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Bis zu 70 Prozent ansteckender "Wir wissen, wie sich dieses schreckliche Virus ausbreitet": Das sagen britische Experten zur neuen Corona-Variante


In Großbritannien kursiert eine neue Variante des Coronavirus, die deutlich ansteckender ist. Nun haben sich führende Wissenschaftler des Landes zu Wort gemeldet. Die Lage ist ernst, viele Länder ziehen bereits die Reißleine und kappen Reiseverbindungen.

Es sind beunruhigende Worte, die kurz vor den Weihnachtsfeiertagen aus Großbritannien zu vernehmen sind: Eine neue Mutation des Coronavirus wurde entdeckt, und diese sei "außer Kontrolle", erklärte der britische Gesundheitsminister Matt Hancock gegenüber der "BBC". Die neue, ersten Erkenntnissen zufolge deutlich ansteckendere Variante wurde bislang vor allem im Süden und Südosten Englands nachgewiesen. Jedoch scheint sie sich rasend schnell auszubreiten: Mitte November soll die neue Coronavirus-Mutation bei 28 Prozent aller Fälle in London nachgewiesen worden sein, mittlerweile ist dies bei 62 Prozent der positiv getesteten Menschen der Region nachweisbar.

Aufgrund der raschen Ausbreitung der neuen Variante kassierte die britische Regierung unter Boris Johnson die geplanten Lockerungen über die Weihnachtsfeiertage und sämtliche nicht-essenziellen Geschäfte wurden geschlossen. Seit Mitternacht sind die Einwohner von London und des Südostens von England zudem aufgefordert, zu Hause zu bleiben. Das Königreich ist im Krisenmodus.

Kommt die neue Mutation aus dem Ausland?

Mittlerweile haben sich einige der führenden Expert*innen aus Großbritannien zu Wort gemeldet. Dr. Julian Tang von der Universität Leicester merkt etwa an, dass die N501Y-Mutation, welche Großbritannien derzeit dominiert, bereits vereinzelt früher außerhalb Großbritanniens zirkulierte - darunter in Australien im Juni bis Juli, in den USA im Juli und in Brasilien im April 2020.

"Ob diese Viren später von Reisenden nach Großbritannien und Europa eingeschleppt wurden oder ob sie spontan an verschiedenen Orten der Welt entstanden sind, als Reaktion auf den Selektionsdruck des menschlichen Wirtsimmunsystems, muss weiter untersucht werden", sagte Tang dem "Science Media Center".

Viel ist über die neue Coronavirus-Mutation bislang noch nicht bekannt. Dass sie deutlich ansteckender ist, gilt aber mittlerweile als Konsens. Ersten Untersuchungen zufolge scheint die neue Variante 40 bis 70 Prozent übertragbarer zu sein. So erklärt Peter Horby, Professor für neu auftretende Infektionskrankheiten am Centre for Tropical Medicine and Global Health an der Universitität von Oxford: "Die Schlussfolgerung einer erhöhten Übertragbarkeit basiert auf verschiedenen Quellen konvergierender Daten." SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach schrieb auf Twitter: "Einige Studien gehen jetzt davon aus, dass der natürliche R-Wer schon bei 3 ist." Heißt: Eine infizierte Person steckt im Schnitt drei weitere Menschen an. Ohne Schutzmaßnahmen sorgt das für ein exponentielles Wachstum, welches die Gesundheitssysteme schnell überlasten dürfte.

"Wenn das Virus seine Angriffsmethode ändert, müssen wir unsere Verteidigungsmethode ändern", erklärte der britische Premierminister Boris Johnson. "Ohne diese Maßnahmen, darauf deuten die Zeichen hin, werden die Infektionszahlen in die Höhe schnellen, Krankenhäuser würden überfordert sein und weitere Tausende Menschen werden ihr Leben verlieren."

Impfstoff scheint weiter wirksam zu sein

Dass Coronaviren mutieren, ist nicht ungewöhnlich. Seit Ausbruch der Pandemie im Frühjahr wurden weltweit schon mehrere neue Varianten entdeckt, zuletzt etwa in Südafrika. Jede neue Mutation wird bis ins kleinste Detail von Wissenschaftler*innen analysiert. "Das Wichtigste ist, zu untersuchen, ob diese Variante neue Eigenschaften hat, die sich auf die menschliche Gesundheit, die Diagnostik und die Impfstoffe auswirken", sagt Professor Julian Hiscox vom Lehrstuhl für Infektion und globale Gesundheit an der Universität Liverpool. Denn die vor wenigen Tagen in einigen Ländern zugelassenen Impfstoffe wurden auf die derzeit kursierenden Varianten von Sars-CoV2 hin entwickelt. Bislang gibt es jedoch keine Hinweise darauf, dass Impfstoffe bei der neuenMutation weniger effektiv seien.

Dass Großbritannien die geplanten Lockerungen zurücknimmt begrüßen die Expert*innen: "Unabhängig von dieser neuen 501Y-Virusvariante sind aus rein virologischer und epidemiologischer Sicht die neuen Beschränkungen über Weihnachten und die neue, vierte Stufe [des britischen Warnsystems, Anm. d. Red.] für die am stärksten betroffenen Gebiete in London und im Südosten eine notwendige Maßnahme zur Kontrolle dieses Virus", so Julian Tang von der Universität Leicester.

Und sein Kollege Shaun Fitzgerald von der Universität von Cambridge erklärt: "Wir wissen, wie sich dieses schreckliche Virus ausbreitet. Und wir alle müssen die Übertragungswege unterbrechen. Hände, Gesicht, Raum, Lüftung - und unsere sozialen Interaktionen einschränken. Drei Haushalte sind das Maximum, nicht das Ziel. Es ist wie bei Geschwindigkeitsbegrenzungen - es ist sicherer, sie zu unterschreiten."

Mehrere Länder kappen bereits Verbindungen

Belgien hat angekündigt, aufgrund der neuen Coronavirus-Mutation seine Verkehrsverbindungen zum Vereinigten Königreich zu kappen. Flüge und Zugverbindungen aus Großbritannien würden ab Mitternacht gestoppt, kündigte ein Regierungsvertreter in Brüssel am Sonntag an. Regierungschef Alexander De Croo sagte im Fernsehsender VRT, die Aussetzung der Flug- und Zugverbindungen werde für mindestens 24 Stunden gelten. In den Niederlanden dürfen bereits keine Flugzeuge mehr aus Großbritannien landen. In Deutschland wird ein ähnlicher Schritt erwogen. Hierzulande wurde die neue Coronavirus-Variante noch nicht nachgewiesen, erklärt der Virologe Christian Drosten auf Twitter.


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