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Viele Kapazitäten, wenige Tests Deutschland könnte doppelt so viele PCR-Tests durchführen - und damit das Coronavirus besser verstehen lernen

PCR-Test-Analyse
Ein PCR-Test ist nach wie vor die sicherste Methode, eine Corona-Infektion festzustellen.
© ArtistGNDphotography / Getty Images
Deutschlands Labore hätten die Kapazitäten, viel mehr PCR-Tests durchzuführen, genutzt wird das derzeit nicht. Dabei könnte stichprobenhaftes Testen dabei helfen, das Virus besser zu verstehen. In Großbritannien wird das schon gemacht.

In anderen Ländern ist es schon länger Usus, in Deutschland geht's erst richtig los: das massenhafte Testen auf Covid-19. Das Mittel der Wahl sind Antigen-Schnelltests - vor allem solche, die jeder selbst durchführen kann. Die Tests hofft Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, könnten den Alltag sicherer machen. Das Bundesinstitut für Arzneimittel hat drei solcher Schnelltests am Mittwoch zugelassen, in den nächsten Tagen sollen sie im Handel erhältlich sein.

PCR-Tests, die immer noch als Gold-Standard bei der Identifizierung einer Corona-Infektion gelten, rücken jedoch mehr und mehr in den Hintergrund. Seit Beginn des Jahres sinkt die Anzahl der Tests. Derzeit werden die Laborkapazitäten nur etwa zur Hälfte ausgeschöpft. 

Immer weniger PCR-Tests

Wie viele PCR-Tests durchgeführt werden, wie hoch die Kapazitäten sind und ob es einen Rückstau von Proben gibt, erfasst und veröffentlicht das Robert-Koch-Institut (RKI). Die Labore übermitteln ihre Test-Zahlen auf freiwilliger Basis. Mehr als 250 Labore beteiligen sich. Sie melden ihre Zahlen meist wöchentlich, sie können aber auch nachmelden. 

Demnach hätten die Labore laut übermittelter Daten allein in den ersten sechs Wochen des Jahres rund 13.186.000 PCR-Tests durchführen können. Da nicht alle Labore ihre Kapazitäten gemeldet haben, sogar noch mehr. Tatsächlich durchgeführt wurden aber laut RKI-Angaben nur 6.795.740 Tests. Warum?

Geringere Fallzahlen, weniger Tests

Ende vergangenen Jahres schnellten die Zahlen zu Neuinfektionen in die Höhe und gipfelten am 22. Dezember bei einer Sieben-Tage-Inzidenz, die an der 200er-Marke kratzte. Nach Weihnachten wurde es ruhig im Land, Lockdown und verschärfte Corona-Restriktionen sollten die Virus-Ausbreitung ausbremsen, die Pandemie eindämmen. Die Zahl der Neuinfektionen sank. Am Mittwoch meldet das RKI eine Inzidenz von 59,3.

Dass mit den sinkenden Fallzahlen auch weniger PCR-Tests durchgeführt werden, ordnet das "Science Media Center" im Hinblick auf den Pandemieverlauf als "nicht überraschend oder besorgniserregend" ein – solange auch die Testpositivrate weiter falle. In den ersten sechs Jahreswochen war das der Fall. Die Rate der positiven Coronatests sank laut RKI von 12,83 auf 6,46 ab. Platt gesagt: Weil sich derzeit weniger Menschen mit dem Virus infizieren, wird auch weniger mit PCR getestet.

Dennoch: Die verfügbaren Testkapazitäten könnten auch dafür genutzt werden, die Infektionslage in Deutschland besser zu verstehen. Die Briten nutzen diese Möglichkeit bereits. Sie testen im Rahmen der REACT-1-Studie zufällig ausgewählte Menschen mit PCR-Tests. Ziel dahinter ist es, unter anderem anlassunabhängig herauszufinden, wie viele Infektionen in der Bevölkerung unter welchen Bedingungen stattfinden.

Kapazitäten für Studien nutzen

Es gab eine Zeit, in der die Labore in Deutschland mit der Analyse der PCR-Tests nicht hinterherkamen, die Kapazitätsgrenzen erschöpft waren. Inzwischen wurden diese aber aufgestockt. Von einem Rückstau kann nicht mehr die Rede sein – im Gegenteil. Mit den freien Testkapazitäten wären "diese dringend benötigten epidemiologischen Studien, die unsere Risiken im täglichen Leben deutlich besser abschätzen ließen, gut realisierbar", meint Epidemiologe Ralf Reintjes von der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg. Studien, die derzeit, sagt er, noch fehlten.

Bestünden freie Ressourcen, um neben Menschen mit Symptomen auch Menschen ohne Symptome zu testen, habe das "Vorteile in der Pandemiebekämpfung", sagt auch Virologin Sandra Ciesek. So sei es hilfreich, wenn unter festgelegten Kriterien regional die Verbreitung des Virus durch Stichprobentestungen beobachtet würden. Anhand dieser könnten die Maßnahmen an eine regionale, tatsächliche Ausbreitung genau angepasst werden. Allerdings seien solche repräsentativen Studien sehr aufwendig und zusätzlich würden viele Ressourcen verbraucht, so Ciesek.

Strategischer Einsatz von Tests

Coronatests zählen zu den wichtigsten Bausteinen, wenn es darum geht, die Pandemie unter Kontrolle zu halten. Durch sie werden Infizierte identifiziert, Infektionsketten können zurückverfolgt und mit entsprechenden Maßnahmen unterbrochen werden. Je besser diese Mechanismen ineinandergreifen, desto schwerer hat es das Virus, sich auszubreiten. In der Debatte, ob wann und wie Corona-Maßnahmen möglicherweise gelockert werden können, werden immer wieder auch Covid-19-Tests als mögliches Hilfsmittel aus dem Lockdown angeführt. Dabei geht es vor allem um Antigen-Schnelltests - auch solche, die von Laien durchgeführt werden können. (Mehr zum Thema Antigen-Schnelltests und Selbsttests lesen Sie hier). 

"Die zur Verfügung stehenden Testarten haben unterschiedliche Qualitäten und Einsatzbereiche", sagt Virologin Melanie Brinkmann. "So ist der Einsatz von Pool-Testungen mittels PCR bei niedrigen Fallzahlen sinnvoll, während der regelmäßige Einsatz von Antigen-Schnelltests einen wertvollen Beitrag zur Eindämmung des Infektionsgeschehens in Hochinzidenzbereichen leisten kann." Es könne dabei sinnvoll sein, verschiedene Testarten zu kombinieren.

Der strategische Einsatz von Tests erlaube einen besseren Überblick der aktuellen Infektionslage sowie über die Ansteckungswege, die vielerorts noch unzureichend bekannt sind, meint Brinkmann. So könnten lokale PCR-basierten Testaktionen, gegebenenfalls mit Pooling, Infektionsherde in großen Gruppen beziehungsweise Ansammlungen erkennen. "Diese Methode kann nützlich sein, um sich schnell und zuverlässig einen Überblick über ein neues Ausbruchsgeschehen in einem Wohnhaus, einer Schule oder einem Betrieb zu verschaffen."

Quellen: Science Media Center Germany, Robert-Koch-Institut


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