Tiere
Wildtierexperte: Wolfsangriff in Hamburg war Ausnahmefall

Ein Wolf verletzt eine Frau in der Hamburger Einkaufsmeile Große Bergstraße. (Symbolbild) Foto: Bernd Weißbrod/dpa
Ein Wolf verletzt eine Frau in der Hamburger Einkaufsmeile Große Bergstraße. (Symbolbild) Foto
© Bernd Weißbrod/dpa
Erstmals seit 1998 soll ein Wolf in Deutschland einen Menschen gebissen haben. Ist der Fall zu vergleichen mit der Situation in Baden-Württemberg? Experten haben da ihre Zweifel.

Wochenlang erhitzt die Debatte um den geplanten Abschuss eines wenig kontaktscheuen Wolfs im Nordschwarzwald die Gemüter. Der teils sehr emotionale Streit um den Hornisgrinde-Wolf beschäftigt Justiz und Politik: Kommt das Tier dem Menschen zu nahe? Ist es gefährlich? 

Nun hat in Hamburg nach Behördenangaben ein Wolf eine Frau angefallen. Damit sei in Deutschland erstmals ein Mensch von einem Wolf angegriffen worden, seit sich die Wölfe vor fast 30 Jahren wieder ausgebreitet haben. Sind die beiden Fälle vergleichbar?

"Das ist normaler Instinkt" 

Aus Sicht des Wildtierexperten Raoul Schwarze ähnelt die mutmaßliche Wolfsattacke keineswegs der Situation der vier sesshaften Wölfe in Baden-Württemberg. "Hätte der Wolf einen Spaziergänger auf der Hornisgrinde angefallen, würde ich mir mehr Sorgen machen", sagte Schwarze, Projektleiter des Alternativen Wolf- und Bärenparks Schwarzwald in Bad Rippoldsau-Schapbach.

Allem Anschein nach sei das Tier in Panik geraten. "Und es verteidigt sich, wenn sich Menschen ihm in einer solchen Lage zu sehr nähern. Das ist ein normaler Instinkt."

Besseres Wolfsmanagement nötig

Es sei wichtig, den Weg des Wolfs aus seinem Rudel an die Alster zu verfolgen. "Es gilt jetzt herauszufinden, wie er nach Hamburg gelangen konnte, warum er die Nähe zu Menschen gesucht hat und warum nach früheren Sichtungen nicht schon eingegriffen wurde", sagte Schwarze. "Wir brauchen für solche Lagen einfach ein besseres Wolfsmanagement, das solche Fälle auch ernst nimmt."

Das wird künftig in den Händen von Landwirtschaftsminister Peter Hauk liegen, weil die Zuständigkeit für das Wolfsmanagement in Baden-Württemberg an sein Ressort übergehen wird. Der CDU-Minister hat bereits deutlich gemacht, dass er sogenannte Problemwölfe, wenn nötig, auch zum Abschuss freigeben wird. "Dort, wo sie Grenzen für Mensch und Tier überschreiten, müssen sie entnommen werden", sagt Hauk.

Minister fordert Offensive

Der Minister hat wiederholt ein offensives und unbürokratisches Handeln gefordert, weil die Wolfsangriffe auf Schafe, Ziegen und Rinder im Südwesten und bundesweit zugenommen haben. Nun zeige der Hamburger Fall, dass es ein solches "verantwortungsbewusstes Wolfsmanagement" brauche, insbesondere mit Blick auf Problemwölfe. "Der aktuelle Fall belegt, dass der Wolf nicht von Grund auf scheu ist. Er ist und bleibt ein neugieriges und lernfähiges Raubtier", sagte Hauk der Deutschen Presse-Agentur.

Das Ministerium von Umweltministerin Thekla Walker, derzeit noch verantwortlich für alles rund um den Wolf im Südwesten, hält sich nach der mutmaßlichen Wolfsattacke in Hamburg zurück: "Es wäre nicht seriös, aus einer dem ersten Anschein nach Ausnahmesituation, in der sich ein Jungtier tief in eine Millionenstadt verirrt, sich in einer Einkaufspassage zwischen Automatiktüren verfängt und dort eine Passantin beißt, ad hoc Rückschlüsse auf den Umgang mit Tieren zu ziehen, die im Schwarzwald leben", sagte ein Sprecher.

Ähnlich zurückhaltend argumentiert der Naturschutzbund (Nabu): Er ordnet den Hamburger Vorfall als seltenen Einzelfall ein, der sachlich bewertet werden müsse. Begegnungen mit Wölfen im städtischen Raum seien äußerst selten und in aller Regel kein Anlass zur Sorge. Dass einzelne Tiere gelegentlich durch Städte wanderten, sei mit der Rückkehr des Wolfs grundsätzlich zu erwarten – meist seien es junge Wölfe, die ihr Rudel verließen und dabei unterschiedlichste Landschaften durchquerten. 

Hornisgrinde-Wolf bleibt tabu

Doch nicht jeder Wolf verirrt sich nur zufällig in die Nähe von Menschen. Einer der sesshaften baden-württembergischen Wölfe, das Tier im Hornisgrinde-Revier, hätte nach einer Ausnahmegenehmigung des Landesumweltministeriums bis Mitte März eigentlich erlegt werden sollen – gegen die lautstarke Kritik von Wolfsfreunden und Naturschützern. 

Das Tier hatte sich zahlreiche Male Hunden und damit auch Menschen genähert. Es beginne zudem ein "Wolfstourismus", weil das Tier offenbar ein begehrtes Film- und Fotomotiv geworden sei, hatte das Ministerium seine umstrittene Entscheidung begründet. Der Wolf könne so die Scheu vor Menschen vollkommen verlieren – und gefährlich werden.

Die laufende Genehmigung und die "Gefährdungslage" waren aber an die sogenannte Ranzzeit, die Paarungszeit, gekoppelt. Nachdem der Wolf bis dahin nicht geschossen worden war, wurde keine weitere Genehmigung beantragt.

Vier sesshafte Wölfe im Südwesten 

Rund 150 Jahre lang galt der Wolf in Deutschland als ausgerottet. Erst nach dem Mauerfall kamen mehrere Tiere über Polen nach Deutschland zurück. Heute streifen Wölfe durch die Wälder zahlreicher Bundesländer. In Baden-Württemberg sind vier Exemplare sesshaft.

dpa