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Fremdsprachen-Akzent-Syndrom Wenn man urplötzlich seine Muttersprache nicht mehr beherrscht

Eine Frau hält sich den Finger vor den Mund
Deutscher Akzent gleich feindliche Spionin: Einer Norwegerin wurde das seltene Frenmdsprachen-Akzent-Syndrom im Zweiten Weltkrieg zum Verhängnis
© Picture Alliance
Ein Italiener spricht nach einer Hirnerkrankung plötzlich nur noch Französisch. Er leidet an einer seltenen Form des Fremdsprachen-Akzent-Syndroms. Der Fall ist spektakulär, aber er ist nicht einzigartig.

Für die Betroffenen ist es psychisch schwerst belastend, für Mediziner und Wissenschaftler ein noch immer nicht eindeutig geklärtes Phänomen: das sogenannte Fremdsprachen-Akzent-Syndrom, kurz FAS. Die extrem seltene neurologische Erkrankung, weltweit sind nur etwa 60 Fälle dokumentiert, äußert sich meist in einer veränderten Sprachmelodie des Patienten, die das Umfeld als ausländischen Akzent wahrnimmt. Das FAS tritt in der Regel als Folge von Hirnschädigungen auf, die beispielsweise durch Schlaganfälle, Hirnblutungen oder auch durch -tumore verursacht wurden.

Jüngst sorgte der Fall eines Italieners für Aufsehen. Anders als "typische" FAS-Patienten spricht der 50-Jährige jedoch kein ungewöhnlich akzentuiertes Italienisch, sondern ausschließlich Französisch. Und das, obwohl er die Sprache lediglich in der Schule gelernt und anschließend fast 30 Jahre nicht mehr angewendet hatte.

Damit nicht genug: Auch entwickelte der Mann offenbar im Zuge einer Durchblutungsstörung im Hirnstamm plötzliches Interesse für die französische Kultur, schrieben den Fall erforschende Wissenschaftler im Fachmagazin "Cortex".

Norwegerin für deutsche Spionin gehalten

In den bislang dokumentierten FAS-Fällen hingegen bleiben die Betroffenen ihrer Muttersprache meist treu und sorgen vielmehr durch ihren Akzent für verdutzte Reaktionen ihres Umfelds oder Außenstehender. Einige bekannte Beispiele aus der Vergangenheit:

  • Den ersten mutmaßlichen FAS-Fall machte der französische Neurologe Pierre Marie bereits 1907 publik. Er berichtete von einer Pariserin, die nach einem Schlaganfall nicht nur rechtsseitig gelähmt war, sondern im Zuge der Durchblutungsstörung ihres Gehirns plötzlich mit einem elsässisch klingenden Akzent sprach.
  • Deutlich mehr Details sind über die Norwegerin Astrid L. bekannt, die 1941 bei einem deutschen Luftangriff durch einen Granatsplitter am Kopf verletzt wurde. Zwar lernte sie mit der Zeit wieder flüssig und ohne Grammatikfehler zu sprechen, jedoch hatte sich ihr Tonfall durch den Vorfall verändert - mit unangenehmen Folgen: Ihre Landsleute erinnerte ihre Sprachmelodie an einen deutschen Akzent, man hielt L. daraufhin für eine feindliche Spionin.
  • Die Thüringerin Sabine Kindschuh erlitt 2005 einen Schlaganfall. Als sie wieder aufwacht, spricht die Frau aus Oberalba - obwohl sie noch nie in der Schweiz war - plötzlich Deutsch mit starkem schweizerischen Dialekt. Ihr Umfeld wendet sich damals teilweise von ihr ab, weil es vermutet, Kindschuh veralbere sie. Ihr Fall wird 2013 bekannt.
  • 2006 berichtet die BBC über die Britin Linda Walker, die nach einem Schlaganfall plötzlich mit einer Intonation sprach, die einige als jamaikanisch, andere als slowakisch gefärbtes Englisch wahrnahmen. Die damals 60-Jährige erklärte gegenüber dem Sender, dass ihr Mitbürger seitdem immer wieder ungefragt helfen wollten, weil sie für eine Ausländerin hielten.
  • Die US-Amerikanerin Cindy Romberg ließ sich 2008 wegen eines Nackenproblems von einem Chiropraktiker behandeln. Die Folge: Romberg sprach mit russischem Akzent und machte zudem für russische Englischschüler typische Grammatikfehler.
  • Nach einer Zahn-OP im November 2009 sprach die ebenfalls aus den USA stammende Karen Butler von einem auf den anderen Tag ihre Muttersprache mit einem Tonfall, den manche als osteuropäisch, andere als schwedisch oder britisch empfanden.
  • 2010 wachte die Britin Kay Russell nach einer schweren Migräne Attacke mit einem französischen Akzent auf, wie die Lokalzeitung "Gloucester Echo" berichtete. Kurz zuvor war bereits der Fall einer ebenfalls aus England stammenden IT-Managerin Sarah Colwill bekannt geworden. Obwohl die Frau China nie besucht, geschweige denn die Sprache gelernt hatte, kommunizierte sie nach einem Migräne-Anfall mit einem stark chinesischem Akzent.
mod

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