VG-Wort Pixel

Herzinfarkt im Cockpit Sind die Gesundheitschecks für Piloten zu lasch?


Auf einem Flug von "American Airlines" erleidet der Pilot einen Herzinfarkt und stirbt. Er soll zwei Bypässe gehabt haben. Darf ein Pilot dann überhaupt noch fliegen? Der stern sprach mit einem Fliegerarzt. 

Herr Dr. Beiderwellen, ein Pilot der "American Airlines" ist an Bord gestorben, der Mann erlitt offenbar einen Herzinfarkt. Gab es so etwas schon einmal?

Es gab ein, zwei ähnliche Unfälle in den vergangenen 20 Jahren in der privaten Luftfahrt, bei denen man annimmt, dass ebenfalls ein Herzinfarkt des Piloten dafür die Ursache war. Dass so etwas in der letzten Zeit bei einem Berufspiloten vorgekommen ist, daran kann ich mich nicht erinnern. Ein solcher Vorgang wie bei "American Airlines" ist ein extrem seltenes Ereignis.

Der Pilot soll zwei Bypässe gehabt haben. Darf ein Pilot damit überhaupt noch fliegen?

Natürlich.

Warum?

Man muss klar sagen, dass das absolut sicher ist. In einem Flugzeug sitzen immer zwei Piloten. Es ist natürlich der schlimmste anzunehmende Fall, wenn einer davon stirbt. Aber die Maschine kann von einem Piloten problemlos weitergeflogen werden. Durch die Zwei-Mann-Regelung im Cockpit besteht keine Gefahr für die Passagiere. Und der Copilot hat in dem aktuellen Fall  alle Regeln befolgt. Fällt ein Pilot aus, gilt: sobald wie möglich landen. Doch die Situation war ganz sicher nicht so brenzlig wie etwa damals bei der Notlandung im Hudson River. Das war eine fliegerische Meisterleistung. Ein Flugzeug alleine zu landen, ist zwar etwas mehr Arbeit - aber auch Routine.

Wobei ich als Passagier sicher entspannter bin, wenn ich davon ausgehen kann, dass beide Piloten in Topform sind.

Das ist klar. Aber wenn ein solcher, seltener Fall eintritt, gibt es klare Regeln. Diese unterscheiden sich auch nicht zwischen Deutschland und Amerika. Wenn ein Pilot Herzbeschwerden, einen Infarkt erlitten oder einen Bypass hat, gilt er erst einmal als grundsätzlich untauglich. Eine weitere Tauglichkeit erfolgt dann nur unter Einschaltung der zuständigen Behörde - in Deutschland ist das das Luftfahrtbundesamt. Der Fliegerarzt alleine kann das gar nicht mehr entscheiden. Sechs Monate lang gilt dieser Pilot auf jeden Fall als untauglich. Danach wird er extrem gründlich kardiologisch untersucht. Für die erneute Tauglichkeit müssen bestimmte körperliche Voraussetzungen erfüllt sein - etwa, dass die Herzkranzgefäße eine ausreichende Durchblutung sicher stellen. Und der Pilot  darf nur unter bestimmten Auflagen wieder fliegen: So muss er in verkürzten Intervallen untersucht werden und in der Flugtauglichkeitbescheinigung ist vermerkt, dass er nicht alleine im Cockpit sein darf. Der zweite Pilot darf diese Auflage darüber hinaus nicht haben. Damit ist keine Gefahr für die Passagiere gegeben.

Warum schließt man ihn nicht ganz aus?

Dafür gibt es keinen Grund: Sie würden ja auch einen Busfahrer nicht vom Job suspendieren, wenn er einen Herzinfarkt hatte und es ihm wieder gut geht.

Trotzdem wird seit Jahren moniert, dass die Gesundheitschecks für Berufspiloten zu lasch sind. Gibt es Nachbesserungsbedarf?

Ja, aber das hat nichts mit dem Thema Herzinfarkt zu tun. Gerade da sind die Regeln vollkommen ausreichend. Wir Fliegerärzte kritisieren aber seit Jahren, dass wir routinemäßig bei Piloten keine Blutwerte abnehmen dürfen.

Was würde das bringen?

Damit ließe sich etwa leicht feststellen, ob jemand zu viel Alkohol trinkt, oder eine Zuckerkrankheit entwickelt. Bislang können wir  lediglich einen Verdacht äußern und erst dann dürfen wir Flugärzte weitere Blutproben abnehmen. Screenings auf Drogen oder gängige Psychopharmaka - auch die in Amerika freiverkäuflichen - halten wir ebenfalls für sinnvoll. Alkohol- und Drogenprobleme sind unter Piloten genauso verbreitet wie in jeder anderen Berufsgruppe auch. Wenn ein Pilot Langstrecke fliegt, kann er sich Medikamente besorgen, für die er in Deutschland ein Rezept bräuchte. Mit einem Urintest lässt sich feststellen, ob er so etwas über einen längeren Zeitraum genommen hat. So schlimm sie auch war, in diesem Fall hat die Germanwings-Katastrophe wenigstens Bewegung reingebracht. Solche Blut- und Urintests sollen schon bald routinemäßig durchgeführt werden. Denn eines ist klar: Pilot ist ein stressiger Beruf, Belastungen und Burnout sowie missbräuchlicher Alkohol- oder Drogenkonsum spielen eine Rolle.

Wie wird in Deutschland bis jetzt die Gesundheit von Piloten überprüft?

Ein Berufspilot wird zu Beginn seiner Ausbildung medizinisch einmal komplett durchgecheckt und seine körperliche Fitness überprüft: Dabei wird auch ein EEG gemacht, und der Pilot wird neurologisch untersucht. Abhängig vom Lebensalter muss er danach  regelmäßig zum Fliegerarzt. Bis 40 ist das einmal im Jahr der Fall, danach halbjährlich, wenn er alleine fliegt, etwa in einem Rettungshubschrauber. Ab 60 Jahre gilt: Alle Piloten müssen jedes halbe Jahr zum Fliegerarzt. Mit 65 muss er einmal komplett von einem Herzspezialisten untersucht werden - mit einem Belastungs-EKG und vielem mehr -, danach ist diese umfangreiche Untersuchung alle fünf Jahre vorgesehen.

Wann gelten Piloten als nicht tauglich?

Das ist von der Europäischen Agentur für Flugsicherheit (EASA) bis ins kleinste Detail festgelegt. Ein Grund für eine Untauglichkeit ist etwa Alterszucker, ohne dass der Pilot Insulin braucht. Auch nach einer Operation muss der Pilot eine gewisse Zeit aussetzen. Zeigen die Nachsorgeuntersuchungen, dass alles in Ordnung ist, kann er auch - in Abstimmung mit dem Luftfahrtbundesamt - wieder als tauglich erklärt werden.

Das klingt so, als ob nahezu alle Piloten wieder irgendwann für tauglich erklärt werden könnten.

Bei der überwiegenden Mehrheit ist das der Fall. Es gibt natürlich No-GOs, etwa einen schlimmen Schlaganfall oder schwere Operationen an der Lunge - dann ist es vorbei. Aber nach einer komplikationslosen Darmkrebs-OP etwa, gibt es keinen Grund, einen Piloten langfristig das Fliegen zu verwehren, da er im Cockpit keine Gefahr darstellt.

Wie häufig ordnen Sie Piloten als nicht tauglich ein?

Bei meinem Klientel sind es etwa zwei Prozent im Jahr, die ich erst einmal aus dem Flugbetrieb rausnehmen muss. Aber davon sind lange nicht alle auf Dauer untauglich. Wenn die Nachfolgeuntersuchungen in Ordnung sind, fliegt der Pilot auch wieder - entweder ohne oder mit Auflagen.

Zwei Prozent klingen wenig.

Das liegt daran, dass wir ein recht gesundes Klientel haben. Wer Pilot werden will, muss ja bereits bei dem Auswahlverfahren nachweisen, dass er fit ist. Zudem halten wir die Piloten zu einem gesunden Lebensstil an.

Der Pilot von "American Airlines" war 57 Jahre alt. Lag er damit über der Altersgrenze?

Nein, 57 ist für Piloten ein vollkommen normales Alter. Auch in Amerika wäre er jährlich untersucht worden. Ich kenne die Akte zwar nicht, ich kann mir aber vorstellen, dass er bei seiner Vorgeschichte bereits in seinem Alter halbjährlich untersucht wurde - auch kardiologisch. Das wäre zumindest in Deutschland der Fall.

Was fordern sie als Verband noch?

Ein großes Problem ist, dass das Luftfahrtbundesamt die Flugtauglichkeitsbescheinigungen für Piloten zu wenig kontrollieren kann und dafür auch nicht die nötige Kompetenz hat. Das hat auch die EASA bemängelt. Die Behörde ist unterbesetzt, es gibt zu wenige Ärzte und noch dazu ist kein zentrales Datenerfassungssystem vorhanden. Wir Fliegerärzte protokollieren alles händisch und füllen zusätzliche unnötige Dokumente aus, die dann an das Luftfahrtbundesamt geschickt werden. Andere Länder haben längst ein elektronisches System, mit dem die Daten erfasst werden. So lässt sich auch viel leichter kontrollieren, ob ein Pilot schon bei einem anderen Fliegerarzt war, dort abgelehnt wurde und nun unbemerkt einen anderen Arzt aufsucht, um seine Krankheit zu verschleiern.

Interview: Lea Wolz

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker