Monatelang haben Hunderte Beschäftigte des belgischen Chemieunternehmens Domo Chemicals um ihre Jobs gebangt, nun können viele von ihnen aufatmen. Die Stilllegung des Chemiewerks ist abgewendet, das Werk wurde an eine neu gegründete Auffanggesellschaft übertragen, wie Insolvenzverwalter Lucas Flöther mitteilte. Diese wird jeweils hälftig von InfraLeuna und dem auf dem Gelände des Chemieparks ansässigen Unternehmens Leuna-Harze getragen. Ob der dritte Domo-Standort in Brandenburg gerettet werden kann, ist weiterhin unklar.
Ministerpräsident Sven Schulze zeigte sich mit der "Leuna-Lösung" zufrieden. "Für uns als Land ist das jetzt eine sehr, sehr gute Lösung, die jetzt hier präsentiert wurde", sagte der CDU-Politiker.
Er sei, damals noch als Wirtschaftsminister von Sachsen-Anhalt, zu Beginn entsetzt über den Zustand des Unternehmens gewesen. "Sie sollten wissen, dass Domo eines der Herzstücke in der gesamten chemischen Industrie hier in Sachsen-Anhalt und auch relevant für Deutschland ist", betonte Schulze. Mit dem Fall Domo sei gezeigt worden, dass Lösungen gefunden werden können, wenn sie gebraucht werden.
Unternehmenszentrum soll in Leuna bleiben
Dem Chemiewerk Domo Caproleuna in Leuna drohte zuletzt die Stilllegung, weil im Unternehmen kein Geld für die Finanzierung des laufenden Betriebs vorhanden war. Die neue Auffanggesellschaft Leuna Polyamid GmbH will nun zunächst die Wirtschaftlichkeit wiederherstellen. Anschließend ist eine Weiterentwicklung geplant, wie der Geschäftsführer der InfraLeuna GmbH, Christof Günther, ankündigte.
Auch nach der Sanierung sei nicht angedacht, das Unternehmen weiterzuveräußern. Viel mehr sollen die Geschäfte auch in Zukunft in der Stadt im Süden Sachsen-Anhalts angesiedelt bleiben. Am Domo-Standort in Leuna werden vor allem Kunststoff her, der unter anderem in der Automobilindustrie sowie in der Elektro- und Elektronikbranche weiterverarbeitet wird.
Willingmann: "All zu oft sollte uns das nicht passieren"
Insolvenzverwalter Lucas Flöther sprach von einer "Rettung in letzter Minute in einem in jeder Hinsicht ungewöhnlichen Verfahren". Er hatte den Geschäftsbetrieb seit Ende Dezember fortgeführt. Das Chemieunternehmen mit Sitz im belgischen Gent hatte Ende des vergangenen Jahres für seine drei deutschen Tochterfirmen in Sachsen-Anhalt und Brandenburg Insolvenz angemeldet. Das zuständige Gericht hat jetzt das Insolvenzverfahren über die drei deutschen Unternehmen von Domo Chemicals eröffnet.
Weil die Anlagen im Januar nicht gefahrlos heruntergefahren werden konnten, hatte das Land Sachsen-Anhalt einen Notbetrieb am Standort in Leuna finanziert. Für das Land waren dadurch den Angaben nach Kosten in Höhe von rund 80 Millionen Euro angefallen. "All zu oft sollte uns das nicht passieren", mahnte Sachsen-Anhalts Energieminister Armin Willingmann (SPD).
Das Land Sachsen-Anhalt war durch die Bereitstellung des Geldes weder in die insolventen Unternehmen eingestiegen, noch hat es in sie investiert. Allerdings konnte so die Suche nach einem Investor fortgesetzt werden.
Wie stehen die Chancen für den Standort in Brandenburg?
Die neue Gesellschaft in Leuna finanziert ab sofort vollumfänglich den Geschäftsbetrieb. Die Leuna Polyamid GmbH übernimmt den Angaben zufolge den Standort und die Immobilie in Leuna sowie 436 der zuletzt rund 500 Beschäftigten. Ein Teil des Personalabbaus erfolgt durch Eigenkündigungen oder Auslaufen befristeter Anstellungsverhältnisse. 39 Beschäftigten mussten betriebsbedingt gekündigt werden.
Die Domo Chemicals GmbH in Leuna verfügt den Angaben zufolge über keinen operativen Geschäftsbetrieb. Dort seien die administrativen Funktionen der drei deutschen Unternehmen gebündelt, hieß es. Das Unternehmen beschäftigt rund 35 Mitarbeiter. "Die Gesellschaft wird nach einer Übergangsphase im April die Stilllegung einleiten müssen."
Auch die insolvente brandenburgische Tochterfirma Domo Engineering Plastics GmbH soll gerettet werden. Hier werden den Angaben nach rund 70 Mitarbeitende beschäftigt. Flöther zeigte sich zuversichtlich, dass für den Standort im Landkreis Havelland in den kommenden vier Wochen ein Investor gefunden wird. Die Industriegewerkschaft IGBCE sprach den Beschäftigten ihre Unterstützung zu.
Arbeitsgeberverband: Domo-Rettung ist "wichtiger Lichtblick"
Nicht nur in Leuna finden sich Chemieunternehmen derzeit in einer schwierigen Lage wieder, in der gesamten ostdeutschen Chemieindustrie ist die Situation angespannt. "Wir sind in Summe noch nicht über den Berg, sondern in einer echt herausfordernden Zeit", betonte Schulze. Für die Zukunft sei er sich nicht sicher, ob es in einer ähnlichen Situation immer so glimpflich ausgehen wird.
Nach Angaben des Arbeitgeberverbands Nordostchemie lag der Gesamtumsatz der chemisch-pharmazeutischen Industrie in Ostdeutschland im Jahr 2025 bei rund 28,5 Milliarden Euro - ein leichtes Plus von 0,5 Prozent, das jedoch allein auf die Pharmaindustrie zurückzuführen ist. "Wir kennen im Moment nur eine Richtung: Produktion, Umsatz und auch Beschäftigung gehen zurück", erklärte die Hauptgeschäftsführerin des Verbands, Nora Schmidt-Kesseler, in einem Hintergrundgespräch in Berlin. Die Branche stecke inzwischen im dritten Krisenjahr in Folge.
Die klassische Chemie verzeichnete hingegen einen Rückgang von rund drei Prozent. Besonders kritisch bleibt die Kapazitätsauslastung: In der chemischen Industrie lag sie zuletzt bei durchschnittlich 72 Prozent.
Insgesamt sind laut des Branchenverbands rund 63.000 Menschen in der Branche beschäftigt. Während die Pharmaindustrie stabil bleibt, kommt es in der Chemie zunehmend zu Stellenabbau. Die Rettung von Domo wird nun als wichtiger Lichtblick gewertet. Die Lösung könne dazu beitragen, den Standort zu stabilisieren. Dort selbst zeigten sich nach Bekanntwerden der Lösung für den Standort auch die Arbeitnehmer erleichtert: "Ab heute haben wir wieder eine echte Perspektive für uns und unsere Familien in der Region", sagte der Betriebsratsvorsitzende Alexander Busch.