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Umstrittene Medienschelte "Verbitterte ältere Männer" – wie stern-Leser auf das Interview mit Richard David Precht und Harald Welzer reagieren

Richard David Precht (l.), Harald Welzer
"Taucht einer der beiden im Fernsehen auf, wechsele ich das Programm": Richard David Precht (l.), Harald Welzer
© Henning Kaiser / Holger Hollemann / DPA
Unterdrücken die Medien Meinungen und kungeln mit der Politik? Das stern-Interview mit Richard David Precht und Harald Welzer hat bei unseren Leserinnen und Lesern viele Reaktionen hervorgerufen. Hier sind einige davon.

"Die Menschen vertrauen euch nicht mehr!" Mit "euch" meinen die prominenten Intellektuellen Richard David Precht und Harald Welzer uns: die Medien. Der Philosoph und der Soziologe äußerten im Gespräch mit den stern-Redakteuren Tilman Gerwien und Tina Kaiser harte Vorwürfe. Zum Beispiel jenen, dass der Meinungspluralismus in Deutschland nur vorgetäuscht sei. Meinungen, die vom "Mainstream" abweichten, würden von den Medien unterdrückt. Das Interview mit Precht und Welzer finden Sie hier. Die Standpunkte der beiden Männer, ausführlicher ausgebreitet in einem neuen Buch, stießen bereits auf deutlichen Widerspruch. Und auch die Leserbriefe, welche die Redaktion zu dem Interview erreichten, waren größtenteils kritisch. Hier eine Auswahl:

Selbstgefällig

An Selbstgefälligkeit und wohltemperierter Ignoranz kaum zu überbieten. Hier reden zwei Männer in trauter Zweisamkeit und reagieren doch nur völlig über, weil sie einerseits austeilen, andererseits aber nichts einstecken können. So versuchen sie, ihr Versagen mit Journalistenschelte zu kaschieren. Und ich mag die beiden!

Holger Patzwall, Duderstadt

Narzisstische Kränkung

In der Psychopathologie würde man Precht und Welzer nach diesem Interview wahrscheinlich die Diagnose „paranoide Störung“ attestieren. Tatsächlich verbirgt sich allerdings hinter ihren kruden Vorwürfen eine narzisstische Kränkung. Erfolgsverwöhnt äußern sie sich seit Jahren dezidiert zu jedem Thema, obwohl es ihnen oft an Expertise fehlt. Ihre einfachen Meinungsäußerungen werden immer mit dem Label „Philosoph“ bzw. „Soziologe“ aufgewertet,  und so wurde über Jahre Kompetenz suggeriert. Beide Protagonisten werden in allen möglichen TV-Formaten eingeladen und bekommen auch in den Printmedien Gelegenheit, sich ausladend zu äußern. Ganz nebenbei machen sie alleine durch ihre Präsenz kostenlose Werbung für ihre Bücher. Sie sind es nicht gewohnt, dass man ihnen so deutlich die Deutungshoheit abspricht. Jetzt schmollen sie und teilen aus. Sollen sie doch mal eine Pause einlegen, ein freiwilliges soziales Jahr absolvieren und das Klagen den wirklich Benachteiligten der Gesellschaft überlassen.

Nino di Bari, Düsseldorf

Mediale Echokammern existieren

In Deutschland gibt es kaum Kritik an den Medien, und unsere Gesellschaft schluckt alles, was sie verbreiten, weitgehend unreflektiert. Die Medien werden bei uns als Autoritäten verehrt. Wenn man Probleme hat, etwas glaubhaft zu machen, muss man nur sagen „Das stand so in der Zeitung...“ oder „Der im Radio hat gesagt...“.

Ich erinnere mich nicht, dass sich jemals jemand kritisch mit unseren Leitmedien beschäftig hat oder sich gar traute, diese öffentlich zu kritisieren. Weil das sofort einen medialen Shitstorm auslösen würde, da sich ja dann alle Hunde getroffen fühlen und heftig bellen, ja sogar beißen würden.

Das erleben jetzt die beiden „bösen Buben“ Precht und Welzer. Und es werden ihnen ordentlich die Löffel lang gezogen – etwa beim Interview im stern oder bei Markus Lanz.

Ich hatte jahrzehntelange beruflich Einblicke in die Arbeit der Printmedien. Auch kenne ich die Arbeitsweisen bei den öffentlich-rechtlichen Sendern. Hier wie dort ist es stets ratsam, die Schere im Kopf einzusetzen, wenn man bestehen will.

Andererseits habe ich als Vertreter verschiedener NGO’s fast ein Leben lang versucht, NoGo-Themen oder Minderheitenmeinung in die Medien zu tragen – weitgehend erfolglos. Ja, es gibt sie, die mediale Echokammer. Traut sich aber niemand zu sagen.

Conrad Fink, Freiberg a.N.

Zutreffende Analyse

Eine bemerkenswerte und in vielen Aspekten wohl zutreffende Kritik von Precht und Welzer! Meines Erachtens auch daran abzulesen, dass "Leitmedien" nicht über den allgegenwärtigen Lobbyismus berichten mögen, können oder dürfen.

Andreas Kickstein, Plön

Nur Gefasel

Die beiden Oberintellektuellen liefern leider nichts als irrlichterndes, inkonsistentes Gefasel. Köstlich, wie die beiden Interviewer jede ihrer Behauptungen mühelos widerlegen konnten. 90% aller Länder könnten froh sein, wenn sie unsere Presselandschaft hätten.

Gebhard Boddin, Hamburg

Nebulös

Weniger Nebelschwaden und mehr verständlich formulierter Realitätsbezug  von Seiten der Interviewten hätte dem Gespräch gut getan. Ich bin sicher zu blöd, um das Buch zu verstehen.  

Detlef Schmegel, Gräfenhainichen

Ab zu Putin

Ich würde Herrn Precht und Herrn Welzer gerne fragen: Hätte man mit Hitler, Stalin oder anderen Diktatoren einfach nur reden müssen, um millionenfaches Leid zu vermeiden? Ich empfehle Precht und Welzer, sich einen Gesprächstermin bei Putin zu besorgen, um den von ihm entfesselten Krieg zu beenden.

Werner Mischke, Hamburg

Hervorragendes Interview

Ihre Redakteure haben ein hervorragendes Interview geführt und aus den Autoren die „heiße Luft“ gelassen – wobei diese eigentlich höchstens lauwarm war.

Olaf Schulte, Walheim

Bedauerliche Entwicklung

Precht und Welzer sind selbstüberzeugte Intellektuelle, die sich in Sphären abseits jeglicher Erdnähe bewegen. Prechts Entwicklung vom sanften, realitätsnahen Philosophen zum aggressiven Rechthaber ist bedauerlich. Und was ist mit Welzer? Ach, dessen Ansichten waren ja schon immer weltfremd.

Annemarie Fischer, Wielenbach

Missbrauchtes Recht

Beim Kampf um die Ukraine geht es nicht um Gesinnungsethik. Es geht noch weniger um Verantwortungsethik. Es geht um Sein oder Nichtsein der Ukraine. Wer, wie Herr Precht und Herr Welzer, in einer derartigen Situation kritisiert, dass die Ukrainer im Kampf um ihre Freiheit ihre Gesundheit und ihr Leben riskieren und dabei von demokratischen Staaten gemäß dem Völkerrecht unterstützt werden, der ergreift de facto Partei für den Aggressor Putin. Besagte Akademiker und ihre Mitstreiter handeln selbst auf ihre Weise gesinnungsethisch naiv und/oder verantwortungsethisch blind und missbrauchen damit – als einflussreiche und wirkungsmächtige Personen des öffentlichen Lebens – ihr Recht auf freie Meinungsäußerung. Kein Wunder, dass Precht und Welzer mit ihren Tiraden auf fast einhellige Ablehnung nicht nur der Journalisten stoßen.

Winfried B. Boczki, Bonn

Propheten unserer Zeit

Publizisten wie Precht und Welzer ähneln den großen alttestamentarischen Propheten, die zu ihren Lebzeiten von ihren Zeitgenossen selten verstanden, aber häufig niedergebrüllt, des Defätismus beschuldigt oder sogar „aus dem Verkehr gezogen“ wurden. Solange auch Leute wie sie im stern zu Wort kommen, werde ich ihn weiterhin mit Interesse lesen.

Günter Winefeld, Berga

Wir schalten um

Precht und Welzer – taucht einer der beiden im Fernsehen auf, wechsele ich das Programm. Viele meiner Freunde tun das aus Prinzip auch: Man kann diese selbstverliebten Kerle nicht mehr sehen. Vor allem ihnen nicht mehr zuhören. Warum musste der stern bei diesem Hype um die Beiden dabei sein?

Gernot Braun, Alsbach-Hähnlein

Frust und Verbitterung

Zwei ältere Herren mit sonderbaren Meinungen, die nach meiner Ansicht verbittert und total darüber frustriert sind, dass sich trotz ihrer Popularität kaum jemand ihrer Meinung anschließen mag. Zwei Menschen, die beklagen, dass selbst die Presse in ihrer Vielfalt über abweichende Meinungen nicht berichtet, wenn sie dem Mainstream nicht entsprechen. Allein die Tatsache, dass der stern ihnen auf vier Seiten ausreichend Gelegenheit gibt sich zu äußern und Werbung für ihr neues Buch zu machen, widerlegt doch das Argument der „gleichgeschalteten Massenmedien“. 

Rüdiger Sauer, Oldenburg

Mit Unterstellungen gearbeitet

Warum war das Gespräch denn „nicht immer angenehm", wie Sie schreiben? Die beiden Herren wussten sich doch gut zu benehmen! Vielleicht war es nicht angenehm, weil die Interviewer mit Unterstellungen gearbeitet haben, denen die Beiden widersprochen haben. Wo ich Ihnen zustimme, ist die Idee, dass Herr Welzer eine Mail an Christian Wulff schreiben sollte. Für eine Entschuldigung ist es nie zu spät.

Angelika Zitzelsberger-Schlez, Heidelberg

Nicht verstanden

Ich bin ein großer Fan von Richard David Precht, aber seine Medienschelte hat sich mir nicht erschlossen. Ich bin mündige Leserin und bilde mir meine Meinung aus unterschiedlichen Medien wie Radio, Fernsehen und Printmedien. Die lassen nichts aus.

Marie-Elisabeth Giesecke 

Typisch Journalisten

Auch ich habe schon seit langem den Eindruck, dass uns eine Gleichschaltung der Medien droht. Die Herren Precht  und Weizer bestätigen das. Typisch, dass Journalisten gleich auf die Barrikaden gehen.

Michael Schumacher, Gießen

Kein Streitgespräch

Das Interview mit den beiden Autoren ist kein „Streitgespräch“. Die stern-Vertreter streiten gar nicht. Aus den Formulierungen und Vorhaltungen ergibt sich, dass die Arme verschränkt werden und man sich passiv-aggressiv in die Ecke stellt. Das Ergebnis stand doch schon bei Beginn des Gesprächs fest, oder?

Stephan Eschebach, Marburg

Wo waren die Aluhüte?

Wenn ich lesen muss,  wie zwei larmoyante Weltverbesserer den Ukrainern erklären wollen, wie einfacher ihr Leben wäre, hätten sie nur rechtzeitig verhandelt (aufgegeben), dann frage ich mich wirklich, wo die beiden während des Interviews ihre Aluhüte versteckt haben. Mir fällt nur noch die Abwandlung eines Aphorismus von Mark Twain ein: "Zuerst schuf der liebe Gott die Idioten – zur Übung – dann schuf er die moralisierenden Philosophen." 

Wilhelm Kerber, Kiel

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