VG-Wort Pixel

Die Serie zum Wettbewerb Das Feindbild vom bösen Journalisten – wie ein Lokalreporter im Fall Löbel attackiert wird

Letzter Triumph: Nach seiner Kür zum CDU-Direktkandidaten für die Bundestagswahl 2021 im vergangenen Oktober ließ sich Nikolas Löbel von Anhängern in Mannheim feiern. Im Anschluss an die Wahl gingen Löbel-Fans den anwesenden Reporter des "Mannheimer Morgen", Stefan Proetel, hart an.
Letzter Triumph: Nach seiner Kür zum CDU-Direktkandidaten für die Bundestagswahl 2021 im vergangenen Oktober ließ sich Nikolas Löbel von Anhängern in Mannheim feiern. Im Anschluss an die Wahl gingen Löbel-Fans den anwesenden Reporter des "Mannheimer Morgen", Stefan Proetel, hart an.
Monate vor dem Maskenskandal deckte ein Reporter des "Mannheimer Morgen" unsaubere Machenschaften des Ex-CDU-Bundestagsabgeordneten Nikolas Löbel auf. In dessen Heimatstadt wird der Journalist dafür bis heute angefeindet – und gefeiert.

 27. Januar 2021. Einen Tag vor Einsendeschluss wird eine Serie von Artikeln, die zwischen August und November 2020 in der Tageszeitung "Mannheimer Morgen" erschienen sind, in der Kategorie LOKAL zum diesjährigen Nannen Preis eingeschickt. Titel der Einreichung: "Die Geschäfte des Bundestagsabgeordneten Nikolas Löbel". Es geht um windige Miet-Praktiken eines bundesweit da noch eher unbekannten Mannheimer CDU-Politikers und um die Frage: Darf ein politischer Mandatsträger Amtsgeschäfte und privates Business miteinander vermischen?

Sechs Tage später weiß ganz Deutschland, wer Nikolas Löbel ist. Der "Spiegel" hat enthüllt: In der kritischen Phase des ersten Lockdowns hat der CDU-Mann sich am Verkauf von Corona-Schutzmasken massiv bereichert. Auf einmal diskutiert das ganze Land Fragen, die der "Mannheimer Morgen" schon Monate zuvor gestellt hat.

Die E-Mail, die wenige Tage nach der "Spiegel"-Story in Stefan Proetels Postfach einging, hatte es in sich. "Sie haben doch jetzt gewonnen", stand dort. "Hören Sie doch auf, weiter auf dem Menschen Löbel herumzutrampeln, oder endet Ihre Polemik erst an einem offenen Grab, an dem man dann sagt: 'Das ging vielleicht zu weit?'" Dann folgte eine Warnung: "Deutschland braucht gierige Politiker genauso wenig wie Journalisten wie Sie. Es kommt immer irgendwann die Rechnung für das eigene Tun. Auch bei Ihnen."

Stefan Proetel
Stefan Proetel ist Ressortleiter Lokales/Regionales und Mitglied der Chefredaktion des "Mannheimer Morgen"
© Joachim Tremmel

Da war es wieder, das Feindbild vom bösen Redakteur Stefan Proetel. Er führe eine gezielte Hetzkampagne gegen Nikolas Löbel: Seit Monaten erheben Anhänger des Mannheimer Bundestagsabgeordneten diesen Vorwurf gegen den Lokalchef des "Mannheimer Morgen". Selbst jetzt, da nicht Proetel und seine Zeitung, sondern die Enthüllung des "Spiegel" zu Löbels 250.000 Euro schweren Deals mit Corona-Schutzmasken die steile Karriere des CDU-Manns jäh beendet hat, richtet sich der Zorn des Löbel-Lagers gegen den Lokalreporter.

"Wir sind Bürger dieser Stadt"

Proetel lässt das nicht kalt. Gerade weil er und seine Redaktion seit Beginn der Berichterstattung um Löbels unsaubere Geschäfte im vergangenen Sommer eine Frage immer wieder abgewogen haben: "Wie weit gehen wir, und wie weit gehen wir nicht?"

"Wir haben uns intern genau überlegt, wie wir die Berichterstattung dosieren. Und wie wir wahrgenommen werden", sagt Proetel. "Machen wir 120 Zeilen? Oder doch 250? Darin kann man mehr erklären, aber das geht dann über eine ganze Seite und hat natürlich eine ganz andere Wirkung." Als verantwortlicher Ressortleiter für die Lokal- und Regionalberichterstattung, sagt Proetel, stelle er sich immer auch die Frage, wie kritische Veröffentlichungen bei der gegnerischen Seite ankommen. "Wir sind nicht der "Spiegel". Wir sind Bürger dieser Stadt. Wir müssen den Leuten nach Abdruck noch in die Augen gucken." Darum habe er in der Berichterstattung über Nikolas Löbel stets darauf geachtet, nicht über die Fakten hinauszuschießen.

Deals und Kungeleien

Löbel und sein Lager bedienten trotzdem schon früh den Mythos einer böswilligen Medienkampagne des "Mannheimer Morgen" gegen den jungen Shootingstar der lokalen CDU. Beirren ließen Proetel und sein Team sich davon nicht.

Die Serie zum Wettbewerb: Das Feindbild vom bösen Journalisten – wie ein Lokalreporter im Fall Löbel attackiert wird
© Christoph Blüthner

Ab dem Spätsommer 2020 deckt der "Mannheimer Morgen" im Zusammenhang mit Löbels privatem Mietshaus einen Missstand nach dem anderen auf. Der CDU-Mann, der im Wahlkampf für bezahlbaren Wohnraum geworben hat, vermietet eigene Wohnungen in der Neckarstadt zu Spitzenpreisen. Mehrere entzieht er dem angespannten lokalen Markt sogar und vermarktet sie auf Airbnb. Im Rechtsstreit um die Kündigung eines jahrzehntelangen Mieters ist er vor Gericht in zwei Instanzen unterlegen. Zwei ehemalige Löbel-Mieter sind in sogenannten Drehscheibenwohnungen der städtischen Wohnungsbaugesellschaft untergekommen, in deren Aufsichtsrat Löbel noch wenige Jahren zuvor gesessen hat. Obwohl diese Wohnungen nur für deren eigene Mieter in Notlagen gedacht sind.

Über all diese Deals und Kungeleien des Bundestagsabgeordneten erfahren die Bürger nach und nach aus dem "Mannheimer Morgen".

Löbel gibt sich reumütig

Mitte September stellt der Abgeordnete sich Proetel und seinem Chefredakteur, Karsten Kammholz, in einem ausführlichen Interview. "Als Politiker habe ich nicht mehr Rechte als jeder Bürger", sagt der CDU-Mann reumütig. "Ich habe wohl aber mehr Pflichten und diesen Pflichten komme ich nach bestem Wissen und Gewissen nach." Heute sagt Proetel über die Begegnung: "Ich hatte das Gefühl, er wollte uns für dumm verkaufen."

Wenig später erreicht den Reporter ein neuer Hinweis: Bei den Mietverträgen in der Mannheimer CDU-Kreisgeschäftsstelle, wo Löbel nicht nur sein Abgeordnetenbüro, sondern auch seine private Firma untergebracht hat, stimme etwas nicht. Proetels Recherchen ergeben: Monatelang hatten Löbels Wahlkreisbüro und dessen Firma denselben Telefonanschluss.  Die Bitte des Reporters um Einsicht in die Mietverträge weist Löbels Büro mit Hinweis auf den Datenschutz ab. Doch zwei Mitglieder des CDU-Kreisvorstandes, darunter ein Jura-Professor, bekommen unter Auflagen Einsicht. Kurz darauf legen beide ihre Vorstandsämter nieder. Der Jurist erklärt, er könne Straftaten im Zusammenhang mit den Verträgen nicht ausschließen.

Der Druck wächst

Proetels Berichte über die neuen Vorwürfe bringen Nikolas Löbel zunehmend unter Druck, auch, weil er sich in wenigen Wochen zum zweiten Mal erneut als CDU-Direktkandidat für Mannheim zur Bundestagswahl aufstellen lassen will. Mehrere Versuche einer Hamburger Kanzlei, in Löbels Auftrag gegen Artikel des "Mannheimer Morgen" vorzugehen, bleiben erfolglos. Doch dann veröffentlicht die Mannheimer CDU am Tag vor einer für den 23. Oktober anberaumten Wahlkreisversammlung das Gutachten eines parteinahen Anwalts. Dessen Fazit: Die Mietverträge in der CDU-Geschäftsstelle seien allesamt "rechtskonform".

Am folgenden Abend bekommt Stefan Proetel den Zorn der Löbel-Anhänger so geballt zu spüren wie nie zuvor.

Die Serie zum Wettbewerb: Das Feindbild vom bösen Journalisten – wie ein Lokalreporter im Fall Löbel attackiert wird
© Thomas Tröster

Die Stimmung in der trotz Corona mit fast 200 Menschen gut gefüllten Kulturhalle im Stadtteil Feudenheim ist hitzig. Ein Redner nach dem anderen startet verbale Angriffe auf Proetel und seine Zeitung. Von der "Mannheimer Prawda" ist die Rede. Die "Unabhängigkeit einer Monopolzeitung" habe das Blatt. Ein CDU-Landtagskandidat erklärt, Nikolas Löbels großartige Taten für Mannheim seien seit Monaten in einem "Geproetel" untergegangen.

Persönliche Angriffe

Später kommen einige Teilnehmer des Treffens zum Pressetisch an der Rückseite des Saals und gehen den Reporter direkt an. "Unglaublich, was Sie hier treiben!" "Wegen Ihnen bestell ich die Zeitung ab!" "Der arme Nikolas!" Diese Äußerungen sind Proetel im Gedächtnis geblieben. "Ich stand unfreiwillig im Mittelpunkt der Debatte", sagt Proetel über diese Szenen. "Wieviel Wut und Polemik da unterwegs waren, das war schon befremdlich."

Die Mannheimer CDU kürt Nikolas Löbel an diesem Abend mit 86 Prozent Zustimmung zum Kandidaten für die Bundestagswahl 2021. Mit Maske und hochgereckten Armen lässt er sich von seinen Fans feiern. Stefan Proetel tritt mit einem "komischen Gefühl" im Magen den Heimweg an. "Die persönlichen Angriffe gegen mich haben mich mitgenommen", sagt er. "Entsprechend misslaunig war ich in den Tagen danach." Entscheidend sei an diesem Punkt der Rückhalt seiner Familie und seiner Redaktion gewesen. "Ich habe dort komplette Unterstützung erfahren. Das war wichtig als Rückversicherung: Du bist auf dem richtigen Weg und darfst dich nicht davon abbringen lassen."

Vielen war klar: Da ist was faul

Die "Spiegel"-Meldung über Löbels Maskendeals erreichte Stefan Proetel Anfang März mitten in einer Video-Konferenz auf dem Handy. "Ich habe ein paar Minuten gebraucht, bis ich realisiert habe, was das für ihn bedeutet," sagt er. Dann ist ihm klar: "Genau die Verquickung von Geschäft und Politik, die ich schon vor Monaten thematisiert habe, ist jetzt ganz extrem zum Vorschein gekommen."

Seither bekommt der Reporter viel Post von Lesern. Anonyme Drohungen wie in der Mail vor wenigen Tagen sind die Ausnahme. "Die Menschen bedanken sich für unsere Berichterstattung. Weil ihnen schon über all die Monate klar war: Da ist was faul."

Genugtuung über Löbels Absturz empfinde er nicht, sagt Stefan Proetel. Als Bestätigung auch seiner Arbeit sieht er die Enthüllungen zu Löbels Maskengeschäften aber schon. Gleichzeitig beschäftigt ihn die Frage, wie der nun von allen politischen Ämtern Zurückgetretene mit den Ereignissen der vergangenen Wochen fertig wird. "Löbel sagte immer: ‚Die Politik ist mein Leben, die Partei ist mein Leben.' Jetzt hat er beide nicht mehr."

In einem Kommentar drei Tage nach der "Spiegel"-Story schreibt Stefan Proetel über Löbel. "Jeder möge bedenken, dass der 34-Jährige vermutlich gerade die schwerste Krise seines Lebens durchmacht. Sachliche, auch pointierte Kritik bleibt berechtigt, alles andere verbietet sich." Wo andere Medien "den Bogen etwas weiter spannen" könnten, muss eine Regionalzeitung wie seine mehr Rücksicht nehmen, findet er. "Wir sind Bürger Mannheims. Hier begegnet man sich. Man läuft auch Fans und Angehörigen von Nikolas Löbel über den Weg."

Ganz abgeschlossen hat er seine Recherchen zum "System Löbel" aber noch nicht. Es gebe noch ein paar Dinge abzuarbeiten, sagt Stefan Proetel. Er bleibt dran.

Qualitätsjournalismus – wie wird der heutzutage eigentlich gemacht? Wie kommt ein Thema auf? Welche Quellen nutzen Reporter*innen für ihre Recherche? Welche Möglichkeiten bieten neue und traditionelle Medien? Welche Rolle spielt die Presse für eine lebendige, demokratische Gesellschaft? Um diese und andere Fragen zum modernen Journalismus kreist unsere neue Serie zum Wettbewerb um den Nannen Preis 2021, den der stern und das Verlagshaus Gruner + Jahr ausrichten. Im Lauf der kommenden Wochen werden wir hier eine Reihe journalistischer Arbeiten aus dem aktuellen Wettbewerb um die renommierteste Auszeichnung für deutschsprachigen Journalismus näher beleuchten.

Die Auswahl der Arbeiten, auf die wir an dieser Stelle in loser Folge eingehen, ist gänzlich unabhängig von der Arbeit der Jurys, die in geheimen Beratungen die Preisträger küren. Hier geht es nicht um die Frage: Welche Arbeit macht das Rennen? Sondern darum Sie, unser Publikum, teilhaben zu lassen an der beeindruckenden Vielfalt journalistischer Kreativität, die sich in den Einreichungen zum Nannen Preis 2021 zeigt.
Ihr Nannen Preis Team

Mehr zum Thema