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Wirtschaft gelähmt: Ist das bedingungslose Grundeinkommen die Antwort auf die Folgen des Coronavirus?

Das Coronavirus lähmt die deutsche Wirtschaft. Doch statt die Industrie mit Milliarden aufzupäppeln, sollte man lieber das bedingungslose Grundeinkommen einführen, fordern nun einige. Ein realistischer Vorschlag?

Portemonnaie mit 50-Euro-Scheinen

Das Grundeinkommen wird von einigen nun als Lösung für die Corona-Krise ins Rennen geschickt. Doch Armutsforscher sind davon nicht überzeugt.

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Die Touristik-Branche liegt brach, Bars und Restaurants haben geschlossen, immer mehr Angestellte ziehen vom Büro ins Home Office: Das Coronavirus lähmt die deutsche Wirtschaft. Für die nächsten zwei bis drei Wochen stehen sogar die Produktionsstraßen in europäischen VW-Werken still.

Wie lange dieser Zustand anhalten wird - vollkommen ungewiss. Nur eins steht fest: Solch eine fundamentale Wirtschaftskrise hat es seit der Großen Depression 1929 nicht mehr gegeben, wie der Harvard-Ökonom Kenneth Rogoff im Gespräch erzählt (lesen Sie das volle Interview).

Die Politik hat bereits erklärt, der Industrie mit unbegrenzten Krediten unter die Arme greifen zu wollen, um langfristige Schäden zu verhindern. Das wird die Staaten Hunderte von Milliarden kosten, womöglich sogar Billionen - auch Deutschland.

Angesichts dieser Dimensionen erhält eine alte Debatte in sozialen Netzwerken neuen Aufwind: Was, wenn man das Geld gar nicht den Unternehmen und Banken geben würde, sondern den Menschen? Wäre die Gesellschaft mit einem bedingungslosen Grundeinkommen (BGE), wie es schon länger diskutiert wird, nicht besser dran?

Das ist das bedingungslose Grundeinkommen

Verfechter des bedingungslosen Grundeinkommens sind der Meinung, jeder Bürger sollte 1000 Euro pro Monat bekommen, ohne dafür arbeiten gehen zu müssen, Kinder sollen die Hälfte erhalten. Das würde ihnen auch in schwierigen Zeiten wie diesen, in denen viele Bürger unverschuldet ihren Job nicht oder nur eingeschränkt ausüben können oder womöglich sogar finanzielle Verluste erleiden, eine gewisse Sicherheit versprechen. Finanziert werden soll das System dadurch, dass staatliche Leistungen wie Hartz IV oder Kindergeld gestrichen und die Steuern angehoben werden.

Die Befürworter glauben, dass die gesamte Gesellschaft davon profitiert, wenn jeder Einzelne macht, was er kann und ihm Spaß macht - und man den Job nicht nur ausübt, um die nächste Miete zu bezahlen. Kritiker befürchten dagegen, das Modell fördere Faulheit und würde die Republik endgültig zum Stillstand bringen. 

Das sagt Götz Werner zum BGE

Ein Zankapfel beim Grundeinkommen ist stets die Frage, wie man mit wenig attraktiven, aber notwendigen Jobs umgehen möchte. Denn wenn jeder genug Geld zum Leben hat, sind wenig angesehene Jobs wie das Reinigen von Toiletten oder körperlich anstrengende Tätigkeiten nur schwer zu besetzen. "Es gibt nur drei Möglichkeiten. Erstens: Die Löhne steigen, bis sich genug Menschen für den Job interessieren. Zweitens: Man erledigt die Aufgabe selbst. Oder drittens - und dieser Prozess ist längst im Gange - übernehmen Roboter, Rechner und andere Maschinen die Arbeit", sagte Götz Werner, Gründer der Drogeriekette DM und einer der größten Fürsprecher des bedingungslosen Grundeinkommens, vor einigen Jahren im Gespräch mit der "Frankfurter Rundschau".

"Wenn aber menschliche Arbeit wegfällt und die Wertschöpfung durch Maschinenarbeit stattfindet, dann wird das BGE zu einem Muss, ich gehe so weit zu sagen: zu einem Menschenrecht."

Hamburger Ladenbesitzer

"Man braucht nicht auch noch Angst vor Armut"

Die aktuelle Situation sei nun die ideale Gelegenheit, zumindest temporär das bedingungslose Grundeinkommen einzuführen, befinden viele Nutzer in sozialen Netzwerken. "Es wäre kein so gravierendes Problem, dass die Tafeln keinen Nachschub mehr bekommen - denn niemand wäre so arm, dass er oder sie existenziell auf Tafeln angewiesen ist", argumentiert eine Befürworterin. Außerdem würde eine materielle Existenzsicherung Ängste und Paniken reduzieren: "Es reicht ja wohl, wenn die Menschen Angst vor Krankheit haben (dagegen kann man nichts tun), da brauchen sie nicht auch noch Angst vor Armut."

Christoph Butterwegge, Armutsforscher der Universität Köln, hält jedoch nicht viel von dem Vorschlag, dass bedingungslose Grundeinkommen im Zuge der Corona-Krise im großen Stil einzuführen. Im Gespräch mit dem Nachrichtensender RTL sagt er: "Das klappt schon wegen der Kosten nicht. Man hätte bereits in einem Jahr Kosten von 500 Milliarden Euro - und ich glaube nicht, dass das realisierbar ist." Statt das Geld im Gießkannenprinzip zu verteilen, soll es dort ankommen, wo es gebraucht wird: "Der Staat muss darauf achten, dass er gezielt hilft - das gilt für Unternehmen, aber auch Menschen."

Hinzu kommt: Eine grundsätzliche Systemumstellung inmitten einer Krise, deren Dauer noch Folgen selbst für Experten kaum absehbar sind, würde das Chaos wohl eher noch verschärfen denn für Entspannung sorgen.

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