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"Hart aber fair" zum Thema Zucker: Tim Mälzer attackiert Industrie: "Kinder werden mit Zucker angetriggert"

Zu viel Zucker macht dick und krank. Dennoch steckt der Stoff in zahllosen Lebensmitteln. Wie ist mit der Gesundheitsgefahr umzugehen? fragte Frank Plasberg in "Hart aber fair“. Gast Tim Mälzer wusste eine Antwort.

Tim Mälzer bei "Hart aber fair"

Tim Mälzer kritisiert bei "Hart aber fair" die Art und Weise, wie die Lebensmittelindustrie zuckerhaltige Produkte bewirbt

Höchstens sechs Teelöffel Zucker am Tag, also rund 25 Gramm: Menschen, die gesund leben wollen, sollten nicht mehr des Süßmachers zu sich nehmen, empfiehlt die Weltgesundheitsorganisation (WHO). Doch die meisten Bundesbürger überschreiten diesen Wert um ein Vielfaches, was vor allem am sogenannten versteckten Zucker liegt. Viele Lebensmittel enthalten den Süßmacher in rauen Mengen, ohne dass sie übermäßig süß schmecken oder gesondert darauf hingewiesen wird: Soßen wie Ketchup beispielsweise, Frühstückscerealien oder Joghurts. Bereits Kleinkinder nehmen deshalb bis zu 114 Gramm Zucker pro Tag zu sich – das entspricht der Menge von zwei Tafeln Schokolade.

Wie konnte es so weit kommen? Und wie können vor allem Kinder vor zu viel Zucker geschützt werden? Diesen Fragen ging Frank Plasberg in der gestrigen Ausgabe von "Hart aber Fair" nach. Wie aggressiv zuckerhaltige Produkte teilweise beworben werden, zeigte er anhand eines Produktbeispiels: eines Traubenzuckerriegels, der für die Zielgruppe Schulkinder angepriesen wird. Das Produkt habe einen "Hauch von Doping" und damit den Reiz "von etwas Verbotenem" zitierte Plasberg aus einer Pressemitteilung des Herstellers. Worte, die in Kinderohren großes Interesse wecken dürften.

Bunte Figuren sollen Kinder locken

Es sei eine Frechheit, "wie skrupellos für Zucker geworben wird", kritisierte Silke Schwartau, Ernährungsexpertin von der Verbraucherzentrale Hamburg. Ein weiteres Problem: Viele ungesunde Lebensmittel sollen gezielt die Begierde von Kindern wecken. Die Hersteller drucken auf zuckerhaltige Joghurts Disneyfiguren oder legen Sammelkarten in die Verpackung süßer Frühstücksflocken.

Eigentlich ist Werbung für ungesunde Lebensmittel, die sich an Kinder richtet, laut dem sogenannten EU-Pledge verboten. Doch für die Hersteller gibt es zahlreiche Schlupflöcher: So handelt es sich lediglich um eine freiwillige Selbstkontrolle der Industrie. Die Hersteller sind also nicht verpflichtet, die Vereinbarung zu unterzeichnen, was Branchenriesen wie Haribo und Bahlsen auch nicht getan haben. Und: Der EU-Pledge regelt auch nicht die Art der Verpackungsgestaltung, auf die weiterhin bunte Comic-Helden und Disney-Prinzessinnen gedruckt werden dürfen.

Tim Mälzer attackiert Lebensmittelindustrie

Für Alfred Hagen Meyer, Anwalt für Lebensmittelrecht und Vertreter von Industrieinteressen, ist das kein Problem: Werbung sei für ihn ein "Spaßfaktor" und auch eine besondere Form der "Zuwendung". Ähnlich beschwichtigend argumentiert Günter Tissen, Hauptgeschäftsführer der Wirtschaftlichen Vereinigung Zucker: "Zucker kann an sich gar kein Übel sein", erklärte er. Lediglich ein "Zuviel" sei problematisch. Ohnehin sei das viel grundlegendere Problem beim Thema Übergewicht die mangelnde Bewegung. Zu was Verbraucher im Supermarkt greifen sei "eine Frage der Eigenverantwortung".

Wie aber können Verbraucher dieser gerecht werden, wenn sie nicht wissen, was in den Lebensmitteln steckt? Fernsehkoch Tim Mälzer ist sich sicher: Die Nährwerttabellen auf Lebensmitteln sind "verklausuliert" und oft so klein geschrieben, dass er mit seinen 45 Jahren Probleme habe, sie ohne Brille zu lesen. Er habe nichts gegen Zucker an sich, allerdings gegen die Art und Weise, wie aggressiv er beworben wird. "Da wird eine visuelle Abhängigkeit geschaffen, Kinder werden mit Zucker angetriggert", kritisierte der Fernsehkoch. Sei man erst einmal hineingelangt, falle es schwer, aus der Zuckerfalle herauszukommen.

"Hart aber fair" endet mit schmalem Konsens

Wie aber könnte eine mögliche Lösung aussehen? Um den Verkauf zuckerhaltiger Getränke einzudämmen, will Großbritannien ab dem Jahr 2018 eine sogenannte Zuckersteuer einführen. Die Hersteller sollen Abgaben für den Zuckergehalt leisten, die wiederum in schulische Bildungsbereiche wie Ernährung und Sport investiert werden sollen. Verbraucherschützerin Schwartau begrüßt diese Idee: "Das ist genau das, was Deutschland braucht. Dann könnten wir endlich mal was tun und nicht nur rumjammern."

Christian Schmidt, Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft, steht einer Zuckersteuer dagegen skeptisch gegenüber: Diese habe lediglich einen "Placebo-Effekt", wenn auf der anderen Seite Informationen über gesunde Ernährung fehlen. Er will künftig auf bessere Gesundheitsaufklärung setzen und sieht in erster Linie die Eltern in der Pflicht, die für die Ernährung ihrer Kinder verantwortlich seien.

Was blieb, war ein schmaler Konsens: Zu viel Zucker, eine einseitige Ernährung und zu wenig Bewegung sind schlecht für die Gesundheit. Und: Verbraucher müssten besser informiert sein, um für sich und ihre Kinder gesunde Entscheidungen treffen zu können. Allein wie das gelingen kann und welchen Anteil die Hersteller dazu beitragen können, blieb offen.