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Kommentar

Star-DJ: Was wir von Aviciis Tod lernen können – und müssen

Avicii arbeitete bis zum Exzess, tourte um den ganzen Globus, schlief wenig. Um den Stress zu vergessen, ließ er sich volllaufen. Dabei hatte sein Körper längst kapituliert.

DJ Tim Bergling alias Avicii

Star-DJ Tim Bergling alias Avicii

DPA

Der Anfang vom Ende kündigt sich früh an. In der Avicii-Dokumentation "True Stories" ist es die vierundzwanzigste Minute. Avicii liegt 2013 mit heftigen Bauchschmerzen in einem australischen Krankenhaus. Die Diagnose: Pankreatitis, eine entzündete Bauchspeicheldrüse. Avicii hat sich krank gesoffen. Mit Anfang 20.

Noch im Krankenhaus wird eine Krisensitzung einberufen. Aviciis Karriere hat gerade erst begonnen. Er ist auf Tour, wird für seinen Hit "Wake me up" gefeiert. In Australien stehen wichtige Konzerte an. Manager und Ärzte scharen sich um sein Krankenbett. Avicii liegt in der Mitte, Baseballmütze auf dem Kopf, Laptop auf dem Schoß.

Die Mediziner überlegen, ihn zu operieren. Vielleicht müssen sie seine Gallenblase entfernen, sagen sie. Doch eine Operation würde weitere Ausfälle nach sich ziehen, Konzerte müssten abgesagt, Honorare gestrichen werden. Avicii nimmt Schmerzmittel und verlässt am darauffolgenden Tag das Krankenhaus. Seine Ärzte haben ihm Ketamin verschrieben – ein potentes Mittel, das auch zur Betäubung von Pferden eingesetzt wird.

Schnitt. Nächste Szene. Avicii sitzt auf der Rückbank eines Wagens. Er wirkt teilnahmslos, ist zugedröhnt mit Schmerzmitteln. Die australischen Radiosender berichten über seinen Gesundheitszustand. Auf der Rückbank sitzt auch sein Tour-Manager. Ob Avicii sich nicht vorstellen könne, ein Interview fürs Radio zu geben, will er wissen? Als Zeichen dafür, dass er wieder zurück sei? Eine halbe Stunde, vielleicht auch eine Ganze würde das dauern. Länger nicht. "Ja", murmelt Avicii. "Sicher." Dann fallen ihm die Augen zu.

Schnitt. Avicii bei einer Preisverleihung. Er ist abgemagert, sein Gesicht wirkt eingefallen. Er kann nicht mehr richtig essen – eine Nebenwirkung seiner Erkrankung. Als sein Name durch den Saal tönt, steht er auf und wankt zur Bühne um den Preis entgegenzunehmen. Seine Lederjacke schlackert um seine dürren Schultern. Aus dem Off berichtet er über die Schmerzmittel, die er nehmen muss. Er schluckt zehn verschiedene Präparate. Um die Schmerzen zu vergessen. Um da zu sein. Um weiter auf Tour gehen zu können. Um Geld zu verdienen. Um Präsenz zu zeigen. Um irgendwie zu funktionieren.

Avicii tot


Der Film, aus dem diese Szenen stammen, erschien im Oktober 2017. Die Aufnahmen selbst liegen fünf Jahre zurück und zeigen einen jungen, zerbrechlichen Mann, der es mit seiner Musik zu Weltruhm geschafft hat. Die Aufnahmen gehen unter die Haut. Mit dem Wissen, dass Avicii nur wenige Jahre später tot sein wird, sind sie kaum zu ertragen. Tim Bergling, so sein bürgerlicher Name, starb am 20. April im Alter von 28 Jahren im Oman.

Seitdem kursieren Spekulationen um die Todesursache, die offiziell nicht genannt wird und auch nicht genannt werden muss. Warum? Weil das Wissen um die Art und Weise eines Todes nichts mehr an der Tatsache ändert, dass es so weit gekommen ist. Klar ist: Avicii war krank. Seelisch wie körperlich.

Nicht zuletzt werfen die Szenen des Films Fragen auf: Warum hielt es keiner in Aviciis Entourage für nötig, dem jungen Mann zu mehr Ruhe zu raten? Und mit den Auftritten zu warten, bis er wieder vollständig gesund war? Warum gönnte Avicii sich selbst keine Ruhe? "Halt! Nein! Stop!", möchte man diesem zerbrechlich wirkenden Jungen auf den Aufnahmen zurufen. "Bleib liegen. Werde wieder gesund!"

Es gibt Hilfe - immer

Es mag die Angst um den Ruf, ziemlich sicher das Geld gewesen sein, das seine Manager dazu veranlasste, Avicii weiter um die ganze Welt zu jagen. Avicii entwickelte eine Angst- und Panikstörung, die ihn vor jedem Auftritt quälte. Selbst an Sport war kaum zu denken. Der steigende Puls, das klopfende Herz – all das erinnerte ihn zu sehr an den Schrecken einer Panikattacke. Es ist eine dieser Schlüsselszenen in der Dokumentation: Avicii stemmt mit einem Fitnesstrainer Gewichte. Der lobt ihn für seine Leistung. Aviciis Blick schweift ab, schweißgebadet stützt er sich auf die Hantel. Wenn nur nicht diese Angst wäre, sagt er. Dieses Gefühl in seiner Brust.

Es ist schwer, den Druck nachzuempfinden, den ein Welt-Star wie Avicii gespürt haben muss. Wahr ist aber auch: Schicksale wie das von Avicii sind kein Einzelfall. Es gibt sie millionenfach weltweit - im Großen wie im Kleinen. Auf den Bühnen dieser Welt wie auch in jedem Büro.

Der Leistungsdruck zieht sich durch alle Schichten unserer Gesellschaft und durch alle Altersgruppen. Selbst Kinder spüren ihn, wenn sie in der Schule gute Noten liefern müssen und in ihrer Freizeit vom Klavierunterricht zu der Ballettstunde hetzen. Studenten pimpen sich vor Prüfungen ohne Rücksicht auf ihre Gesundheit mit Ritalin. Selbstständige kämpfen um jeden einzelnen Auftrag. Angestellte schlucken aus Angst um ihren Job eher Schmerztabletten, als sich für einen Tag krankschreiben zu lassen.

Stress macht nicht automatisch krank. Problematisch wird es aber, wenn Leistungsdruck und Ängste nicht mehr abreißen. Nicht selten führen sie dann in eine Abwärtsspirale, an deren Ende seelische und körperliche Leiden stehen. Die gute Nachricht: Hilfe ist an jedem einzelnen Punkt dieser Spirale möglich. Und dafür braucht es wenig: lediglich den Mut, für sich und andere einzustehen.

Was bleibt von Avicii, dem Ausnahmekünstler? Seine Musik, sicher. Noch besser, wenn es diese Botschaft wäre: hinschauen statt wegschauen. Nachfragen statt schweigen.

Sie haben suizidale Gedanken? Hilfe bietet die Telefonseelsorge. Sie ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr unter 0800/1110111 und 0800/1110222 erreichbar. Auch eine Beratung per E-Mail ist möglich.

Eine Liste mit bundesweiten Hilfsstellen findet sich auf der Seite der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention.

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