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Entdeckt in Manaus Diese zwei Faktoren machen die brasilianische Corona-Mutation so besorgniserregend

Die brasilianische Stadt Manaus ist erneut heftig vom Coronavirus betroffen
Die brasilianische Stadt Manaus ist erneut heftig vom Coronavirus betroffen
© Edmar Barros/ / Picture Alliance
Weltweit kursieren mehrere Varianten des Coronavirus. Doch die Wissenschaft blickt vor allem besorgt nach Manaus. Die Stadt litt heftig in der ersten Welle - und klagt nun erneut über hohe Infektionszahlen.

Wochenlanger Lockdown, kaum Kontakte, verriegelte Geschäfte - doch blickt man auf die Corona-Kurven, scheint das erneute Herunterfahren des öffentlichen Lebens einen Effekt zu haben. Die Intensivstationen werden allmählich leerer, die Neuinfektionen gehen in allen größeren Bundesländern zurück, die Zahl der aktiven Coronafälle in Deutschland sinkt auf 235.000. Das ist der niedrigste Stand seit dem 9. November.

Eigentlich ein Grund zur Beruhigung, wären da nicht die Mutanten. Die Virus-Varianten B.1.1.7 aus Großbritannien und B.1.351 aus Südafrika breiten sich auch in Deutschland aus. Sie gelten als ansteckender, vor allem für jüngere Menschen. Lockerungen der derzeit bis Mitte Februar angesetzten Maßnahmen sind deshalb nicht zu erwarten, im Gegenteil.

"Wir reden, glaube ich, weniger über Lockerungen sondern eher über Verschärfungen", erklärte etwa Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig in einem "ARD Extra". "Es ist eine ähnliche Situation wie in Großbritannien, einerseits gehen die Zahlen herunter, gleichzeitig breiten sich aber die Mutationen wahrscheinlich aus."

Brasilianische Mutation beschäftigt die Wissenschaft

Die Mutationen verbreiten sich nicht nur schneller, sie bringen auch neue Herausforderungen mit sich. Die aus Südafrika etwa zwingt Moderna und Pfizer, ihre Covid-19-Impfstoffe neu anzupassen und "Auffrischungsimpfungen" zu entwickeln, die sicherstellen, dass die Vakzine ihre Wirksamkeit behalten.

Vor allem aber beschäftigt die Wissenschaft derzeit eine Coronavirus-Mutation aus Brasilien. Die P.1 genannte Variante tauchte Anfang Dezember im brasilianischen Manaus auf und verursachte Mitte Januar bereits einen massiven Anstieg der Fälle in der Zwei--Millionen-Metropole. Das ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert.

Zum einen besorgt das Tempo die Wissenschaft. Während die Variante aus Großbritannien rund drei Monate brauchte, um die Virusausbreitung in England zu dominieren, benötigte P.1 nur einen Monat, um sich in Manaus durchzusetzen. Und das, obwohl in der Stadt bereits im vergangenen Frühjahr das Coronavirus heftig wütete und sich insgesamt 75 Prozent der Einwohner mit dem Virus infizierten. Laut einer Studie sollte die Bevölkerung eigentlich eine Herdenimmunität erreicht haben.

Ist eine erneute Ansteckung möglich?

Nun gibt es nach nur zehn Monaten einen noch größeren Anstieg als damals. Ist die P.1-Mutation in der Lage, den Antikörpern auszuweichen, die gegen die vorherige Version des Virus gebildet wurden, sodass eine erneute Ansteckung erleichtert wird? Das ist bislang nur eine These, aber nicht belegt. "Während wir nicht genau wissen, warum diese Variante in Brasilien so offensichtlich erfolgreich war, ist keine der Erklärungen, die auf dem Tisch liegen, gut", schreibt der Epidemiologe Bill Hanage von der Universität Harvard auf Twitter.

Die brasilianische Mutation verfügt wie die britische oder südafrikanische Variante - diese sind jeweils benannt nach dem Land, in denen sie zuerst entdeckt wurden - über eine Reihe von Veränderungen an der Virusoberfläche. "Das sind sozusagen die Hauptziele des Immunsystems", sagt Virusexpertin Penny Moore vom National Institute for Communicable Diseases in Südafrika und der University of KwaZulu-Natal gegenüber "NPR". "Wenn wir also eine ganze Reihe von Mutationen in diesen Oberflächen sehen, steigt die Möglichkeit, dass die Mutationen dem Immunsystem entkommen." Vereinfacht gesagt, verleihen diese Veränderungen den Mutationen eine Art Unsichtbarkeitsmantel.

Moore untersuchte gemeinsam mit ihrem Team das Blutserum von 44 Menschen, die mit der früheren Coronavirus-Variante infiziert waren, und prüften, wie deren Antikörper gegen die neue Variante aus Südafrika wirkten. Dabei entdeckte sie, dass die Antikörper bei der Hälfte der Proben deutlich weniger wirksam waren. Mit der brasilianischen P.1-Variante wurde dieser Test noch nicht gemacht. Jedoch dürften die Ergebnisse nicht viel anders ausfallen, denn es wurde bereits nachgewiesen, dass auch diese Variante die Antikörperbindung reduziert.

Brasilianische Variante bereits in Deutschland

Besorgniserregend: Die brasilianische Mutante P.1 wurde ebenfalls schon in Deutschland nachgewiesen: Am 21. Januar 2021 wurde am Frankfurter Flughafen ein infizierter Reiserückkehrer aus Brasilien positiv auf die neue Variante getestet. Ob sie sich hierzulande schon weiter ausbreitet, ist nicht bekannt. Um die Ausbreitung der Mutationen zu erschweren, wurden nun neue Einreiseregeln in der Bundesrepublik Deutschland erlassen, die unter anderem für Großbritannien, Irland, Portugal, Brasilien und Südafrika gelten.

Deutschland holt auf beim Impfen – aber diese Bundesländer hinken (noch) hinterher

Denn nun, da in vielen Ländern die Impfungen gegen Corona begonnen haben, muss die Ausbreitung neuer Varianten mit aller Macht unterbunden werden, ist sich die Wissenschaft einig. Man stecke jetzt gewissermaßen in einem "Katz- und Mausspiel" zwischen dem Virus und dem Impfstoff, sagt Virusexperte Ravi Gupta von der Universität Cambridge gegenüber "NPR". Das Virus würde nun permanent neue Herangehensweisen entwickeln, um den Impfstoff - und damit unser Immunsystem - zu überlisten.

Um eine mehrfache Infektion zu verhindern, bleibt den Pharmakonzernen nichts weiter übrig, als die Impfstoffe permanent an neue Varianten des Virus anzupassen, wie man es etwa auch von der Influenza kennt. Das ist langwierig, aufwendig und vor allem kostspielig. Für dieses Jahr sei keine einfache Lösung zu erwarten, da ist sich die medizinische Fachwelt einig.

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