VG-Wort Pixel

Corona-Wahnsinn im Supermarkt Hamsterkäufe sind nicht nur ignorant, sondern auch asozial und gefährlich

Video soll Hamsterkäufe zeigen – doch er Clip ist ein Fake
Menschenmassen stürmen eine Aldi-Filiale.


Das Video soll angeblich Hamsterkäufe oder einen Ansturm auf Desinfektionsmittel in Deutschland zeigen.


Mit dieser Nachricht kursieren die Bilder derzeit in den sozialen Medien. Doch dabei handelt es sich um Falschmeldungen.


Das Video entsteht bereits 2011 und zeigt Kunden, die wegen eines Sonderverkaufs von Elektroartikeln in das Geschäft drängen.


Der Clip wird im Zuge des Coronavirus aus dem Zusammenhang gerissen.


Die Aufnahmen werden aktuell zum Beispiel genutzt, um Panik zu verbreiten oder um Aufmerksamkeit zu erregen.


Ein zweites Video, ebenfalls aus 2011, zeigt die Szene aus einem anderen Blickwinkel.


Die Aufnahmen entstehen vor einer Aldi-Filiale im Citti-Park in Kiel.


Fotos der Einkaufsmeile zeigen das Geschäft und den daneben liegenden Friseursalon.


Es gilt: Nicht jedes Video, das im Zusammenhang mit dem Coronavirus gepostet wird, ist authentisch.


Doch eine schnelle Online-Recherche kann aus dem Kontext


Wie untersuchen wir in der Redaktion Videos auf Manipulation? Dabei ist ein Blick auf die Details wichtig. Die Einzelbilder eines Videos verraten oft, ob ein Video bearbeitet wurde. Wir schauen uns Bild für Bild genau an und vergrößern einzelne Ausschnitte. Indizien für einen Fake sind zum Beispiel: fehlende Bewegungsunschärfe, unnatürlicher Schattenwurf oder Schnittfehler. Beim stern gilt generell: Seriosität vor Schnelligkeit. Wir checken Fakten und Material immer gründlich gegen, bevor wir sie veröffentlichen. Dafür arbeiten wir mit dem redaktionsübergreifenden "Team Verifikation" zusammen mit RTL, NTV, RTL2, Radio NRW.
Mehr
In Deutschlands Discountern sieht es dieser Tage aus wie im Katastrophenfilm: Wegen des Coronavirus räumen Kunden die Regale leer. Auf Warnungen reagieren die Hamsterkäufer in ihrer Panik längst nicht mehr. Das kann schlimme Folgen haben, wie der Hilferuf der Tafeln belegt.

Am Anfang war es noch ganz witzig. Kommt schließlich selten vor, dass man in deutschen Supermärkten vor leeren Regalen steht, in denen nur noch ein paar Krümel Zucker oder eine letzte Packung Toilettenpapier darauf hinweisen, was hier normalerweise dutzendfach vorrätig sein müsste. Hat was von Katastrophenfilm. Die Apokalypse naht. Jaja. Haha.

Aber spätestens jetzt ist der Spaß vorbei. Denn die Hamsterkäufe der vergangenen Tage, die der diffusen Angst vor dem Coronavirus geschuldet sind, haben bei den Tafeln in Deutschland eine schlechtere Versorgung zur Folge. Mehrere Tafeln hätten zuletzt deutlich weniger Lebensmittel für die Weiterverteilung an Bedürftige erhalten, beklagt der Verbandsvorsitzende Jochen Brühl in der "Neuen Osnabrücker Zeitung". Wegen der Vorratskäufe durch viele Kunden bleibe den Supermärkten am Ende weniger Ware, die sie spenden könnten. Laut Brühl mussten die Tafeln daher in den vergangenen Tagen "stark improvisieren" und konnten weniger Lebensmittel ausgeben.

Die Hamsterkäufe und der Hilferuf der Tafeln

Der Hilferuf der Tafeln ist jüngster Beleg dafür, dass die Hamsterkäufe nicht nur ignorant sind, sondern schlicht asozial – und gefährlich. Die Übersprungshandlung, mit der viele Bürger dem unsichtbaren Feind begegnen wollen, lässt sich längst nicht mehr rechtfertigen als Reaktion auf unruhige und unsichere Zeiten.

Experten versichern landauf, landab seit Tagen, dass es wegen des Coronavirus keinen Anlass für das Horten von Lebensmitteln gebe. Zwar raten Innenministerium und Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe ohnehin, stets Vorräte für rund zehn Tage im Haushalt zu haben – damit beziehen sie sich aber auf Stromausfälle oder extreme Wetterlagen.

Die Verbreitung des Coronavirus ist aber gerade kein Katastrophenfall und demnach kein Grund, plötzlich wieder auf verschmähtes Dosenbrot zurückzugreifen oder Ravioli in Festivalmengen einzukaufen. Doch die Angst vor Covid-19 ist mindestens so ansteckend wie das neuartige Virus selbst: Wer leere Regale sieht, den befällt womöglich selbst die Panik, am Ende mit leeren Händen dazustehen. "Die Erregung breitet sich schneller aus als der Erreger", bringt Stephan Grünewald, Psychologe und Geschäftsführer des Markt- und Medienforschungsinstituts Rheingold, diese psychologische Kettenreaktion bei "tagesschau.de" auf den Punkt.

Wenn sich also die Tafeln um den Lebensmittelnachschub sorgen, wenn deshalb sogar Ausgabestellen für Bedürftige geschlossen bleiben müssen, dann ist eine Grenze überschritten, und dann ist es die Pflicht der Stresskäufer, endlich einmal tief durchzuatmen und das eigene Verhalten zu hinterfragen.

Das gilt erst recht für medizinische Produkte: Gesichtsmasken und Desinfektionsmittel sind Alltagsgegenstände für medizinisches Personal, nicht für Privatpersonen. Wer diese Produkte hortet, verursacht dort Engpässe, wo sie wirklich gebraucht werden.

Neue Desinfektionsmittel: Ansturm auf Aldi-Märkte

Dies auch als womöglich interessante Information für all jene, die gerade bei Aldi Schlange stehen, um das neu eingetroffene Desinfektionsmittel abzugreifen. Zwar steht die Aktion offiziell nicht in Zusammenhang mit dem Coronavirus – "Wir haben seit Jahren im März, wenn die Reisezeit beginnt, immer wieder ein Aktionssortiment mit Desinfektionsmittel", betont eine Sprecherin von Aldi Süd –, aber der Ansturm spricht für sich.

Ein Ansturm, der wie alle Motivation für die aktuellen Hamsterkäufe jeder rationalen Grundlage entbehrt. Aber was ist in diesen Tagen schon rational? Psychologe Grünewald sieht in eventueller 14-tägiger Quarantäne schließlich auch die Verheißung mitschwingen, "mal zwei Wochen lang aus allen Zwängen raus zu sein, den Stress los zu sein und sich allein oder im Kreis der Familie den eigenen Interessen widmen zu können." Diesen Hamsterkäufern signalisiere die Ausnahmesituation ein "temporäres Ende des Hamsterrades".

Das lässt sich wiederum sogar nachvollziehen. Denn: Wer wegen Corona palettenweise hamstert, um seinen Alltag zu pimpen, der sollte wirklich in Panik verfallen. Aber nicht wegen Corona. Sondern weil in seinem Leben grundsätzlich etwas schief läuft.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker