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Ebola-Epidemie in Westafrika: Wie Herr Oularé das tödliche Virus überlebte

Bakary Oularé aus Guinea erkrankte an Ebola - und überlebte. Im stern-Interview spricht der Arzt über die Zeit in der Quarantäne und die Gerüchte, die den Kampf gegen die Epidemie erschweren.

Von Tilman Leicht

Bakary Oularé ist 30 Jahre alt, verheiratet und Vater von drei Kindern. Er ist Arzt und lebt in Conakry, der Hauptstadt Guineas. Dort wütet, wie auch in den Nachbarländern Liberia und Sierra Leone, eine der weltweit schlimmsten Ebola-Epidemien. Die Sterblichkeitsrate von Infizierten liegt bei bis zu 90 Prozent. Auch im Fall von Bakary Oularé waren die Chancen auf eine Genesung erschütternd gering: Die Ärzte schätzten sie auf ein Prozent. Dennoch überlebt Oularé - als erster Ebola-Patient von Conakry. Im stern-Gespräch erzählt er davon, wie er die Zeit erlebte, was ihm Zuversicht gab und warum es so schwer ist, die Epidemie zu bekämpfen.

Herr Oularé, wann fiel Ihnen auf, dass etwas in Ihrem Körper nicht stimmt?
Die ersten Symptome habe ich am 20. März dieses Jahres bemerkt. Ich fühlte mich sehr schlapp und bekam Kopfschmerzen, wie bei einer echten Grippe.

Was war Ihr erster Gedanke? Haben Sie sofort an das Ebola-Virus gedacht?
Ich habe als Erstes an Malaria gedacht, dann an Typhus-Fieber. Am 25. März haben Ärzte einen Abstrich gemacht und mir gesagt, ich sei positiv auf Ebola getestet worden.

Die größte Überlebenschance besteht, wenn man sich so früh wie möglich in Behandlung begibt. Wie schnell konnten Sie reagieren?
Mediziner der Organisation Ärzte ohne Grenzen haben die Probe entnommen, die Kontrollen während des Krankheitsverlaufes durchgeführt und mir die Heilung bestätigt. Der erste Ebola-Test fand am 25. März statt, fünf Tage nach den ersten Symptomen. Der zweite Test am 26. März und beide waren positiv.

Wie verlief die Krankheit? Mit welchen Symptomen hatten Sie zu kämpfen?
Auf Müdigkeit und Kopfschmerzen folgten Fieber, Durchfall, Erbrechen. Danach kamen noch Lichtempfindlichkeit und Appetitmangel hinzu. Diese Symptome hatte ich zwischen dem 20. und dem 29. März. Danach ging es wieder bergauf, am 3. April war der Test negativ.

Was waren Ihre Gedanken während der Zeit im Behandlungszentrum?
Ich habe nie an der Diagnose gezweifelt. Als Arzt wusste ich um die Epidemie. Da die Medikamente gegen Malaria und Typhus nicht halfen, war ich überzeugt, dass ich an Ebola erkrankt sein musste.

Haben Sie je daran gezweifelt diese Krankheit besiegen zu können?
Die Chance für meine Genesung lag bei einem Prozent. Doch einfach aufzugeben, das kam mir nicht in den Sinn. Mein Glaube hat mir in erster Linie Hoffnung und Kraft gegeben, daneben war die Unterstützung von Kollegen und Freunden für mich sehr wichtig. Sie sagten mir, sie wären mit dem Herzen bei mir. Das hat mir geholfen, nicht ganz die Hoffnung zu verlieren - obwohl ich schon manchmal den Gedanken hatte, dass es mit mir zu Ende gehen könnte. Bei vorigen Epidemien im Kongo und in Gabun gab es auch Überlebende, das wusste ich. Daher sagte ich mir, dass ich es auch schaffen kann, wenn sie es geschafft haben. Vieles spielt sich im Kopf ab, positives Denken ist das beste Medikament.

Wie war der Alltag in der Quarantäne-Station?
Es war überhaupt nicht einfach. Jemand, der so aktiv ist wie ich und immer etwas unternehmen will, war auf einmal eingesperrt und hatte noch dieses Damoklesschwert der tödlichen Krankheit über sich schweben. Ich war eine Woche in Quarantäne, umgeben von Kranken, täglich wurde ich mit neuen Leichen konfrontiert. Die Isolation ist schrecklich. Mein einziger Kontakt zu Menschen war bei der Visite - und wenn ich Medikamente bekam.

Wann wussten Sie, dass Sie es schaffen würden?
Am 3. April gegen 16 Uhr. Da erhielt ich die Nachricht, dass der Test zum zweiten Mal negativ war. Ich war außer mir vor Freude und habe erst einmal meine Familie angerufen und mit meinen Kindern gesprochen. Als ich das Krankenhaus verlassen durfte, warteten dort auch schon die ersten Leute und nahmen mich in Empfang. Es war das erste Mal in Conakry, dass jemand die Krankheit überlebt hatte.

Anja Wolz, eine deutsche Krankenschwester, die für Ärzte ohne Grenzen in Sierra Leone gegen Ebola kämpft, erzählt im neuen stern von ihrer Arbeit vor Ort. Sie sagt, dass Erkrankte Angst vor den Behandlungszentren und den Ärzten in ihrer Schutzkleidung hätten.
Ich persönlich hatte keine Bedenken, mich in das Gesundheitszentrum zu begeben. Aber ich weiß, dass viele Kranke sich nicht dorthin trauen und die Ärzte für den Ausbruch der Krankheit verantwortlich machen. Sie beschuldigen die Mediziner sogar, die Krankheit gesunden Leuten einzuimpfen. Es gehen Gerüchte umher, dass Organhandel dahinter steckt. Dass es die Krankheit gar nicht gibt, sondern dass Kranke zu diesen Zentren gelotst werden, um sie zu töten und die Organe zu entnehmen. Wir kämpfen gegen diese Gerüchte, und langsam bekommen wir die Situation im Griff.

Werden Sie sich als Arzt am Kampf gegen Ebola beteiligen?
Das war mein erster Gedanke, als ich geheilt aus der Quarantäne kam. Ich bin Arzt, habe die Krankheit am eigenen Leib erfahren und das Glück gehabt, sie zu überleben. Es ist meine Pflicht und meine Berufung, Patienten, Ärzte und Institutionen in diesem Kampf zu unterstützen.

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