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Erstes Interview seit Monaten "Sessel-Generäle": Der Astrazeneca-Chef schießt gegen seine Kritiker zurück

Pascal Soriot ist seit 2012 Vorstandsvorsitzender von Astrazeneca
Pascal Soriot ist seit 2012 Vorstandsvorsitzender von Astrazeneca
© Lafargue Raphael/ABACA/ / Picture Alliance
Der Ruf des Astrazeneca-Wirkstoffs ist in Europa ruiniert. Nun äußerte sich Pascal Soriot, Chef des Unternehmens, im Interview zu den Vorwürfen der EU.

Pascal Soriot sah sich schon als großen Sieger der Corona-Pandemie. Der 61-jährige Astrazeneca-Chef wollte der Welt mit seinem Impfstoff die Angst vor dem Coronavirus nehmen, und das auch noch ohne jede Gewinnabsicht. Denn er verpflichtete sich, das in Oxford entwickelte Vakzin AZD1222 – welches nun vor allem als "Astra-Impfstoff" bekannt ist – auf Non-Profit-Basis herzustellen, also ohne Gewinnabsicht. Vor allem für die ärmeren Länder der Welt war der Verkauf zum Selbstkostenpreis eine verheißungsvolle Nachricht, zumal der Impfstoff auch in einem gewöhnlichen Kühlschrank lange haltbar bleibt.

Als der Corona-Impfstoff am 30. Dezember 2020 in Großbritannien zugelassen wurde, sah es so aus, als wäre das Schwierigste geschafft. Doch nun fingen die Probleme für den britisch-schwedischen Konzern erst an. Wegen andauernder Lieferschwierigkeiten und -verzögerungen wurde Soriot von der EU zum Buhmann des Kontinents erklärt. In einer Videoschalte mit Abgeordneten des EU-Parlaments wurde ihm an den Kopf geknallt, er arbeite wie ein unzuverlässiger Gebrauchtwagenhändler.

Und als wäre der Ärger nicht schon groß genug gewesen, kam es kurz darauf in vielen Ländern zum Impfstopp. Grund dafür war die auffällige Häufung von Blutgerinnseln in Hirnvenen, die sogenannten Sinusvenenthrombosen, die nach der Impfung auftraten. in Südafrika zog man ebenfalls die Reißleine, weil der AstraZeneca-Wirkstoff nur unzureichend gegen die dort verbreitete Coronavirus-Mutation wirkt. Soriot stand auf verlorenem Posten.

Soriot wehrt sich gegen Kritiker

Nun verteidigte Pascal Soriot in einem großen Interview – es ist sein erstes nach den zahlreichen Rückschlägen – mit der "Financial Times" seinen Impfstoff und wehrte sich gegen Kritiker. Diese verunglimpfte er als "armchair generals". Dabei handelt es sich um eine abfällige Bezeichnung für jemanden, der sich als Experte in einer Sache sieht, obwohl er wenig bis gar keine Erfahrung in diesem Bereich hat. Früher wurde der Begriff auch für einen echten Militärbefehlshaber verwendet, der am eigentlichen Kampf jedoch nicht teilnahm.

Zu den Vorwürfen der Europäischen Kommission bezüglich der Lieferengpässe sagte er: "Man kann das Glas als halb leer betrachten: Wir haben weniger geliefert, als wir in Europa erwartet haben. Man kann das Glas aber auch halb voll sehen: Wir haben mehr als 400 Millionen Dosen [weltweit] geliefert und Zehntausende von Leben gerettet."

Und Soriot, der in Frankreich geboren wurde, Familie in Australien hat und für eine britisch-schwedische Firma arbeitet, ergänzte: "Ich bin ein Europäer, also liebe ich Europa, verstehen Sie mich nicht falsch", erklärte er. "Aber am Ende des Tages ist Europa ein Teil der Welt, es ist nicht die ganze Welt. Und es gibt viele Länder auf der Welt, die diesen Impfstoff tatsächlich haben wollen, also hat dieser Impfstoff eine Zukunft." 

Soriot teilt gegen Kritiker aus

Sein Konzern sei nicht schuld, dass das Impfprogramm in Europa so langsam vonstatten ging, ist er überzeugt. Stattdessen seien die Investitionen zu zögerlich gewesen. Die USA hätten etwa "eine hohe Impfrate, aber sie haben nicht unseren Impfstoff. Wenn also unser Impfstoff das Problem in Europa ist, sagen Sie mir, wie die USA eine so hohe Impfrate erreicht haben", so Soriot.

Ansonsten hielt sich Soriot mit weiteren Äußerungen Richtung Brüssel bedeckt, ebenso zu direkten Mitbewerbern. Die meisten – darunter Pfizer und Moderna – rechnen allein in diesem Jahr mit zweistelligen Milliardenumsätzen.

Inzidenz 0,0 – diese zwei Landkreise sind wieder coronafrei

"Wir wollten diesen Impfstoff ohne Gewinn anbieten, weil wir der Meinung waren, dass wir als Industrie nicht als Profiteure dieser Art von Pandemie angesehen werden sollten", fuhr er fort. Er wollte Gutes tun und das Image der Branche aufpolieren.

Aber dieser Plan sei durch "Pech" und "Missverständnisse der Leute" durchkreuzt worden, erklärte Soriot. Es habe Angriffe auf ihn gegeben, die "traumatisch" gewesen seien. "Die Leute versuchen nur, ihr Bestes zu geben. Sie versuchen nur, einen Impfstoff zu produzieren, um Leben zu retten. So einfach ist das. Und dann, jeden Tag kritisiert zu werden, manchmal faire Kritik, manchmal von Sessel-Generälen, die Meinungen über alles haben, ist wirklich entmutigend."

Astrazeneca und indische Mutante

Gute Nachrichten verkündete er im Zusammenhang mit der erstmals in Indien entdeckten Coronavirus-Variante (B.1.617), die als deutlich ansteckender gilt. Soriots Aussagen zufolge sei sein Vakzin gegen diese Variante nur geringfügig weniger wirksam und dass ein neuer Booster, also eine Auffrischungsimpfung, in Tierstudien gut gegen andere Varianten gewirkt habe. Astrazeneca sei bereits in Gesprächen mit Regierungen über neue Verträge für Auffrischungsdosen.


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