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Corona-Pandemie Karl Lauterbach: "Dänemark macht einen spektakulären Fehler"

SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach steht in blauem Anzug am Rednerpult im Bundestag und gestikuliert mit der rechten Hand
Karl Lauterbach warnt vor den angekündigten Lockerungs-Plänen Dänemarks
© Bernd von Jutrczenka / DPA
Dänemark möchte in wenigen Wochen schrittweise zurück in die Normalität. SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach warnt vor einem schweren Fehler. Den Preis dafür könnten vor allem junge Menschen zahlen.

Deutschland tritt wieder heftiger auf die Bremse. Um die zuletzt hierzulande exponentiell gestiegene Ausbreitung des Coronavirus zu verlangsamen und die anrollende dritte Welle zu brechen, wird der Lockdown nicht nur verlängert, sondern sogar verschärft. Der Frust bei vielen Menschen sitzt tief. Vor allem, da unsere Nachbarn in Dänemark nun einen ganz anderen Weg aus der Pandemie angekündigt haben: Dort will man sich im Zuge der voranschreitenden Impfkampagne in den kommenden Wochen von den Corona-Restriktionen verabschieden (mehr dazu hier).

Das erklärte Ziel der dänischen Regierung: Das öffentliche Leben soll - mit wenigen Ausnahmen wie etwa Großveranstaltungen und Nachtleben - weitgehend beschränkungsfrei sein, sobald alle Risikogruppen und alle Menschen über 50, die dies wünschen, ihre erste Impfung gegen Covid-19 erhalten haben. Bereits Anfang Mai sollen etwa Theater und Kinos öffnen dürfen.

Lauterbach warnt vor Dänemark-Modell

"Dänemark macht einen spektakulären Fehler, vor dem ich nur warnen kann", schreibt SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach auf Twitter. Wenn man lockert, sobald alle Menschen über 50 Jahren eine Impfung erhalten haben, lasse man eine Covid-Durchseuchung beim Rest zu, führt er weiter aus. "Das hat fatale Folgen, nicht nur für Jüngere: Viele ungeimpfte Ältere würden erkranken. Wären in Deutschland zum Beispiel 20 Prozent der Über-50-Jährigen nicht geimpft, und jeder zweite steckte sich an, würden über 60.000 Menschen bei Durchseuchung sterben", rechnet der Mediziner vor.

Große Bedenken hat Lauterbach auch wegen der vielfältigen Begleiterscheinungen, die eine Covid-19-Erkrankung bei jüngeren Menschen auslösen kann. Diese können von kurzer Dauer sein, aber auch monatelang - womöglich sogar dauerhaft - bleiben. Das Phänomen ist in der Medizin mittlerweile als Long-Covid-Syndrom bekannt.

Gemeint sind damit all jene Patientinnen und Patienten, die zwar nicht mehr akut an Covid-19 erkrankt sind, aber immer noch mit gesundheitlichen Beschwerden zu kämpfen haben – teils Monate nach der akuten Phase der Infektion. Viele von ihnen berichten über anhaltende Erschöpfung oder Kurzatmigkeit, andere klagen über Konzentrationsschwierigkeiten, Geruchsverlust und Kopfschmerzen.

Unheilbare Schäden möglich

"Viele Jüngere erleiden mit Long-Covid Schäden, die sie vielleicht den Rest ihres Lebens begleiten", warnt Lauterbach. Eine besonders schwerwiegende Folge trägt die Abkürzung ME/CFS, sie steht für "Myalgische Enzephalomyelitis / Chronic Fatigue Syndrom" und ist eine schwere neuroimmunologische Erkrankung, die häufig zu einem hohen Grad körperlicher Behinderung führt. "Für das ME/CFS, eine die Lebensqualität stark einschränkende Störung des Denkens, Merkens und der Konzentrationsfähigkeit, haben wir bisher keine Therapie. Es gilt als unheilbar", so Lauterbach.

Eine dunkelblonde weiße Frau steht an einem Strand in der Sonne. Sie trägt eine blau verspiegelte Pilotenbrille sowie eine Maske

Wer nach sechs Wochen noch Symptome habe, behalte sie meistens auch für die nächsten sechs Monate, warnt der Mediziner. "Neurologische Symptome dominieren und sind quälend, zum Beispiel brain fog, Kopfschmerzen, Tinnitus. Die Lebensqualität ist stark reduziert." Gegen die neurologischen Schäden gebe es bislang keine Behandlung. "Selbst ein lebenslanger Verlauf bei diesen jungen Menschen können wir, wie bei anderen postviralen Syndromen, nicht ausschließen. Der menschliche Preis, auch für die Familien, ist riesig. Davor müssen wir warnen."

Die dritte Welle rollt weiter

Die dritte Welle werde hierzulande im Moment vor allem von jüngeren Menschen vorangetrieben, erklärt Lauterbach in einem seiner Tweets. Diese leiden zwar seltener an schweren Folgeerkrankungen, aber ausgeschlossen ist es nicht. Dementsprechend ist das Durchschnittsalter der Patientinnen und Patienten auf den Intensivstationen auf 58 Jahre gesunken.

Die vor wenigen Tagen beschlossene Lockdown-Notbremse ist auch deshalb nötig, weil sich die zuerst in Großbritannien festgestellte, deutlich ansteckendere Coronavirus-Mutante (Kürzel B.1.1.7) hierzulande flächig ausbreitet. Lauterbach glaubt noch nicht, dass wir den Zenit bei den täglichen Infektionszahlen erreicht haben: "Schulöffnungen ohne Schnelltests heizen dritte Welle an. In Betrieben werden sich viele infizieren, weil B.1.1.7 viel ansteckender ist. Der Laie denkt daran, dass es im Betrieb auch in der zweiten Welle ganz gut lief. Er übersieht aber, dass ihn B.1.1.7 viel schneller erwischt und schwerer trifft."


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