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Ansteckungsgefahr: Kindheit in der Corona-Krise: Warum Gesundheitsämter keine kompletten Kita-Gruppen testen

Die Tochter einer Hamburger Lehrerin hat mit einem Corona-infizierten Kind gespielt. Doch das Gesundheitsamt testet weder das Mädchen noch die Nachbarn oder die Kita-Kinder. Warum nicht? Die Antwort ist so nachvollziehbar wie ernüchternd.

Dieses Video der Firma Meditricks erklärt Kindern das Coronavirus

Eigentlich eine Situation zwischen Alltag und Ausnahmezustand: In einem Garten in Hamburg spielen ein paar Nachbarskinder, hüpfen auf dem Trampolin. Plötzlich trudelt eine SMS auf das Handy einer Mutter ein: Ihre Tochter sei positiv auf Corona getestet worden, heißt es darin. Im beginnenden Frühling 2020 keine Schocknachricht, aber auch nicht schön. Nun warten auf Nachwuchs und Eltern zwei Wochen Quarantäne – im besten Fall. Im schlechteren kommt auch noch die Krankheit dazu. Doch was ist mit Nachbarn, deren Kindern und denen aus der Kita? Haben sie sich angesteckt? Sollten sie nicht zumindest getestet werden?

Trotz bekannter Infektion wird nicht getestet

Das Gesundheitsamt Hamburg-Altona findet: nein. Es sei "medizin-infektiologisch und epidemiologisch unsinnig" ganze Kindergarten-Gruppen zu testen und werde im Übrigen auch nirgendwo praktiziert, teilt die Behörde der Nachbarin des infizierten Kindes, Lena Cordes, nach einigen Tagen mit. "Ich finde das nicht zufriedenstellend", sagt die Lehrerin. "Wer weiß denn, ob und wie viele Menschen in den letzten Tagen allein über den Kindergarten angesteckt worden sind?" Sie wisse nicht, ob eines oder beide ihrer Kinder nun auch infiziert seien. "Aber bei uns hängt da einiges dran. Wie soll jetzt mein Partner mit seinen anderen Kindern aus seiner vorherigen Beziehung umgehen?" Auf eine Nachfrage des stern hat das Gesundheitsamt bislang nicht geantwortet. 

So verständlich der Wunsch nach Klarheit ist, leider spielt die Medizin nicht mit. Gleich mehrere Faktoren stehen Massen-Coronatests derzeit entgegen: zum einen die entsprechenden Empfehlungen des Berliner Robert-Koch-Instituts (RKI). Laut der Schaltzentrale für die Pandemie-Bekämpfung, kommen neben Älteren und chronisch Kranken, zwei Gruppen für Checks infrage: Personen, die Kontakt mit einem bestätigt-Infizierten hatten und Symptome wie anhaltenden Husten, Atemnot, Fieber, Gliederschmerzen, Schüttelfrost, Kopf- und/der Halsschmerzen, Durchfall oder Schnupfen aufweisen. Ebenfalls testen lassen sollten sich alle, die unter diesen (oder auch nur einige dieser) Beschwerden leiden und in den letzten zwei Wochen in einem Risikogebiet waren. Dazu zählen neben Nordrhein-Westfalen China, Iran, Südkorea, Frankreich, Italien, Österreich, Spanien und Teile der USA (die Bundesstaaten New York, Kalifornien, Washington).

Labore an der Leistungsgrenze

Der Hauptgrund für Einschränkung sind die Labor- und Testkapazitäten: Der mittlerweile prominente Virologe Christian Drosten von der Berliner Charité sagt im NDR-Podcast, dass wir jetzt schon kaum noch mit dem Testen hinterherkämen. "Die Epidemie verbreitet sich exponentiell und die Labore sind an der Leistungsgrenze", so der Mediziner. Größere Labore könnten zwischen 500 bis 1000 Proben am Tag untersuchen, kleinere 100 bis 200. "Mit größten Anstrengungen würden wir die Zahl vielleicht noch um 30 Prozent steigern können. Während sich gleichzeitig die Anzahl der Infizierten pro Woche verdoppelt."

Ähnlich äußert sich Bundesgesundheitsminister Jens Spahn: "Wir schaffen es nicht, hunderttausende Bundesbürger jeden Tag zu testen, obwohl wir mit die meisten Test-Kapazitäten auf der ganzen Welt haben." Mittlerweile machen Vorschläge die Runde, auch Labore von niedergelassenen Medizinern, wie etwa Tierärzte für die Untersuchungen hinzuziehen. Viele Bundesländer und Städte haben zudem so genannte Drive-in-Zentren eingerichtet. Dort können Patienten nach Rücksprache mit ihrem Arzt oder dem Gesundheitsamt vorbeifahren, für einen Abstrich das Fenster herunterkurbeln und danach wieder nach Hause zurückkehren. Das Ergebnis gibt es ein paar Tage später per Telefon.

Am besten alle 14 Tage in Quarantäne

Schwierigkeiten hat nach eigenen Angaben auch die Pharmaindustrie. Sie kommt mit der Produktion der Corona-Tests kaum noch hinterher. "Die Nachfrage übersteigt das Angebot bei Weitem", sagte Severin Schwan, Chef des Schweizer Pharmaunternehmens Roche, auf einer Pressekonferenz des Dachverbands der Pharmafirmen, IFPMA. Breites Testen sei einfach nicht möglich." Roche hatte als eine der ersten Firmen eine für einen hochautomatisierten Coronavirus-Test bekommen. Damit können innerhalb von 24 Stunden bis zu 4000 Proben auf das Virus Sars-CoV-2 getestet werden. Die Kapazitäten würden stündlich hochgefahren, sagte Severin. Auf Monatsbasis stünden inzwischen Tests im zweistelligen Millionenbereich zur Verfügung.

Nicht besonders hilfreich ist zudem, dass die Corona-Pandemie mit der für diese Jahreszeit üblichen Grippesaison zusammenfällt - und beide Infektionen ähnlich verlaufen können. "Wer Symptome einer Erkältungskrankheit verspürt, wie Halsschmerzen und Schnupfen, hat wahrscheinlich keine Sars-CoV-2-Infektion, sondern einen grippalen Infekt, der bei normalem Verlauf keiner ärztlichen Behandlung bedarf", sagt der Virologe John Ziebuhr von der Uni Gießen der Tagesschau. Sein Kollege Christian Drosten fordert deshalb, Prioritäten zu setzen: "Wir müssen die Diagnostik gezielter für Risikogruppen einsetzen, also Alte und Menschen mit Vorerkrankungen. Jüngere dagegen, die angesteckt sein könnten, ob mit oder ohne Symptome, werden zusammen mit ihren Familien und Mitbewohnern als positiv eingestuft und müssen 14 Tage in Quarantäne gehen." Für Lena Cordes und ihre Familie ist vermutlich auch das keine zufriedenstellende Antwort.

Die Charité hat eine App zur Verfügung gestellt, mit der Sie prüfen können, ob ein Corona-Test sinnvoll ist. Das Programm liefert keine Diagnose, sondern empfiehlt nur, ob Sie sich beim Gesundheitsamt melden sollten oder nicht.

Quellen: Bayerischer Rundfunk, NDR, RKI, DPA, Tagesschau

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