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LGBTIQ+-Community Tödlicher Übergriff auf dem CSD in Münster: Warum Transfeindlichkeit noch immer ein Thema ist

Ein Mann mit geschminktem Gesicht hält die Hände vor die Kamera.
Trans Menschen werden in Deutschland immer häufiger Opfer von Gewalttaten und Übergriffen. 
© Imago Images
Drei Mal am Tag gibt es in Deutschland Übergriffe gegen queere Menschen, die meisten davon betreffen trans Menschen. Der jüngste Vorfall auf dem CSD in Münster endete für einen 25-jährigen trans Mann tödlich. Woher kommt dieser Hass?

Eine Woche nach der tödlichen Attacke auf dem Christopher-Street-Day in Münster ist die Trauer um den 25-jährigen verstorbenen trans Mann groß. Während der 20-jährige Tatverdächtige mittlerweile in Untersuchungshaft sitzt, fährt die Debatte um Transfeindlichkeit in Deutschland in Sozialen Netzwerken wieder hoch.

Der 20-Jährige soll am Rande der CSD-Versammlung am 27. August mehrere Frauen unter anderem mit den Worten "lesbische Hure" beschimpft haben und drohend auf sie zugegangen sein. Der 25-Jährige habe ihn gebeten, die Beleidigungen zu unterlassen. Doch der Täter schlug den Ermittlungen zufolge unvermittelt mindestens einmal mit der Faust auf den 25-Jährigen ein. Im Krankenhaus erlag er schließlich seinen Verletzungen. Und auch, wenn das Tatmotiv bislang nicht eindeutig geklärt ist, sorgt die Identität des Opfers für eine enorme Solidaritätswelle.

Ein Angriff auf einen trans Menschen, das ist gerade für die LGBTIQ+-Community kein Einzelfall, sondern bittere Realität. Täglich gibt es laut Zahlen des Lesben- und Schwulenverbandes in Deutschland (LSVD) im Durchschnitt drei Vorfälle im Zusammenhang mit Hasskriminalität gegenüber queeren Menschen. Am häufigsten komme es demnach zu Übergriffen gegen trans Menschen, genauer gesagt trans Frauen.

LSVD zu Münster: "War eine queerfeindliche Gewalttat"

Renè Mertens vom LSVD sagte im Gespräch mit dem WDR im Hinblick auf den Vorfall in Münster: “Das war wirklich eine queerfeindliche Gewalttat." Auch bei anderen CSD-Veranstaltungen in Deutschland sei es in diesem Jahr zu Übergriffen gekommen. Laut der Kriminalstatistik des Bundesinnenministeriums gab es alleine im Jahr 2021 340 Hass-Straftaten gegen trans Menschen. Zum Vergleich: Im Jahr 2020 waren es "nur" 204 angezeigte Straftaten in dem Bereich. Und die Dunkelziffer dürfte hoch sein, da viele aus Scham schweigen. 

Aber woher kommt der Anstieg der Übergriffe? Mertens vom Lesben- und Schwulenverband sieht die Ursache auch im Netz. Auf Social Media würden sich durch die Filterblasen queerfeindliche Ansichten verbreiten und verstärken. Dadurch würden Soziale Netzwerke auch eine Mitschuld daran tragen, dass Vorurteile irgendwann in Hass und Gewalt umschlagen.

Professor Ulrich Wagner von der Universität Marburg beschäftigt sich als Sozialpsychologe seit Jahrzehnten mit der Entstehung von Vorurteilen und Gewaltprävention. Im Gespräch mit dem stern erklärt er, dass jeder von uns Stereotype im Kopf habe, sie aber nicht zwangsläufig auch auslebe. Social Media und Nachrichten würden hier als Verstärker wirken.

Sozialpsychologe erklärt: Warum haben wir Vorurteile?

Er nennt aber noch eine andere Ursache von Vorurteilen: Angst. Und zwar vor medial vermittelten Stereotypen oder Menschen, die anders sind, als wir selbst. Sein Tipp: "Die Angst wird geringer, wenn wir uns ihr stellen. Das heißt, vielleicht doch auf Mitglieder von Minderheiten zugehen, reden und feststellen, dass es Nette und weniger Nette gibt."

Genau diese Kommunikation zwischen der LGBTIQ+-Community und anderen Lebenswirklichkeiten findet allerdings viel zu oft nicht statt. Wer in einem klassischen Familienbild lebt, der fühlt sich durch die neue Freiheit der Liebe und der Identität, die auch gerne ausgelebt wird, im Zweifel bedroht. Und manchmal wird dann aus einem Stereotype ein Vorurteil – und selten auch Gewalt.

"Wir brauchen ein gewisses Maß an Selbstkontrolle, um gedankliche Vorurteile nicht anzuwenden", erklärt Professor Wagner. Wenn wir uns aufregen oder abgelenkt werden, dann könnten uns Kapazitäten dafür fehlen.

Ursachen für zunehmende Transfeindlichkeit unklar

Für LSVD-Referentin Sarah Ponti fehlt es klar an Forschung in dem Bereich der Tranfeindlichkeit, wie sie im Gespräch mit tagesschau.de ausführt: "Die Ursachen für die zunehmenden Übergriffe gegen trans Menschen sind unklar. Hat es mit einer wachsenden Sichtbarkeit von trans-Menschen zu tun? Oder nimmt die transfeindliche Stimmung zu? Oder beides?"

Für Betroffene ist die Ursache oft zweitrangig – sie haben genug mit den Folgen für ihr eigenes Leben zu kämpfen. Die Politikwissenschaftlerin und Autorin Felicia Ewert beschreibt in einem Gastbeitrag auf jetzt.de ihre Erfahrungen so: "Man hat versucht, mir anhand vermeintlicher biologischer Tatsachen mein Geschlecht abzusprechen und es gab viele frauenverachtende Äußerungen. Sexistische Kommentare, Suizidaufforderungen, auch Gewaltandrohungen. Jemand hat mir geschrieben: 'Wenn ich dich irgendwo auf einer öffentlichen Toilette treffe, schlage ich dich zusammen.'"

Und auch Sven Lehmann, Queerbeauftragter der Bundesregierung, hat sich in einem Gastbeitrag in der "Welt" zu den Rechten seiner Community geäußert, nachdem das Blatt zuvor einen transfeindlichen Gastbeitrag veröffentlicht hatte. Er schreibt darin: "Wir sind es leid, dass unsere Existenz überhaupt verhandelt wird. Wir sind es leid, dass Feindlichkeit gegenüber LGBTIQ* überhaupt als legitime 'Meinung' dargestellt wird und nicht als das, was sie ist: gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit. Und wir sind es leid, dass viele von uns täglich beleidigt oder angegriffen werden, nur weil wir sind, wie wir sind, und weil wir lieben, wie wir lieben."

Tatverdächtiger schweigt zu den Vorwürfen

Lehmann war es auch, der erst kürzlich einen Plan gegen Queerfeindlichkeit vorgestellt hat. Damit soll unter anderem das Verbot der Diskriminierung wegen sexueller Identität erweitert werden und Projekte gegen Sexismus und Queerfeindlichkeit gefördert werden. Vorher muss der Plan aber noch mit Verbänden und Ministerien abgestimmt werden. Bildung scheint aber schonmal ein guter Weg zu sein. Renè Mertens vom LSVD ergänzt: "Wir brauchen die Solidarität der gesamten Gesellschaft."

Dem 25-jährigen CSD-Besucher, der wegen seiner Zivilcourage zum Opfer des tödlichen Angriffes in Münster wurde, hilft all das nicht mehr. Aber der Fall gibt uns als Gesellschaft die Chance, uns solidarisch mit allen trans Menschen zu zeigen und langfristig dafür zu sorgen, dass solche Vorfälle keinen Raum mehr haben.

Polizeipräsidentin Alexandra Dorndorf sagte dem stern: "Ich versichere Ihnen: Die Polizei Münster setzt alles daran, den Verantwortlichen für diese schreckliche Gewalttat zu ermitteln. Unser Mitgefühl gilt den Angehörigen, Verwandten und Freunden des Verstorbenen." Kurze Zeit später wurde ein 20-Jähriger festgenommen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt derzeit gegen ihn wegen Körperverletzung mit Todesfolge. Bisher schweigt er zu den Vorwürfen.

Quelle: Lesben- und Schwulenverband in Deutschland, Bundesinnenministerium, Tagesschau.de, jetzt.de, Welt

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