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McFit und Co. haben geschlossen: Sport in Zeiten von Corona: Wie sich die Fitness-Branche neu erfindet

Fitnessstudios bleiben zu, alle Yoga-Kurse sind abgesagt: In Zeiten von Corona ist es gar nicht so einfach, Kalorien zu verbrennen. Deshalb erleben Home-Workouts einen riesigen Boom - einige Anbieter verdienen nun gutes Geld mit dem Schweiß in den eigenen vier Wänden.

Freya zeigt, mit welchen Fitnessübungen man sich zu Hause fit hält

Matten bleiben zusammengerollt, Laufbänder ausgeschaltet, Hanteln ungestemmt: Wegen des sich ausbreitenden Coronavirus wurden hierzulande alle Fitnessstudios und Sportvereine geschlossen. Wo sonst im Gleichtakt geschwitzt und geschnauft wird, herrscht nun absolute Leere.

Um Kalorien zu verbrennen, bleibt vielen Menschen deshalb nichts anderes übrig als in den eigenen vier Wänden zu trainieren. Und davon wird offenbar rege Gebrauch gemacht: "Wir bemerken über die letzten Tage eine deutlich höhere Nachfrage", erklärt Robin Pratap im Gespräch mit dem stern. Er ist einer der Gründer und Geschäftsführer der Berliner Fitness-App Asana Rebel, die klassische Yoga-Übungen mit schweißtreibenden Workouts verbindet. "Auch im Home Office oder in der Quarantäne möchten die Leute fit und gesund bleiben."

Prataps Team, das mittlerweile ebenfalls komplett aus dem Home Office arbeitet, verzeichnet "einen sehr deutlichen Anstieg in allen Metriken": Auf der einen Seite nimmt die Zahl der Neukunden zu, auf der anderen Seite nutzen Bestandskunden die App nun häufiger. Auffällig: "Wir bemerken, dass kürzere Workouts stärker nachgefragt werden und sie auch öfter tagsüber absolviert werden."

Pamela Reif schwitzt mit Tausenden gleichzeitig

Ein Trend, den auch Fitness-Ikone Pamela Reif beobachten kann. "Ich bemerke bei meinen Workout-Videos einen unglaublichen Anstieg der Abrufzahlen", so Reif. Auf Instagram hat die 23-Jährige 4,7 Millionen Follower, auf Youtube haben ihren Kanal rund 1,8 Millionen Menschen abonniert. "Normalerweise verzeichne ich die meisten Abrufe am frühen Morgen und nach Feierabend. An den Zahlen sehe ich jedoch, dass die Leute nun auch tagsüber zuhause sind und Zeit haben, Sport zu machen."

Damit ihre Fans auch in den eigenen vier Wänden motiviert bleiben, hat Reif einen zweiwöchigen Trainingsplan erstellt und eine Workout-Challenge gestartet. Gemeinsam mit ihren Fans trainiert sie jeden Tag eine halbe Stunde - bis zu 100.000 Menschen machen pro Stunde mit, innerhalb von 48 Stunden erzielt sie zwei Millionen Abrufe. "Normalerweise sind das eher Frauen. Aber in der aktuellen Situation bekomme ich auch viele Nachrichten von Männern, die meine Workouts als Alternative zum Fitnessstudio ausprobieren."

"Viele Menschen essen aus Langeweile"

Dass Home-Workouts nicht so effizient seien wie das Training an Geräten, hält die 23-Jährige für einen Irrglauben. "Jeder, der meine Workouts ausprobiert hat, weiß, dass sie genauso anstrengend sind wie ein Besuch im Fitnessstudio. Da komme selbst ich ins Schwitzen. Denn es geht Schlag auf Schlag, man setzt sich nicht nach jeder Übung hin und ruht sich erst mal drei Minuten aus."

Um die gestiegene Nachfrage zu bedienen erhöht Pamela Reif die Taktung, statt ale zwei Wochen veröffentlicht sie nun jede Woche ein Video. "Home-Workouts sind extrem wichtig, vor allem jetzt, wo die Leute zuhause sind und Lebensmittel gebunkert haben. Viele Menschen - einschließlich mir - essen aus Langeweile, und weil das normale Bewegungspensum nicht aufrecht erhalten werden kann, sieht man das schnell auf der Waage."

Auch die großen Fitnessstudio-Ketten wie McFit, Fitness First und Mrs. Sporty reagieren auf die Corona-Maßnahmen und versuchen ihre Mitglieder in Online-Kurse zu lotsen. Außerdem erstatten viele Unternehmen den Beitrag für den Zeitraum, in dem die Studios geschlossen sind.

Corona zwingt Trainer zum Umdenken

Die Quarantäne-Situation ist nicht nur für Sportler eine Ausnahmesituation, sondern auch für Lehrer und Trainer. "Meine Tätigkeit als Yoga-Lehrerin existiert aktuell nicht mehr, zumindest nicht in der Form wie sie war", sagt Steph Jaksch gegenüber dem stern. Jaksch ist eine angesehene Yoga-Lehrerin: Die Berlinerin unterrichtet bekannte Profisportler, Künstler und Unternehmer, darunter Jessica Biel, Nicolai Kinski, Hannah Herzsprung und Susan Hoecke. Sie nimmt das social distancing sehr ernst: "Ich habe alle Einzelstunden abgesagt. Genau genommen habe ich mich auch räumlich sehr distanziert und befinde mich derzeit auf Ibiza."

Weil niemand weiß, wie lange die Coronakrise anhalten wird, stellt Jaksch ihr Geschäftsmodell auf Online-Unterricht um: "Die Nachfrage nach Live Yoga ist in diesen Zeiten sehr groß, bereits 'fertige' Videos sind eher weniger gefragt." Ihr geht es aber nicht nur um den sportlichen, sondern auch den mentalen Aspekt: "Ich versuche vor allem, die Leute zu beruhigen und ihnen mit den Werkzeugen des Yoga wie Meditation, Atemtechniken und Körperübungen dabei zu helfen, positiv zu bleiben. Ich möchte dazu anregen, die Situation zwar ernst zu nehmen, gleichzeitig aber Ruhe zu bewahren. Es ist bewiesen, dass positive Gedanken und Affirmation das Immunsystem stärken und ausschlaggebend sind, ob der Körper gesund bleibt."

Einige Experten prognostizieren, dass das soziale Leben noch Monate, wenn nicht gar ein Jahr heruntergefahren werden muss, um die Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen, bis es wirksame Therapien oder Impfungen gibt. Für die Gesellschaft sei das eine Belastung - aber auch eine Chance, glaubt Jaksch. "Es geschieht gerade etwas ganz Spannendes: Eine Rückbesinnung auf sich selbst, die Natur und eine Auseinandersetzung mit dem Wesentlichen. Nächstenliebe tritt trotz physischer Distanz in den Vordergrund."

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