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Coronavirus Virologe Christian Drosten rät dazu, cool zu bleiben: "Angst ist überflüssig"

Coronavrius erklärt: Prof. Dr. Christian Drosten bei der Bundespressekonferenz in Berlin
Das Coronavirus breitet sich weiter in Deutschland aus - und die Deutschen lauschen den Worten des Berliner Virologen Christian Drosten. Er erklärt, warum Maßnahmen wie Kontaktvermeidung noch länger anhalten dürften.

Christian Drosten ist im Moment der Chef-Erklärer der Nation. Als Virologe der Charité in Berlin hätte er es vor wenigen Monaten wohl noch nicht für möglich gehalten, dass ihm Tag für Tag zigtausende Menschen an den Lippen hängen und jedes seiner Worte förmlich aufsaugen. Dann kam das Coronavirus - und sein gemeinsam mit dem NDR gestarteter Podcast eroberte den Spitzenplatz in den iTunes-Charts. Von den derzeit elf beliebtesten Episoden blickt einen sechsmal Professor Drosten an. Virologen sind die neuen Rockstars, heißt es bereits anerkennend in den sozialen Netzwerken.

Das Interesse an seinen Ausführungen dürfte auch in dieser Woche nicht abflachen. Denn der Montag beginnt mit einer Reihe radikaler Maßnahmen, um die Verbreitung des Coronavirus einzudämmen: Grenzen werden dichtgemacht, in vielen Städten herrschen Veranstaltungsverbote. Schulen und Kitas bleiben in fast allen Bundesländern geschlossen. "Ich glaube, dass das richtig ist", meint Drosten. 

Drosten
Virologe Drosten hält Schulschließungen für die richtige Maßnahme
© Julian Stratenschulte / DPA

Christian Drosten: "Diese Angst ist überflüssig"

Nun sei es umso wichtiger, dass man entspannt mit der Situation umgeht und den Umständen entsprechend cool bleibt. Es bringe nichts zu sagen, ab heute muss alles komplett anders aussehen -  "das ist gar nicht machbar. Jeder denkt dann, er macht etwas falsch. Und in dieser Wahrnehmung, alles falsch zu machen, kommt Angst auf. Und diese Angst ist überflüssig."

Zwar ist die Infektionsrate aller Wahrscheinlichkeit nach höher als die Zahlen das in Deutschland vermuten lassen - "das ist in jedem Land so" - aber gleichzeitig hätten wir unseren Ausbruch auch deutlich früher bemerkt als andere Länder, so Drosten. 

Die Maßnahmen dürften anhalten

Der Virologe glaubt jedoch auch, dass die Gesellschaft sich an solche Einschnitte gewöhnen muss. "Ideal wäre es natürlich, wenn jeder immer Zuhause sitzen würde - aber das lässt sich mit dem Alltag gar nicht vereinbaren. Wir sehen das ja in Ländern, wo die Epidemie schon weiter fortgeschritten ist als bei uns in Deutschland." 

Dort sei die öffentliche Aufmerksamkeit so gravierend, dass die Leute zuhause sitzen bleiben "und nur rausgehen, um sich das Notwendigste zum Essen zu holen und gleich wieder reingehen." In dieser Situation sind wir in Deutschland nicht, stellt Drosten klar, aber "wir müssen uns darauf einstellen, dass solche Maßnahmen noch stärker durchgehalten werden müssen, dass wir irgendwann demnächst sagen müssen, ab jetzt gehen wir nicht mehr nach draußen."

Reaktionen auf geschlossene Schulen in Deutschland: #Twitterlehrerzimmer

Abstand halten

Um das Infektionsrisiko gering zu halten, heißt es, man solle eine räumliche Distanz zu seinen Mitmenschen schaffen. Doch was heißt das eigentlich genau, fragt Moderatorin Anja Martini. "Ob das jetzt ein oder zwei Meter Abstand sind, ist nicht so wichtig. Wichtig ist, dass man generell Abstand hält. Und man sollte Dinge vermeiden, bei denen man auf so etwas keinen Einfluss hat. In der Bahn kann es sein, dass man plötzlich an einer Station ist, wo eine Lawine von Menschen einsteigt. Dann kann man es nicht ändern. Man sollte sich fragen, ob man dann nicht mit dem Fahrrad fährt."

Nicht nur die räumliche Nähe sei ein wichtiger Faktor, erläutert Drosten weiter, sondern die Zeitdauer. "Begegnet man jemanden nur kurz und man ist weniger als zwei Meter entfernt, ist das nicht so schlimm", beruhigt der Virologe der Berliner Charité. Man solle eher das Prinzip verinnerlichen und sich weniger an konkreten Zahlen festhalten.

Drosten glaubt, Deutschland hat gut gehandelt

Dass sich angesichts der aktuellen Entwicklungen hitzige Debatten ergeben sei nicht zielführend. "Das ist nicht die Zeit von Vorwürfen und Schuldzuweisungen und Rechthaberei", meint Drosten. "Es ist die Zeit, sich zu orientieren. Man muss sich beraten und man lernt jeden Tag etwas dazu. In Deutschland sind wir in der guten Situation, dass wir auch die Zeit haben für einen Konsultationsprozess." Man solle seine Zeit nicht mit Fehlerzuweisungen verschwenden. "Das löst ja überhaupt nichts."

Dass wir in Deutschland zu langsam auf das Coronavirus reagiert haben, würde der Experte nicht unterschreiben. "Wir hatten sehr, sehr wenige Fälle, der Münchner Ausbruch war glaubhaft kontrolliert, das Virus ist bislang nicht wieder aufgetaucht in Deutschland. Die Situation, in der jetzt einige im Nachhinein betrachtet sagen, man hätte Karneval ausfallen lassen müssen - das ist einfach gesagt, es gab ja gar keine Fälle."

Quelle: NDR-Podcast "Das Coronavirus-Update"

cf

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