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Blutgefäße: Ströme des Lebens

Unsere Adern versorgen jedes Organ und jede Zelle des Körpers. Wenn sie versagen, drohen Herzinfarkt und Schlaganfall. Wuchern sie am falschen Ort, können sich Tumoren nähren. Deshalb wollen Mediziner Blutbahnen nun gezielt wachsen oder schrumpfen lassen.

Von Horst Güntheroth

Die Katastrophe kam am frühen Morgen. Polizeihauptmeister Bernhard Kehrer hatte gerade seinen Dienst auf dem Flughafen in Frankfurt angetreten. Als er vor dem täglichen Kontrollgang noch etwas am Schreibtisch erledigen wollte, baute sich in seiner Brust ein ungeheurer Druck auf. "Erst dachte ich, das gibt sich schon wieder", erzählt der 47-Jährige, "doch es wurde immer schlimmer." Nervös lief er im Büro umher - am Schrank sackte er zusammen. Sein Kollege, mit dem er sich den Raum teilte, schaltete schnell. Im Nu war der Rettungswagen aus der nahen Flughafenambulanz da und raste mit Kehrer ins Universitätsklinikum.

"Herzinfarkt" lautete die Diagnose der Kardiologen. Eine Arterie an der Blutpumpe hatte sich zugesetzt, der Muskel war geschädigt. Mit Hilfe eines Katheters dehnten die Ärzte die Ader und verordneten Medikamente zur Verdünnung des Lebenssaftes. Der Polizist kam auf die Intensivstation.

Heute fühlt sich der Mann aus dem südhessischen Heusenstamm wieder wohl. Er hat das Rauchen aufgegeben - 20 bis 30 Zigaretten qualmte er am Tag - und radelt nun täglich mit dem Fahrrad zur 20 Kilometer entfernten Dienststelle. Mit Leidenschaft bastelt er nach Feierabend an seinem Motorrad, und am Wochenende relaxt er mit seiner Familie im Wohnwagen auf dem nahen Campingplatz.

Seine wiedergewonnene Lebensfreude verdankt der Polizist der schnellen Hilfe, einem "Stent" in der Herzarterie, der das Gefäß offen hält - und einer Zugabe: Wenige Tage nach dem Infarkt spritzten die Mediziner der Uniklinik mit Hilfe eines Katheters Stammzellen in Kehrers Brust, ins Infarktgebiet. Die hatten sie zuvor aus dem Knochenmark im Beckenkamm des Patienten gewonnen. "Diese Zellen verstärken die Neubildung von Gefäßen und damit die Blutversorgung des Herzens. Zudem sind sie in der Lage, einen Teil des geschädigten Herzgewebes zu regene- rieren", sagt Professor Andreas Zeiher, Chef der Kardiologie am Frankfurter Uniklinikum.

Ein neues Verfahren, das Millionen Menschen mit verengten Arterien Hoffnung bringt. Könnten doch eines Tages Umleitungen für verstopfte Gefäße problemlos von selbst wachsen. Und nicht nur Kranken mit verengten Blutbahnen, sondern auch Menschen mit anderen Aderproblemen verheißen jüngste Forschungsergebnisse Hilfe. In vielen Labors arbeiten Mediziner und andere Wissenschaftler daran, Bildung und Funktion unseres Blutversorgungssystems bis ins molekulare Detail zu erkunden - um es dann manipulieren zu können und so Krankheiten zu bekämpfen. Wie etwa im neu gegründeten Sonderforschungsbereich "Vascular Differentiation and Remodeling", in dem sich hierzulande 16 Arbeitsgruppen verschiedener Universitäten zusammengeschlossen haben.

Wenn sie, so die Vision der Wissenschaftler, das Blut an wichtigen Stellen im Körper zum Sprudeln bringen und an anderen drosseln könnten, ließen sich einerseits Organe und Gewebe vor dem Untergang bewahren, andererseits aber auch Geschwulste gezielt ausschalten. Ähnlich wie Bauern mit dem Fluten oder Sper- ren von Bewässerungskanälen auf den Äckern Feldfrüchte gedeihen und Unerwünschtes verdorren lassen.

Die neuen Therapien könnten die Medizin in den nächsten Jahrzehnten revolutionieren. Ob Arteriosklerose oder Diabetes, Krebs oder Augenleiden - den großen Zivilisationskrankheiten ließe sich auf diese Weise ihr Schrecken nehmen. Allein in Deutschland stirbt etwa die Hälfte aller Bürger direkt oder indirekt durch Erkrankungen ihrer Adern. Weltweit könnten mehr als 500 Millionen Menschen von einem Eingriff in ihre Blutbahnen profitieren.

Das Gefässsystem des Menschen ist ein biologisches Meisterwerk, in Millionen von Jahren von der Evolution geschaffen und optimiert. Pipelines, durch die, vom Herzen gepumpt, fünfeinhalb Liter Blut im immerwährenden Kreislauf strömen. Das Labyrinth von Röhren, die im Zentrum des Körpers daumendick sind und zur Peripherie hin feiner als ein Haar werden, versorgt alle Organe und Zellen mit lebenswichtigen Nährstoffen und Sauerstoff. Etwa 100 000 Kilometer misst dieses Netzwerk bei einem Erwachsenen - die Adern eines einzelnen Menschen würden, aneinandergereiht, zweieinhalbmal um den Erdball reichen.

Gebaut sind die Blutkanäle aus drei Schichten. Die innere Wand besteht aus einer Membran, belegt mit flachen sogenannten Endothelzellen, die äußere aus Bindegewebe. Dazwischen liegt ein Schlauch aus Muskelzellen und elastischen Fasern. Diese Lage ist je nach Funktion der Gefäße unterschiedlich stark - am kräftigsten ist sie bei jenen, die das Blut vom Herzen wegleiten, den Arterien, und deutlich dünner bei denen, durch die der rote Saft zurückfließt, den Venen. Mit Hilfe dieser Muskeln können die Röhren auf die verschiedensten Bedürfnisse des Organismus reagieren - sie drosseln oder verstärken den Blutfluss. Gesteuert wird das durch ein komplexes Zusammenspiel hormonaler und neuronaler Signale.

Im Laufe des Lebens altert das intelligente Schlauchsystem des Menschen; es bilden sich Ablagerungen, etwa durch Cholesterin, und die Wände werden allmählich steifer. Beschleunigt wird der Prozess durch Krankheiten und schlechte Gewohnheiten: falsche Ernährung, Übergewicht, Rauchen. Folge der "Verkalkung" sind Gefäßverengungen und Durchblutungsstörungen, die so dramatisch werden können, dass Gewebe zugrunde geht und Organe versagen. Etwa beim Herzinfarkt, Schlaganfall oder Raucherbein. Millionen Deutsche haben Arteriosklerose, wie Mediziner die Behinderung des Blutflusses nennen. Sie ist der Killer Nummer eins im Lande.

Hinzu kommen die Folgen von Diabetes - wenn aufgrund einer reduzierten Insulinproduktion in der Bauchspeicheldrüse der Blutzuckerspiegel erhöht ist. Dann gehen die Glukosemoleküle im Lebenssaft Verbindungen mit Molekülen in den Aderwänden ein und versteifen das Gewebe, die Wände verlieren ihre Elastizität. Die Folge: zunächst kalte Füße, Gehprobleme oder Wundheilungsstörungen an den Gliedmaßen. Im fortgeschrittenen Stadium entstehen aus kleinen Verletzungen Geschwüre, und die Beine können absterben - fast 30 000 Diabetikern im Lande muss jährlich eine untere Extremität amputiert werden. Insgesamt vier bis fünf Millionen Deutsche leiden unter der Krankheit und den Folgen.

Ob die Adern durch Diabetes oder Arteriosklerose in Not geraten - das beste Mittel gegen den Horror heißt: Vorbeugung. Gute Ernährung und Sport schützen die Gefäße wirkungsvoll (siehe Seite 66). Im akuten Fall können Medikamente helfen, die das Blut verdünnen und die Cholesterinkonzentration senken. Neuerdings sind auch sogenannte AGE-Breaker in der klinischen Erprobung, die die Versteifungen der Adern bei Diabetikern wieder aufbrechen sol- len. Ein medikamentöses "Rohr-Frei" oder "Wand-Neu" jedoch gibt es nicht; zu komplex sind die molekularen Prozesse, die bei den Erkrankungen ablaufen. So lautet denn, wenn gar nichts mehr hilft, die neue Verheißung: marode Gefäße durch frische ersetzen.

Schließlich macht die Natur in einigen Fällen vor, wie Kanäle für den Lebenssaft entstehen können. Im Embryo etwa, bei dem sich im Laufe seiner Reifung das gesamte Gefäßsystem erst entwickelt. Auch im Erwachsenen bilden sich immer wieder Adern, beispielsweise beim Heilen von Wunden. Und im weiblichen Organismus passiert es sogar regelmäßig - wenn im Uterus im Vier-Wochen-Rhythmus eine neue Schleimhaut heranwächst.

Bei der Erforschung dieser "Angiogenese", wie Experten das Sprießen neuer Blutbahnen aus vorhandenen nennen, zeigte sich, dass es sich um ein äußerst komplexes Geschehen handelt, mit einer Kaskade biochemischer Prozesse. Dabei gelang es Wissenschaftlern, eine Reihe körpereigener Substanzen zu identifizieren, die die Bildung von Gefäßen stimulieren - sogenannte Wachstumsfaktoren. Es sind Proteine, die in Zellen produziert und dann in die Umgebung abgegeben werden. Wenn sie dort den spezifischen Rezeptor einer Zielzelle finden, docken sie an und bewirken, dass im Inneren Gene ein- oder ausgeschaltet werden. Die wiederum sorgen nun beispielsweise für eine Teilung des Gewebebausteins - so wird aus vielen davon schließlich eine neue Ader.

Inzwischen ist es Wissenschaftlern und Pharmafirmen gelungen, eine Reihe dieser Wachstumsfaktoren synthetisch herzustellen. In Tierversuchen zeigte ihre Verabreichung eindrucksvolle Erfolge, die Stimulatoren ließen neue Blutbahnen an Herzen und Beinen von Mäusen und Kaninchen gedeihen. Doch bei der Anwendung am Menschen funktionierte das nicht so einfach. "Damit Adern Sprosse bilden, die dann zu neuen Gefäßen weiterwachsen", berichtet Professor Wolfgang Schaper vom Bad Nauheimer Max-Planck-Institut für Herz- und Lungenforschung, "muss offenbar ein bislang unbekannter wohlgemixter Cocktail ganz bestimmter Faktoren in der genau richtigen Dosis zusammenkommen. Zudem spielen physikalische Effekte, etwa die lokale Fließgeschwindigkeit, eine wichtige Rolle." Und um etwa ein geschädigtes Herz zu versorgen, reiche es keineswegs, dass lediglich ein paar kleine Kapillaren entstehen. "Wir brauchen Flüsse, keine Sümpfe", sagt der Nestor der deutschen Angiogeneseforschung. Doch gerade daran haperte es bislang.

Deshalb suchen Schaper und seine Mitarbeiter derzeit nach anderen Möglichkeiten, um die gewünschten Kanäle zu erzeugen: nach Genen, die den Prozess steuern. Und vor Kurzem wurden sie tatsächlich fündig. Sie identifizierten eine Erbanlage namens "Abra" als verantwortlich für das Gefäßwachstum. Von außen in eine Zelle eingeschleust, so hoffen sie nun, könnte Abra die Aderbildung in Gang setzen. Andere Forscher experimentieren mit Stammzellen. In ihnen schlummern die Baupläne des menschlichen Organismus, zudem spielen sie bei der Gefäßentstehung im Embryo eine entscheidende Rolle. Es sind Vorläufer der Endothelzellen, die die Innenwände der Blutbahnen bilden.

Einer der Wissenschaftler, die die Hoffnungsbringer erforschen, ist der Frankfurter Kardiologieprofessor An-dreas Zeiher. Das Verfahren, Infarktpatienten wie den Polizeihauptmeister Bernhard Kehrer mit den aus dem Beckenkamm gewonnenen Zellen zu behandeln, haben er und seine Mitarbeiter zusammen mit der Biologieprofessorin Stefanie Dimmeler vom Labor für Molekulare Kardiologie entwickelt. Mehr als hundert Kranke mit Herzinfarkt oder Durchblutungsstörungen am Herzen wurden inzwischen so verarztet und in regelmäßigen Abständen über ein Jahr immer wieder untersucht. Das Ergebnis veröffentlichten die Forscher vor wenigen Wochen im "New England Journal of Medicine": Der Fluss des roten Saftes verbesserte sich gegenüber Patienten, die nicht so behandelt worden waren. Zwar im Mittel "nur" um wenige Prozent, aber immerhin signifikant. Obendrein wurde in geringem Umfang sogar totes Herzgewebe wiederbelebt.

Nun wollen die Forscher klären, ob die Methode auch langfristig Erfolg zeigt. Außerdem wollen Dimmeler und ihr Team herausbekommen, wie die Stammzellen genau die Adern bilden - noch nämlich liegt dieser Mechanismus vollkommen im Dunkeln. Obendrein gilt es, diesen Prozess - wenn möglich - zu optimieren. Denn auch damit gelingt es bislang nicht, einen Blutfluss zu erreichen, wie ihn etwa ein ans Herz operierter Bypass schafft. "Es ist ein erster Schritt, nicht mehr", sagt Zeiher, "aber das Verfahren hat das Potenzial, unsere Therapie zu revolutionieren."

Auch in schlecht durchblutete Beine von Rauchern und Diabetikern haben die Frankfurter Stammzellen injiziert. Mit Erfolg: Die Blutversorgung der Gliedmaßen verbesserte sich, manche drohende Amputation konnte verhindert werden. Und schon überlegen Forscher, sogar Schlaganfall-Risiko-Patienten mit Angiogenese zu helfen. Mit neuen Gefäßen im Hirn, so ihre Idee, könnten Verschlüsse, die in alten Adern drohen, dort künftig nicht allzu viel Unheil anrichten.

Besser als neue Lebensadern im menschlichen Körper wachsen zu lassen, gelingt Medizinern inzwischen der umgekehrte Prozess, die Bildung von schädlichen Blutbahnen zu unterdrücken - mit Hilfe sogenannter Angiogenese-Hemmer. Das sind Substanzen, die in Zellen die Signale von körpereigenen Wachstumsfaktoren zur Gefäßentstehung blockieren. Auf diese Weise lassen sich wuchernde Kanäle veröden. Dem Leiden kann der "Saft abgedreht" werden.

Erfolgreich angewendet wird dieser Trick bereits bei der "feuchten Makuladegeneration" - eine Erkrankung des Auges, die allein hierzulande etwa eine halbe Million Menschen quält. Dabei wächst ein Blutschwämmchen im Augenhintergrund, ein Geflecht feinster Äderchen. Das hat zur Folge, dass der Betroffene nur noch verzerrt und verschwommen sieht und sogar erblinden kann. Die Ursachen des Leidens sind rätselhaft, offenbar spielen die Gene eine Rolle, auch bei Rauchern ist das Risiko erhöht.

Mehr oder weniger hilflos standen Ärzte dieser Krankheit bislang gegenüber, im günstigsten Fall konnten sie mit ihren Therapien den Verfall der Sehkraft verzögern. Nun jedoch haben sie erstmals ein Mittel, das einer Reihe von Patienten wirklich hilft. Avastin heißt es, ein Angiogenese-Hemmer, der den Wachstumsfaktor "Vegf" (vascular endothelial growth factor), der für die Bildung des Aderschwämmchens hauptsächlich verantwortlich ist, unschädlich macht. Der Antikörper wird direkt ins Auge gespritzt.

"Die Ergebnisse sind von Patient zu Patient sehr unterschiedlich", sagt Joachim Wachtlin, Oberarzt an der Augenklinik der Berliner Charité, "bei den meisten der von uns Behandelten stabilisierte sich der Zustand, und bei einigen verbessert sich die Sehfähigkeit sogar." Damit solche Effekte eintreten, müssen die Erkrankten allerdings in einem frühen Stadium kommen. In einem weit fortgeschrittenen ergibt es keinen Sinn mehr.

Für den Augenarzt steht fest: "Ein neues Zeitalter in der Behandlung der feuchten Makuladegeneration ist angebrochen." Allerdings, sagt er, stehe man erst am Anfang, es bleibe noch jede Menge Entwicklungsarbeit. So gibt es etwa noch keinerlei langfristige Erfahrung mit der Anwendung von Angiogenese-Hemmern am Auge. "Wir wissen nicht, ob wir in bestimmten Intervallen bis zum Lebensende des Patienten spritzen müssen", sagt Wachtlin, "oder ob der Zustand des Erkrankten irgendwann auch ohne Spritze stabil wird." Immerhin ist ein dem Avastin ähnliches Medikament namens "Macugen" in der EU seit Januar dieses Jahres zugelassen, ein weiteres mit der Bezeichnung "Lucentis" wird in den nächsten Monaten auf den EU-Markt kommen. Avastin selbst hat keine Zulassung zur Behandlung am Auge, es stammt aus der Krebstherapie.

Geholfen hat die Spritze beispielsweise Gonda Kann aus dem brandenburgischen Dorf Viesecke in der Nähe von Wittenberge. Als die 80-jährige ehemalige Bauersfrau vergangene Weihnachten beim Zeitunglesen Zeilen und Worte nur noch "wie auseinandergerissen" sah und selbst mit Brille weder die Nummern im Telefonbuch lesen noch im Fernsehen ihre Lieblingsmoderatoren Jörg Pilawa und Reinhold Beckmann erkennen konnte, ging sie zum Augenarzt. "Ich habe schon viel im Leben durchgemacht, da wollte ich nicht auch noch blind werden", sagt sie. Der Mediziner diagnostizierte die "feuchte Makuladegeneration" und überwies die Rentnerin zu Wachtlin nach Berlin. Im Februar dieses Jahres bekam sie dort ihre erste, im Juli eine zweite Avastin-Injektion - und freut sich nun über ihre wiedergewonnene Lebensqualität. "Jetzt erkenne ich die Leute auf der anderen Straßenseite wieder, kann wieder Knöpfe annähen und sogar Auto fahren", schwärmt die fitte Seniorin. Und wenn sie - wie jeden Mittag - nicht nur für sich und ihren Mann, sondern noch für vier weitere Familienmitglieder kocht, benötigt sie ebenfalls keine Hilfe mehr. "Wenn ich mal ein neues Rezept ausprobiere", sagt sie, "muss mir das jetzt keiner mehr vorlesen."

Auch im Kampf gegen eine noch größere Geißel der Menschheit setzen Mediziner inzwischen Angiogenese-Blocker erfolgreich ein: gegen Krebs. Denn jedes Karzinom und seine Metastasen - wo auch immer sie im Körper wuchern - brauchen Blutbahnen, um gedeihen zu können. Nur mit einem eigens erzeugten Gefäßsystem, das ständig Nährstoffe und Sauerstoff herantransportiert, kann die bösartige Geschwulst ihr zerstörerisches Werk vollbringen.

Genau diese Aderbildung nutzen Mediziner nun als Angriffspunkt für neue Therapien, bislang allerdings oft nur in klinischen Studien. "Weil jede Kapillare Hunderte von Tumorzellen versorgt, kann eine Attacke auf das Gefäßbett zu einem therapeutischen Lawineneffekt führen", sagt Professor Hellmut Augustin. Er arbeitet am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg und will mit seinem Team herausfinden, wie man Tumoren am effektivsten aushungern kann. So versuchen die Forscher ein wirkungsvolles Spektrum von Angiogenese-Blockern zu finden, um den mehr als 20 Wachstumsfaktoren, die für das Aussprießen der Tumorgefäße verantwortlich sind, optimal beizukommen. Vielversprechend waren auch hier Studien mit Avastin, das ursprünglich ohnehin zur Behandlung von fortgeschrittenem Dickdarmkrebs zugelassen und inzwischen auch zur Bekämpfung anderer Tumorarten angewandt wurde. Besonders gut funktionierte Avastin in Kombination mit einer Chemotherapie. "Dabei zeigte sich, dass die behandelten Patienten im Mittel knapp fünf Monate länger lebten als die aus einer Gruppe, die nur die Chemo bekamen", sagt Augustin.

An der Freiburger Klinik für Tumorbiologie laufen derzeit verschiedene Untersuchungsreihen mit Krebskranken, die andere Angiogenese-Hemmer verabreicht bekommen. Allesamt Mittel, die von der pharmazeutischen Industrie erfolgreich im Tierversuch getestet wurden. Die Teilnehmer: austherapierte Krebskranke. "So können wir Patienten, denen auf klassische Weise nicht mehr geholfen werden kann, etwas anbieten und gleichzeitig herausfinden, wie stark Wirkung und Nebenwirkung der Substanzen sind", sagt Oberarzt Klaus Mross, Leiter der Einrichtung klinische Studien. Der Mediziner und seine Mitarbeiter vermessen bei den Kranken, die Wachstumshemmer einnehmen, die Größe der Tumoren und den Blutfluss durch die Geschwulste.

"Dabei zeigte sich, dass eine Reihe von Mitteln so wirkungsvoll ist, dass bei einem beachtlichen Prozentsatz der Behandelten der Tumor nicht mehr weiterwächst und manchmal sogar kleiner wird", berichtet Mross. Zur "Spitzengruppe mit Potenzial", so der Arzt, gehöre etwa ein Angiogenese-Hemmer, der Patienten derzeit schon als Dauertherapie verabreicht wird.

Eine Teilnehmerin dieser Untersuchungsreihe ist Anneliese Lembeck aus dem bayerischen Dorf Sparneck, am Nordrand des Fichtelgebirges gelegen. Bei der 67-Jährigen wurde vor zwei Jahren Knochenkrebs diagnostiziert - die Spätfolge einer Bestrahlung aufgrund eines früheren Tumors in der Brust. Chirurgen entfernten ihr daraufhin Teile von fünf Rippen, ein Stück Lunge und Zwerchfell. Darüber hinaus erhielt die Kranke eine Chemotherapie. Zunächst entwickelte sich alles positiv, doch irgendwann kam die Hiobsbotschaft: Metastasen in der Lunge. Als denen Ende vergangenen Jahres auch mit einer erneuten Chemotherapie nicht beizukommen war, sagte der behandelnde Arzt: "Gehen Sie nach Hause, und fahren Sie noch mal in Urlaub, es hilft nichts mehr."

Anneliese Lembeck glaubte nicht, dass sie jemals ihre Enkel sehen würde - ihre Tochter war im ersten Monat mit Zwillingen schwanger. Doch Mann und Sohn wollten nicht aufgeben. Sie recherchierten in Krankenhäusern, Forschungsinstituten und im Internet, so stießen sie auf die Freiburger Klinik. Dort bekam die Bayerin im März zum ersten Mal den Angiogenese-Hemmer, seither nimmt sie das Mittel regelmäßig. Die Therapie schlug gut an bei ihr. Die Metastasen, das zeigen die Untersuchun-gen der Ärzte, haben sich inzwischen zurückentwickelt.

Ob das so weitergeht, vermag niemand zu prophezeien. Überglücklich jedenfalls konnte Anneliese Lembeck ihre Enkelkinder Lisa und Tim, die im Juli zur Welt kamen, auf den Arm nehmen. Nun hat sie neue Hoffnung geschöpft. Sie genießt die Natur, geht jeden Tag mit Mann und Schäferhündin spazieren. Und vielleicht, sagt sie, sei es ihr ja vergönnt, die Zwillinge noch eine Weile heranwachsen zu sehen.

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Wie lange ist die frist bei einer Kündigung?
Hallo Ich möchte gerne kündigen, da das Arbeitsverhältnis nicht mehr gegeben ist. Leider verstehe ich den Arbeitsvertrag nicht ganz. Auszug aus dem Vertrag: Paragraf 13 Kündigungsfristen: (1) das Arbeitsverhältnis kann beiderseitig unter Einhaltung einer frist von 6 Werktagen gekündigt werden. Nach sechsmonatiger Dauer des Arbeitsverhältnisses oder nach Übernahme aus einem Berufsausbildungsverhältnis kann beiderseitig mit einer frist von zwölf Werktagen gekündigt werde. (2) Die Kündigungsfrist für den Arbeitgeber erhöht sich, wenn das Arbeitsverhältnis in demselben Betrieb oder unternehmen 3jahre bestanden hat, auf 1 monat zum Monatsende 5jahre bestanden hat, auf 2 monate zum Monatsende 8jahre bestanden hat, auf 3 monate zum Monatsende..... (3) Kündigt der Arbeitgeber das Arbeitsverhältnis mit dem Arbeitnehmer, ist er bei bestehenden Schutzwürdiger Interessen befugt, den Arbeitnehmer unter fortzahlung seiner bezüge und unter Anrechnung noch bestehender Urlaubsansprüche freizustellen. Als Schutzwürdige interessen gelten zb. Der begründete Verdacht des Verstoßes gegen die Verschwiegenheitspflicht des Arbeitnehmers, ansteckende Krankheiten und der begründete verdacht einer strafbaren handlung. Ich arbeite in einem Kleinbetrieb (2mann plus chef) seid 2 jahren und 3-4Monaten. (Bau) Seid ende November bin ich krank geschrieben. Was meinem chef überhaupt nicht passt und er mich mehrfach versucht hat zu überreden arbeiten zu kommen. Da mein zeh gebrochen ist und angeschwollen sowie schmerzhaft und ich keine geschlossenen schuhe tragen kann ist arbeiten nicht möglich. Das Arbeitsverhältnis ist seid längerem angespannt vorallem mit dem Arbeitskollegen. Möchte nur noch da weg! Wie lange ist nun die frist und wie weitere vorgehen? Ich hoffe es kann mir jemand helfen.
  • Horst Güntheroth