Epidemie Vertuschte Gefahr


Weil chinesische Behörden schwiegen, konnte sich SARS weltweit ausbreiten. Und noch immer wird gemauert: Die Situation im Reich der Mitte ist schlimmer, als die Funktionäre zugeben.

Dieser süße Junge mit seinen großen, unschuldigen Augen hat seinen Vater ins Grab gebracht", flüstern die Nachbarn im Treppenhaus. "Sie haben sich so geliebt." Oben im zehnten Stock des tristen Plattenbaus im Zentrum der südchinesischen Provinzhauptstadt Kanton weint sich Zhu Jifen* die Augen aus dem Kopf. "Diese verdammten Ärzte haben meinen Mann auf dem Gewissen", schimpft die 35-Jährige.

In der letzten Januarwoche kurz vor dem chinesischen Neujahrsfest war ihr Stiefsohn, der siebenjährige Qiang, plötzlich mit Husten aus der Schule gekommen, am Abend hatte er hohes Fieber. Zhu und ihr Mann zogen von Klinik zu Klinik, aber keines der Medikamente schlug an, die Ärzte waren ratlos. Zuletzt versuchten sie es beim Krankenhaus Nr. 8, das auf "ansteckende Krankheiten" spezialisiert ist. Der zwölfstöckige gekachelte Beton-klotz liegt in der Straße des Ostwindes Nummer 627.

Die Familie ahnte nicht, dass durch die Flure bereits ein Hauch des Todes wehte. Die Wände waren weiß, und ein freundlicher Arzt diagnostizierte eine rätselhafte Krankheit, die erst später einen Namen bekommen sollte: Schweres Akutes Atemwegssyndrom (SARS). "Das ist nur eine Art Lungenentzündung", beruhigte sie der Doktor. Keiner ihrer Freunde und Nachbarn hatte bis dahin von der Krankheit gehört. Dass sie tödlich enden konnte, wussten die Gesundheitsbehörden, nicht aber das Volk. Erst nach dem Neujahrsfest in der ersten Februarwoche berichteten Kantoner Zeitungen über die Gefahr. Und plötzlich roch es in der ganzen Stadt nach Essig, den die Menschen zur Desinfektion benutzten. Der Flaschenpreis verzehnfachte sich auf umgerechnet drei Euro.

Qiangs Vater, ein Elektriker, wich nicht vom Bett seines einzigen Sohnes. Er hatte mit ansehen müssen, wie Qiangs Mutter an Krebs gestorben war, vor drei Jahren hatte er wieder geheiratet. Qiangs Vater ging nicht zur Arbeit, obwohl die Familie immer zu wenig Geld hatte. Am Morgen flößte er seinem Sohn den ersten Tee ein, mittags fütterte er ihn mit Teigtaschen und Bananen, nachts wischte er ihm den Schweiß von der Stirn. Drei weitere Patienten lagen auf dem Zimmer, alle hatten die neue Krankheit, von der man inzwischen weiß, dass sie wie ein Schnupfen durch Tröpfcheninfektion übertragen werden kann - und die sich zu einer Seuche entwickelt hat, die in China und in anderen Teilen der Welt immer mehr Opfer fordert.

* Name geändert

Qiang allerdings ging es nach drei Tagen wieder besser, nach einer Woche durfte er nach Hause. Der Arzt sagte noch: "Er hat nur eine leichte Tuberkulose. Machen Sie sich bitte keine Sorgen." Der Junge ging schon wieder zur Schule, als es seinen Vater und seine Stiefmutter erwischte. "Das Fieber war auf einmal da. Sehr hoch. Nach einer halben Stunde zitterte ich am ganzen Körper", erzählt die Stiefmutter. Qiangs Vater schleppte sich die zehn Stockwerke hoch, wenn er vom Gemüsehändler kam. Beide Eltern wurden ins Krankenhaus eingewiesen, Qiangs Tante kümmerte sich um den Jungen. Vier Tage später war der Vater tot, gestorben an SARS, das er sich im Krankenzimmer seines Sohnes geholt hatte. Beide Lungenflügel waren voll mit Flüssigkeit, sie konnten keinen Sauerstoff mehr aufnehmen, der Patient erstickte. Seine Frau hingegen überlebte.

Qiangs Vater gehörte zu den frühen Opfern der Krankheit. Wer der erste Infizierte war, weiß niemand. Nur, dass er höchstwahrscheinlich in derselben Provinz lebte wie die Familie Jifen, in Guangdong. Die südchinesische Region gilt seit Jahrzehnten als Brutstätte für Seuchen. 1997 brach im benachbarten Hongkong die Hühnergrippe H5N1 aus. Weil die Behörden damals schnell reagierten und 1,2 Millionen Stück Federvieh töten ließen, starben nur sechs Menschen. Obwohl auf dem Hof von Bauer Xie Guo Tsuan, 43, noch niemand von SARS gehört hat, könnte das Virus an einem Ort wie diesem erstmals aufgetaucht sein - mutiert, ehe es von einem Tier auf einen Menschen übertragen wurde. In einem Dutzend Holzverschlägen hält der Bauer mehr als 200 Schweine. Zwischen zersplitterten Bettgestellen, Plastikverpackungen und Rohölfässern sucht der abgemagerte Hofhund nach Fressen. Die Räude lässt ihn beinahe aussehen wie ein Ferkel, er hat fast alle Haare verloren.

Der Gestank von Gülle beißt in der Nase, Hühner und Enten laufen umher. Die Kinder kommen von der Schule. Zwei Wanderarbeiter aus der armen zentralchinesischen Hunan-Provinz fachen ein Feuer an, über dem sie Schweinefraß aufwärmen: schimmlige Tomaten, Reis, verfaulte Kartoffeln, stinkenden Fisch - Abfälle, die Bauer Xie in Kantoner Restaurants aufkauft und für die er pro Fass zehn Yuan, umgerechnet etwas mehr als einen Euro, zahlt. Statt Holz verbrennen die Arbeiter Lederreste von der nahen Fabrik, in der Adidas Schuhe herstellen lässt. Stolz zeigt Xie auf seine Forellenteiche. Die mehr als 1000 Fische füttert er mit Schweinekot, die prallen Forellen verkauft er wieder nach Kanton in Restaurants - ein geschlossener Kreislauf, aber möglicherweise ein lebensgefährlicher.

Im "Restaurant des Exotischen Geschmacks" am Stadtrand von Kanton liest sich die Speisekarte wie eine Werbung für den Zoo: Luchse, Schlangen, Rehe, Kranich, Ratte und Katze. Getreu einem Sprichwort essen Südchinesen alles, was vier Beine hat außer Tischen, alles, was fliegt außer Flugzeugen, und alles, was schwimmt außer Schiffen. "Wir kaufen täglich frisch auf dem Lou Chun Wai Tiermarkt", freut sich der Besitzer. Dort gehen die Reiher, die Wilderer im Sumpfgebiet zwischen Hongkong und Guangdong einfangen, für 250 Yuan über den Tisch, 28 Euro. Viele Chinesen glauben, ihr Fleisch verlängere das Leben. Nebenan wird einem Hund das Fell abgezogen. Ein Bauer bringt Tiernachschub. Auf dem Rücksitz seines Motorrollers lassen Gänse die Hälse aus ihren Käfigen hängen, darüber hat er Hühner, Tauben und Kaninchen gestapelt.

Jeden Tag verzehren Kantonesen mindestens 10 000 Katzen. Heute aber preist ein Tierhändler als Delikatesse Schuppentiere und Fledermäuse. Der Frankfurter Virologe Wolfgang Preiser, der für die WHO in Guangdong nach der SARS-Ursache forscht, hält es für "sehr plausibel", dass der Verzehr von wilden Tieren zur Seuche führte. Ein Koch aus der Stadt Heyuan, 300 Kilometer nordöstlich von Kanton, gilt als eines der ersten Opfer. Er wurde im vergangenen Dezember erst in die Boomstadt Shenzhen und dann nach Kanton verlegt. Von dort schleppte Liu Jianlun, ein 64-jähriger Arzt am Krankenhaus Nr. 2 der Kantoner Zhongshan Universität, das Virus nach Honkong und infizierte im Aufzug des Metropole-Hotels wohl sieben weitere Gäste, die das Virus nach Vietnam, Kanada und Singapur trugen. In Hongkong, der Metropole, die sich gern als New York Asiens sieht, sind die eleganten Shopping-Malls inzwischen wie leer gefegt, jeder Zweite traut sich höchstens noch mit Mundschutz auf die Straße.

Nur Gerüchte verbreiten sich schneller als das Virus. In der vergangenen Woche erlaubte sich ein Schüler einen Aprilscherz und meldete im Internet, Hafen und Flughafen würden geschlossen. Es kam zu Panikkäufen - und Hongkong lieferte der Weltpresse die aufregenden Bilder, die Medien brauchen, um ihre Geschichten zu verkaufen. Darüber geriet beinahe ins Vergessen, dass die Situation im übrigen China keineswegs besser ist. Dort verkündet die staatlich gelenkte Presse zwar, man habe "alles unter Kontrolle". Doch länger als eine Woche dauerte es, bis die Regierung ein Expertenteam der WHO von Peking nach Südchina reisen ließ. Die Wissenschaftler hatten mit ihrer Abreise drohen müssen.

Noch am Anfang dieser Woche meldeten die Gesundheitsbehörden für Peking lediglich 19 Ansteckungen mit vier Toten, darunter ein Finne. Das Krankenhauspersonal hat strikte Anweisung, nicht über die dramatische Situation in einigen Krankenhäusern der Hauptstadt zu berichten. Dennoch erfuhr der stern von Ärzten und Krankenschwestern, dass allein im Militärkrankenhaus Nr. 302 etwa zehn Menschen der Epidemie erlagen. 40 Infizierte werden dort behandelt. Im Xiehe-Krankenhaus unweit der Einkaufsstraße Wangfujing sollen mindestens drei Menschen an SARS gestorben sein. Ein weiteres Militärkrankenhaus, das im Kneipenviertel Sanlitun liegt, wurde am Montag weiträumig desinfiziert. Die Arbeiter trugen Ganzkörper-Schutzanzüge. In den wenigen mit ausländischer Beteiligung geführten Kliniken setzen die Chinesen das Management unter Druck, über SARS den Mantel des Schweigens zu breiten. Infizierte werden diskret an die chinesischen Spitäler übermittelt.

Entgegen der Regierungspropaganda hat sich das Virus von Kanton aus längst in die großen Bevölkerungszentren des 1,3-Milliarden-Einwohner-Staates verbreitet. Zwischen Kanton und Peking verkehren täglich mehr als 25 Flieger mit bis zu 5000 Fluggästen, zwischen Kanton und Shanghai sogar mehr als 35 Maschinen mit bis zu 7000 Passagieren. Zum chinesischen Neujahrsfest reisten mehr als 200 Millionen Chinesen zu ihren Verwandten. Anders als das moderne Hongkong ist China trotz der glitzernden Vorzeige-Skyline von Shanghai ein Entwicklungsland mit einem kriselnden Gesundheitssystem. 900 Millionen Menschen leben auf dem Land, davon 90 Millionen in bitterer Armut.

Chinesische Diplomaten wiesen zwar zu Recht darauf hin, dass die Zahl der weltweiten Grippeopfer weit höher liegt als die der SARS-Toten. In Deutschland sterben Jahr für Jahr mehrere tausend Menschen an Grippe. Selbst in Hongkong mit 6,7 Millionen Einwohnern und 900 bekannten SARS-Fällen sind 99,999 Prozent aller Menschen SARS-frei. Dennoch muss rasch gehandelt und offen informiert werden, um die Ausbreitung des Erregers zu stoppen. Wer nicht weiß, dass er aus einer gefährdeten Region kommt, kann den Erreger arglos in alle Welt verbreiten.

Aber das Krisenmanagement der Regierung folgt dem alten Propagandamuster: Erst verschweigen, dann leugnen, schließlich verkünden, dass es ein Problem gegeben habe - das aber inzwischen gelöst sei. Der neue Premierminister Wen Jiabao ließ sich in den Montagszeitungen mit den Worten zitieren: "Das Leben in China geht normal weiter." Da registrierten die Hotels in Peking schon Buchungsrückgänge von 50 Prozent, forderten Konzerne wie Procter & Gamble ihre ausländischen Mitarbeiter auf, Peking zu verlassen. Da prophezeite der thailändische Ministerpräsident, dass SARS Asien mehr Wirtschaftswachstum kosten werde als der Irak-Krieg. Die internationale Wirtschaftspresse verglich das Totschweigen der Seuche mit den chronisch geschönten Zahlen des chinesischen Bankenwesens - ein Kainsmal für das Wirtschaftswunderland China.

Die Angst vor Seuchen hat durch SARS jedenfalls weltweit Auftrieb erhalten. "Dies war nur die Generalprobe für die nächste weltweite Epidemie", fürchtet der australische Virologe Graeme Laver, einer der Pioniere der Erforschung der Hühnergripppe. Wenn China und andere asiatische Länder nicht schneller reagieren, könnte sich demnächst ein ansteckenderes Virus in der ganzen Welt verbreiten und Hunderttausende das Leben kosten.

Die Familie des kleinen Qiang machte nach dem Tod des Vaters noch eine besondere Erfahrung: Sie bekam die Asche des Toten nicht. "Das Krankenhaus wollte sie erst herausgeben, wenn wir die Rechnung bezahlt haben", klagt die Stiefmutter. Schließlich sprang der Staatsbetrieb ein, bei dem ihr Mann beschäftigt war. Offensichtlich ein Schweigegeld: Seitdem spricht sie mit keinem Journalisten mehr.

Matthias Schepp


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