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Hashtag #NotJustSad: Depressionen sind mehr als Traurigkeit

Wie sich Depressionen anfühlen, können sich gesunde Menschen oft nicht vorstellen. Um ihnen einen Einblick in ihre Welt zu geben, twittern Erkrankte unter dem Hashtag #notjustsad über ihren Alltag.

Von Lydia Klöckner

Manche Depressive fühlen sich, als wären sie "in einem Glaskasten gefangen".

Manche Depressive fühlen sich, als wären sie "in einem Glaskasten gefangen".

Ein gesunder Mensch steht morgens auf, geht duschen, isst vielleicht ein Brot, putzt sich die Zähne und macht sich auf den Weg zur Arbeit. Alexander Plavinskis Tag beginnt im Grunde ähnlich, mit einem Unterschied:

Nicht einmal eine Stunde wach, und schon erschöpft. Niedergeschlagen. Kraftlos. Leer. Alexander ist einer von Tausenden Nutzern, die unter #notjustsad über ihre Erfahrungen mit Depressionen schreiben. Seit gestern ist der Hashtag online, und schon auf Platz eins der Twitter-Trends. Sekündlich laufen neue Tweets ein - die meisten davon bewegend, einige regelrecht erschütternd:

Depressionen zählen heute zu den Volkskrankheiten. Rund vier Millionen Menschen in Deutschland leiden darunter. Doch das alllein erklärt wohl nicht, warum der Hashtag so rasant populär wurde. Auch sein Name scheint bei Twitter-Nutzern einen Nerv getroffen zu haben. Er fasst das Missverständnis in Worte, mit dem Depressive am häufigsten zu kämpfen haben: dass sie bloß traurig sind.

Wer unter der Krankheit leidet, ist nicht einfach nur schlecht gelaunt. Die Gefühlswelt von Depressiven ist komplett aus dem Gleichgewicht geraten - und zwar häufig für viele Monate und sogar Jahre, wenn sie keine Hilfe bekommen. Sie fühlen sich hilflos, leer und mitunter komplett emotionslos. Viele verspüren ständig Schuld und Angst. Meist kommen auch körperliche Beschwerden wie Schlafstörungen oder Appetitlosigkeit hinzu.

Auf #notjustsad erfährt man, dass viele Depressive nicht nur mit sich selbst und ihrer Erkrankung zu kämpfen haben, sondern auch mit dem Stigma, das noch immer mit dem Leiden verbunden ist. Kollegen werfen ihnen "Faulheit" vor und Freunde distanzieren sich von ihnen, weil sie "das lange Gesicht" nicht mehr ertragen können. Und allzu häufig müssen sie sich anhören, dass sie kein Recht auf ihre Gefühle haben:

Kein Wunder, dass viele Betroffenen ihre Krankheit verheimlichen und sich in sich selbst zurückziehen.

Depressionen müssen behandelt werden

Der Weg zur Besserung führt allerdings genau in die andere Richtung: Einen Ausweg findet in der Regel nur, wer professionelle Hilfe aufsucht. Die Behandlung setzt sich meist aus einer Psychotherapie und Medikamenten zusammen. "Heilung" versprechen sie zwar nicht, weil die Krankheit immer wiederkehren kann. Doch den meisten Patienten verhilft eine Therapie zumindest zurück in die Normalität und nimmt ihnen ihren Leidensdruck.

Auf einen Therapieplatz warten viele Erkrankte allerdings Monate, einige sogar mehr als ein halbes Jahr. Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung ergab im Frühjahr, dass Menschen mit Depressionen durchschnittlich 17 Wochen auf Hilfe warten müssen. #notjustsad zeigt, dass das Warten die Betroffenen unter enormen Leidensdruck setzen kann - aber auch, dass es schon befreiend sein kann, offen über die Krankheit zu sprechen.

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