Sozialpsychologe Harald Welzer "Heute sind die Kinder die Realisten und die Erwachsenen die Träumer"

Mein Name ist Harald Welzer. Ich bin Sozialpsychologe und Autor und mein Ziel in der Kolumne ist es die Themen Nachhaltigkeit und Zukunftsfähigkeit mit einem neuen, ermutigenden, positiven Sound zu versehen. 
Ich wundere mich besonders...
Ich wundere mich am meisten darüber, dass man traditioneller Weise die Jugend als die mit den Fantasien, den Illusionen und den Träumen bezeichnet und die Erwachsenden als Realisten. Wir haben jetzt im Jahr 2019 ein vollkommen umgekehrtes Verhältnis. Die Erwachsenen sind die Traumtänzer, weil sie glauben, sie können mit der Autoindustrie und der Kreuzfahrtindustrie durchs 21. Jahrhundert kommen, während die demonstrierenden Kinder von Fridays for Future sagen: Nein, das wird nicht gehen, und wir haben alles Wissen dieser Welt und alle wissenschaftlichen Befunde  auf unserer Seite. Das heißt heute sind die Kinder die Realisten und die Erwachsenen die Träumer.


Nachhaltigkeit bedeutet...
Wirtschaften in der Zeit: Also, ich darf zu einem gegebenen Zeitpunkt nicht mehr verbrauchen als nachwachsen kann.


Wie blicken Sie als Sozialpsychologe auf die heutigen Herausforderungen?
Was mich als Sozialpsychologe interessiert ist wie Menschen ihre Potenziale entfalten. Die können unter bestimmten historischen und gesellschaftlichen Bedingungen ihre Potentziale extrem zum negativen entfalten und es für richtig halten, andere Menschen umzubringen oder aufs brutalste auszugrenzen. Sie können aber auch ihre Potenziale unter anderen Bedingungen ihre Potenziale so entfalten, dass sie in der Lage sind, wahnsinnig gute Dinge zu tun – und mir geht es darum, die Situationen zu identifizieren unter denen sie gute Dinge tun. 


Was ist die Größte Aufgabe Ihrer Generation?
Die größte Aufgabe meiner Generation ist unser Erfolgsmodell der liberalen rechtsstaatlichen Demokratie auf die Basis eines völlig neuen Naturverhältnisses zu stellen. Das heißt Aufhören mit der expansiven Form des Wirtschaftens, die alle Bedingungen für unser Überleben langfristig zerstört. 


Reicht ein nachhaltiger Lebensstil dafür aus?
Es reicht nicht aus, wenn sich jeder nur um ein besseres und nachhaltigeres Handeln bemüht, weil die großen Rahmenbedingungen, die dafür da sind wie Unternehmen wirtschaften können oder wie die öffentliche Hand wirtschaftet usw., ist natürlich von ganz entscheidender Bedeutung dafür, ob wir den Pfad wechseln und eine nachhaltige Gesellschaft hinbekommen – oder nicht.  Da reicht das Individuum nicht aus. Und insofern reden wir auch immer über politische Fragen, wenn wir über die Nachhaltigkeitswende sprechen. 
Was werden Menschen in 100 Jahren über uns denken?
Wenn die Generationen der Zukunft auf unsere Epoche zurückblicken, dann werden sie  mit größter Verwunderung feststellen, dass eine Kultur in der Lage gewesen ist trotz allen Wissens um den Klimawandel und alle ökologischen Probleme zum Beispiel so etwas Hyperbescheuertes wie Stadtgeländewagen zu erfinden und zu verkaufen. Aber sie wird hoffentlich auch feststellen, dass diese Idiotie dann doch eingesehene worden ist und man begonnen hat, sich Mobilitätsysteme ohne Autos auszudenken und andere Formen des Wohnens, des Ernährens, der Mobilität sich ausgedacht zu haben, die Menschheit kurz vor der Fortsetzung eines falschen Weges auf einen richtigen Weg geführt hat.
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Bestsellerautor Harald Welzer nimmt in der neuen stern-Kolumne "Auf dem Weg nach morgen" unseren Bananen-Konsum ins Visier. Neben Luisa Neubauer, Richard David Precht und Aleida Assmann wird der Forscher über Nachhaltigkeit schreiben. Welche Verantwortung seine Generation heute trägt, erklärt er im Video.

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