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Microsoft-Gründer Bill Gates erklärt, welche zwei Faktoren Corona so gefährlich machen – und wie man die Krise meistert

Bill Gates
© Qin Lang/ / Picture Alliance
Bill Gates ist der reichste Mensch der Welt. Er nutzt sein Vermögen, um das weltweite Gesundheitssystem zu verbessern. Das Coronavirus könne die Welt jedoch an ihre Grenzen bringen – doch er hat auch Lösungsvorschläge, der Krise Herr zu werden.

"In jeder Krise haben die Führungskräfte zwei wichtige Aufgaben: das unmittelbare Problem zu lösen und zu verhindern, dass es sich wiederholt." Mit diesen Worten beginnt Bill Gates - Microsoft-Gründer, Milliardär und Vorsitzender der größten Privat-Stiftung der Welt - seinen Aufsatz im "New England Journal of Medicine". Anlass für den Gastbeitrag ist die Ausbreitung des Coronavirus, welches mittlerweile auch Europa erreicht hat.

"Wir müssen jetzt Leben retten und gleichzeitig die Art und Weise verbessern, wie wir auf Ausbrüche im Allgemeinen reagieren", schreibt Gates. "Der erste Punkt ist dringlicher, aber der zweite hat entscheidende, langfristige Folgen."

"Wir sollten davon ausgehen, dass es schlimm ist"

In seinem Leitartikel erklärt der Microsoft-Gründer, es sei nur eine Frage der Zeit gewesen, bis eine Pandemie die Welt ähnlich schnell erfasse wie vor 102 Jahren die Spanische Grippe. Seine Stiftung, die er gemeinsam mit seiner Frau Melinda leitet und die über Finanzmittel in Höhe von 36,7 Milliarden US-Dollar verfügt, hätte es sich deshalb seit Jahren zur Aufgabe gemacht, "der Welt bei der Vorbereitung auf ein solches Szenario zu helfen".

Bill Gates ist ein Mann, der vor allem für seine sachlichen Analysen geschätzt wird – und für seine lösungsorientierten Ansätze. Umso bemerkenswerter ist seine Einschätzung der aktuellen Lage: "Wir stehen vor einer unmittelbaren Krise." Covid-19 hätte das Potenzial, zu einem Erreger zu werden, wie man ihn bisher nur einmal im Jahrhundert vorgefunden habe ("once-in-a-century pathogen"). "Ich hoffe, dass es nicht so schlimm ist. Aber wir sollten davon ausgehen, bis wir etwas anderes wissen."

Zwei Dinge machen Coronavirus gefährlich

Zwei Faktoren machen Covid-19 seiner Meinung nach zu einer ernstzunehmenden Bedrohung: "Erstens kann es neben älteren Menschen mit bestehenden Gesundheitsproblemen auch gesunde Erwachsene töten." Selbst eine Tödlichkeitsrate von einem Prozent sei um ein Vielfaches höher als die typische saisonale Grippe. Damit liegt sie zwischen den besonders schweren Grippe-Pandemien wie jener von 1957 (0,6 Prozent) und der bis heute gefürchteten Spanische Grippe von 1918, die zwei Prozent der Erkrankten dahinraffte.

"Zweitens wird Covid-19 effizient übertragen. Eine infizierte Person überträgt die Krankheit im Schnitt auf zwei oder drei andere Personen – eine exponentielle Steigerungsrate." Vor allem, dass die Krankheit auch von Menschen übertragen werde, die keinerlei Symptome aufweisen, mache die Situation unberechenbar. Das bedeute, dass Covid-19 viel schwieriger einzudämmen sei als seinerzeit das schwere akute respiratorische Syndrom (SARS). Covid-19 habe bereits zehnmal so viele Fälle verursacht wie SARS in einem Viertel der Zeit, rechnet Gates vor.

Coronavirus könne ärmere Länder überfordern

Vor allem für arme Länder ist das Coronavirus eine ernstzunehmende Herausforderung. Deren Gesundheitssysteme sind in der Regel ohnehin überlastet, "ein Erreger wie das Coronavirus kann sie vollkommen überwältigen", befürchtet Gates.

Um schlimmere Folgen zu verhindern, appelliert der Microsoft-Gründer an die Wohlstands-Nationen: "Wenn wir den afrikanischen und südasiatischen Ländern helfen, sich jetzt darauf vorzubereiten, können wir Leben retten und die weltweite Verbreitung des Virus verlangsamen."

Prof. Dr. med. Johannes Knobloch

Große Hoffnungen setzt Gates nicht nur in die Wissenschaftler, denen es in Rekordzeit gelungen sei, das Virus zu sequenzieren und damit die Erforschung von Impfstoffen zu beschleunigen. Die Entdeckung von Medikamenten könne auch beschleunigt werden, indem man auf Bibliotheken von bereits auf Sicherheit getesteten Substanzen zurückgreife und neue Screening-Techniken anwende. Um antivirale Medikamente zu identifizieren, seien auch Künstliche Intelligenzen vielversprechend.

Gates findet deutliche Worte

Für Gates ist aber auch klar: Um bei der nächsten Epidemie besser vorbereitet zu sein, müssen grundlegende systemische Veränderungen vorgenommen werden. Die Gesundheitssysteme von Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen (sogenannte LMICs) müssen gestärkt und der Informationsaustausch zwischen Ländern müsse erleichtert werden. "Darüber hinaus müssen wir ein System aufbauen, das sichere, wirksame Impfstoffe und antivirale Mittel entwickeln, sie genehmigen lassen und innerhalb weniger Monate nach der Entdeckung eines sich schnell ausbreitenden Krankheitserregers Milliarden von Dosen abgeben kann."

Mit einer kurzen Handwäsche erreicht man gar nicht alle wichtige Stellen.

All das erfordere diplomatische Anstrengungen und jede Menge Geld. "Milliarden von Dollar für Anti-Pandemie-Bemühungen sind eine Menge Geld. Aber diese Investitionen sind nötig, um das Problem zu lösen." Angesichts der wirtschaftlichen Belastungen, die eine Epidemie verursachen kann - Covid-19 hat bereits in großem Umfang Lieferketten und Aktienmärkte beeinflusst - "wird es ein Schnäppchen sein." Zudem sei es essenziell, dass Medikamente nicht an den Höchstbietenden versteigert werden, sondern an diejenigen verteilt werden, die sie am meisten brauchen.

Gates schließt seinen Gastbeitrag mit einer konkreten Forderung: "Dies sind die Maßnahmen, die die Verantwortlichen jetzt ergreifen sollten. Wir dürfen keine Zeit verlieren."

Quelle: "New England Journal of Medicine"


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