihre Tochter getraut, die zwei Enkel getauft. Im Mai sollte er die beiden nächsten taufen, "aber das wird wohl nichts mehr".

"Er hat ein Ohr

für die einfachen Menschen", das weiß Margarete Richardi ganz genau. Deswegen ist sie auch nicht enttäuscht, dass kein so genannter Reformer gewählt worden ist. Nun muss er "in die doch recht großen Schuhe seines Vorgängers hinein wachsen, Zeit haben. Jeder Politiker, jeder Wissenschaftler hat 100 erste Tage. Der Papst auch".

Nichts als Freude, nichts als Hoffnung und sehr sehr viel Stolz. Für die Menschen in Marktl, das sich nun Geburtsort des ersten deutschen Papstes seit fast 500 Jahren nennt, gibt es nur das. Und für die Politik natürlich auch. Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber hat Freudenfahnen an allen öffentlichen Gebäuden befohlen. Bei der "IT-Stelle der Bayerischen Justiz" in der Herzogspitalstraße in München ließ man prompt dieselben Fahnen hängen, die zum Gedenken an Johannes Paul II. gehisst worden waren – mit Trauerflor.

Mitarbeit: Philipp Mausshardt Christian Parth, Mathias Rittgeratt, Hannelore Schütz


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