Interview "Impfung nur, wenn die Seuche droht außer Kontrolle zu geraten"

Das Friedrich-Löffler-Institut arbeitet an einem Impfstoff für Tiere gegen die Vogelgrippe. Könnte die Seuche über Zugvögel auch zu uns gelangen?

Herr Mettenleiter, wie hoch ist die Gefahr der Einschleppung über Zugvögel? Sollte die Stallpflicht wieder eingeführt werden?

Momentan ziehen keine Vögel, daher ist die Gefahr gering. Der Frühjahrszug beginnt ungefähr Ende Februar und dauert bis in den April hinein. Wir beobachten die Lage sehr genau und an Hand einer aktuellen Risikobewertung werden wir dann im Frühjahr ein Aussage darüber treffen, ob die Stallpflicht wieder eingeführt werden sollte oder nicht.

Das Friedrich-Loeffler-Institut

Das Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit oder auch Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) würde bei einem Ausbruch der Vogelgrippe in Deutschland eine wichtige Rolle spielen. Die Experten sind unter anderem dafür zuständig, Proben von verdächtigen Vögeln zu untersuchen und Erreger nachzuweisen.

Bereits jetzt arbeitet das FLI intensiv an der Entwicklung neuartiger Impfstoffe für Nutzgeflügel. Besonders wichtig sind dabei so genannte Marker-Impfstoffe, mit denen geimpfte und infizierte Tiere sicher unterschieden werden können. Die Einrichtung auf der Insel Riems im Greifswalder Bodden forscht neben der Geflügelpest auch an anderen Infektionskrankheiten landwirtschaftlicher Nutztiere.

Es handelt sich um eine selbstständige Behörde, die dem Bundesverbraucherministerium untergeordnet ist. Das FLI gliedert sich in vier Teile mit acht Instituten. Auf Riems sind die Institute für Molekularbiologie, Virusdiagnostik, Infektionsmedizin und für neue und neuartige Tierseuchenerreger angesiedelt. Weitere Standorte gibt es in Tübingen, im brandenburgischen Wusterhausen und in Jena. Das Institut auf Riems ist die weltweit älteste virologische Forschungsstätte. Benannt ist sie nach dem Geheimen Medizinalrat Friedrich Loeffler, der die Forschungseinrichtung 1910 gründete.

Loeffler entdeckte 1898 den Erreger der Maul- und Klauenseuche (MKS) und gilt damit als einer der Begründer der Virologie. Wegen seiner umfangreichen Tierexperimente kam es im Greifswalder Umland immer wieder zu MKS-Ausbrüchen. Daher entschloss er sich, die isolierte Insel Riems zu nutzen. Mit einer Unterbrechung während des Ersten Weltkrieges ging die Forschungsarbeit auf Riems kontinuierlich weiter. 1943 wurden die Einrichtungen in die Reichsforschungsanstalt überführt.

Mit Kriegsende ging die Ausstattung als Reparationsleistung größtenteils verloren. Unter dem Eindruck der in Europa wütenden Maul- und Klauenseuche wurde die Arbeit schon 1946 wieder aufgenommen. Auch in DDR-Zeiten standen die MKS, die Schweinepest, Erreger von Geflügelseuchen und anderen Viruskrankheiten im Mittelpunkt der Arbeit. Nach der Wiedervereinigung wurden die Institute auf Riems als Bestandteil der Bundesforschungsanstalt für Viruskrankheiten der Tiere neu gegründet.

Im Jahr 2001 kam im Zuge der BSE-Krise das Institut für neue und neuartige Tierseuchenerreger auf Riems hinzu. Auf dem abgeschirmten Eiland nahe der Universitätsstadt Greifswald arbeiten etwa 240 Mitarbeiter, davon gut ein Fünftel Wissenschaftspersonal. Bis zum Jahr 2010 sollen auf der Insel für 150 Millionen Euro neue Labor- und Stallbereiche gebaut werden. Damit entsteht das modernste Tierseuchenforschungsinstitut Europas. Gleichzeitig sollen die Standorte Tübingen und Wusterhausen aufgegeben und auf die Insel verlagert werden.

Wie arbeiten Sie mit dem Robert-Koch-Institut [RKI, Anm. d. Redaktion] und den Ministerien zusammen?

Die Zusammenarbeit zwischen RKI und FLI ist sehr eng. Das RKI konzentriert sich auf die humanmedizinischen Fragen der Vogelgrippe, wir auf die tiermedizinischen. Zum Beispiel entwickeln wir Diagnose-Schnelltests oder erforschen die Übertragbarkeit des Virus zwischen Vögeln und auch von Vögeln auf andere Tiere.

Das RKI berät das Bundesgesundheitsministerium, das FLI das Verbraucherministerium.

Arbeiten Sie an einem Impfstoff für Vögel?

Ja, es gibt einen Prototypen, der auch recht gut funktioniert. Allerdings ist er noch nicht einsatzbereit. Das dauert noch.

Sollte man nicht jetzt großflächig impfen, bevor die Seuche im Land ist?

Nein. Eine Impfung ist nur dann angebracht, wenn die Seuche droht außer Kontrolle zu geraten oder schon unkontrollierbar ist, wie derzeit in Südost-Asien und China. Dann können Impfmaßnahmen dazu beitragen, die Seuche wieder in den Griff zu bekommen. Man muss aber bedenken, dass geimpfte Tiere immer noch infiziert werden können und dass sich das Virus auch schneller verändert, wenn geimpft wird. Deshalb bleibt unsere Strategie jeden Ausbruch schnell zu erkennen und sofort zu eliminieren, wie das ja 2003 in Viersen auch gut geklappt hat.

Wie schnell verändert sich das Virus? Macht es überhaupt Sinn einen Impfstoff zu entwickeln?

Ja durchaus. Grippeviren verändern sich generell schnell, aber das Virus ist dem asiatischen Vogelgrippe-Virus immer noch sehr ähnlich. Einen Impfstoff kann man auch anpassen.

Wie hoch ist das Risiko der Einschleppung durch illegale Tiertransporte?

Vorletzten Oktober wurden zwei Kleinadler nach Europa geschmuggelt, die infiziert waren. Das sind natürlich spektakuläre Fälle, sie zeigen aber das Einschleppungsrisiko. Sorgen macht uns aber auch das Mitbringen von Fleisch aus den betroffenen Gebieten. Es sind erhebliche Mengen, die da an den Grenzen konfisziert werden. Hier hilft neben verstärkten Kontrollen hauptsächlich die Aufklärung.

Thomas Mettenleiter ist Präsident des Friedrich-Löffler-Institutes Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit

Interview: Jens Lubbadeh

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