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Leistungsdruck: Bye-bye, Superman!

Mit aller Kraft versuchen wir, unser Leben zu optimieren - und machen uns mit unserem Streben nach Perfektion erst recht Druck. Alles läuft leichter, wenn wir uns mit der eigenen Unvollkommenheit anfreunden.

Auf den ersten Blick sieht er harmlos aus. Ein Jedermann mit bravem Sakko und gebügeltem Hemd in Eierschale. Einer, der wie so viele andere versucht, sich mit dunklem Brillengestell ein wenig Akzent zu verleihen. Doch wenn er loslegt, gibt es kein Halten mehr. Vergangene Stationen seines Lebens: im Sekundentakt. Gegenwärtige Pläne: im Zehntelsekundentakt. Künftige Ideen: im Millisekundentakt.

Marcel Matt, Jurist im Referendariat, BWL-Student, Pressesprecher beim Technischen Hilfswerk in Kiel, Gründer diverser Start-ups, CDU-Freizeitpolitiker, liebender Freund, engagierter Sohn und verlässlicher Kumpel - Marcel Matt, dieser freundliche 28-Jährige ist: die personifizierte Höchstleistung. "Ich will immer mein Bestes geben", sagt er. Und: "Ich fühle mich eben wohl, wenn ich etwas leiste." Und: "Man muss nach Perfektion streben, sonst kommt man nicht weit." Früher, mit Anfang 20, wollte er Topmanager oder Außenminister werden - egal, Hauptsache wohlhabend und mächtig. Heute geht sein Perfektionismus noch ein Stück weiter. Heute will er nicht weniger als: "Gutes vollbringen".

Marcel Matt möchte ganz zeitgemäß ein ökologisches und soziales Unternehmerleben führen, mit Wohlstand und Spaß, aber gutem Gewissen. Auf dem Weg dorthin sollte jedes Seminar an der Uni zumindest den Lebenslauf optimieren, jeder neue Kontakt für das soziale Netzwerk nützlich sein, jede Zugfahrt mit horizonterweiternder Lektüre genutzt werden. Und wenn Matt doch mal einen schnöden Krimi liest, dann nur, "weil es wichtig ist, sich auch mal zu erholen".

Born to perform

In diesem brennenden Ehrgeiz, sein Leben perfekt zu meistern, haftet Marcel Matt etwas fast schon Irres an. Doch zugleich, und das lässt in manchen Momenten des Gesprächs erschaudern, ist er ein ganz normales Kind unserer Zeit. Eines, das die Slogans der Leistungsgesellschaft tatsächlich lebt. Leistung aus Leidenschaft. Born to perform. Sind wir nicht alle ein bisschen Marcel Matt?

Egal ob in Job, Familie oder Freizeit - der ordentliche Deutsche im Jahr 2010 kontrolliert, perfektioniert und optimiert jeden Winkel seines Seins. Er redet nicht, er kommuniziert. Er lädt nicht zu Spaghetti ein, er veranstaltet das perfekte Dinner. Und sollte er tatsächlich erzählen, er habe am Abend einfach so abgehangen, dann hat er sein Leben nicht im Griff. Im Jahr 2010 hängt niemand einfach so ab. Man schafft sich Raum für die innere Balance - und die ist bekanntlich unerlässlich für Energie und Leistung im Job.

Wir sind zu Profis in jeder Lebenslage geworden. Formen das Leben als Gesamtkunstwerk. Alles zugleich. Alles komplett. Alles perfekt? Nein. Wir werden irre daran.

Vier von fünf Deutschen klagen über zu viel Stress. Jeder Sechste unter 60 schluckt mindestens einmal pro Woche eine Pille für die Seele - gegen Depression, gegen Schlaflosigkeit oder für ein bisschen mehr Antrieb im anstrengenden Alltag. Die Deutschen, wohlhabender, freier und sicherer als die meisten anderen Völkchen der Erde, sie leiden an ihren Ängsten inmitten eines sehr komfortablen Lebens. Sie fürchten sich vor Konkurrenz, vor Fehlern, vor Abstieg.

"Aussehen, Beruf, Erziehung der Kinder, alles wird verglichen mit einem medial inszenierten Idealbild. Das fördert perfektionistische Zwänge", sagt Wolfgang Schmidbauer, Autor des Buches "Dranbleiben - die gelassene Art, Ziele zu erreichen". Der Psychoanalytiker diagnostiziert Unsicherheit als herrschendes Lebensgefühl in der postmodernen Gesellschaft.

Mangelndes Selbstbewusstsein

Angst vor den eigenen Grenzen. Sehnsucht nach Anerkennung. "Perfektionismus dient dazu, den Mangel an Selbstwert auszugleichen, beim Individuum genauso wie in einer Gesellschaft", sagt er. Das Streben von Perfektionisten sei nicht an der Realität orientiert, sondern an einer Utopie. Man verleugne das Fehlerhafte, die Unvollkommenheit.

Gerade die deutsche Gesellschaft leide am "Hai-Syndrom", wie es Schmidbauer nennt: Haie müssen ständig in Bewegung bleiben, weil sie keine Schwimmblase haben und ohne Bewegung sinken würden. Perfektionismus aus Angst vor dem Untergang?

Laut einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung wird in Deutschland inzwischen eher ab- als aufgestiegen. Seit der Jahrtausendwende verstärkt sich dieser Trend, und seit die Wirtschaftskrise 2008 aus den USA nach Europa schwappte, wird auch unsere gesättigte Mitte von Panik vor dem Absturz in die Kaste der Hartz-IV-ler erfasst. Ohne ein Wachstum von mindestens drei Prozent jährlich, warnt eine Studie der Unternehmensberatung McKinsey, wird in zehn Jahren weniger als die Hälfte der deutschen Bevölkerung noch ein Einkommen auf dem heutigen Durchschnittsniveau haben.

Der Lauf um die Zukunft

Wer sich anstrengt, wird schon einen Platz auf dem Sonnendeck ergattern: Dieses alte Versprechen, das Fundament der Bundesrepublik, hat an Glaubwürdigkeit verloren. Während die Mittelschicht verbissen im Dauerlauf um ihre Zukunft rennt, bleibt dem schon abgehängten unteren Fünftel der Gesellschaft wenig mehr als die Hoffnung auf einen kurzen, schmerzhaften Sprint.

Abend für Abend lassen sich die Gescheiterten und Chancenlosen der Republik in diversen Castingshows an Leib und Seele optimieren. Einmal im Rampenlicht. Einmal ein Fitzelchen vom perfekten Leben schmecken. Hey Baby, mach du dich nackig - dann mach ich dich zum Star!

Einer, der mit dieser Verheißung sehr viel Geld verdient, ist der Berliner Detlef D! Soost, Dance-Guru und Juror der Castingshow "Popstars". Früher war er ein schwarzes Heimkind in der DDR mit schwerkranker Mutter und jeder Menge Komplexen. Heute hoffen Hunderttausende Jugendliche, dass dieser "D!" (sprich: "Die!"), wie er sich nennt, sie zum Star schleifen wird.

Es ist nicht so, dass Soost der härteste aller harten Schleifer wäre. Wenn man ihm gegenübersitzt in seiner lichten Berliner Fabriketage, dann spürt man in seinen Erzählungen Sympathie und Verständnis für die Kandidaten. Doch er verfolgt eine pädagogische Mission für die Abgeschlagenen der Gesellschaft: Du musst hart arbeiten! Du musst dein Bestes geben! Du musst deine Ziele unerbittlich verfolgen! Dann kannst du die Sterne vom Himmel holen. Detlef D! Soost predigt Ehrgeiz, Leistung, Leidenschaft.

Sein Rezept klingt wunderbar einfach: "Gib hundert Prozent, und wenn das nicht reicht, dann beißt du eben die Zähne zusammen und legst noch eine Schippe drauf." Wer für sein Ziel nicht bereit ist zu leiden: ein Loser. Haben die D!s dieser Welt recht? Ist es ohne permanente Perfektionierung des Ich unmöglich, hohe Standards zu erreichen?

Irrsinn der deutschen Gesellschaft

"Völliger Quatsch. Natürlich kann man gute Leistung erbringen, ohne sich dabei fertigzumachen", sagt Heinz Golling, "doch scheint dies eine deutsche Tugend zu sein: Musterschüler mit der Tendenz zum 120-Prozenter!" Golling ist Psychoanalytiker und Facharzt für Psychosomatik mit Praxis in München und Chefarztsessel in der Privatklinik Kronprinz in Prien am Chiemsee. Spezialität: Burnout. Seit Jahrzehnten beobachtet er mit Hingabe den Irrsinn der deutschen Gesellschaft.

"Diese tief verwurzelte Aversion gegenüber allem Durchschnittlichen, das pathologische Streben nach Höchstleistung, das sind alte deutsche Traditionen", sagt er. Wenn ein Deutscher den Nobelpreis überreicht bekomme, überlege er schon während der Dankesrede, welch höhere Weihen ihm noch fehlten.

Golling fand die Deutschen immer schon "zwanghaft", aber in den vergangenen Jahren hat er eine neue Entwicklung beobachtet. "Früher quälten sich die Deutschen mit ihrer Versessenheit auf das Umfassende, das Universale. Heute arbeiten sich viele nur noch an einem formalen Perfektionismus ab. Kurzatmig. An der Oberfläche. Hetzen von Projekt zu Projekt, das ganze Leben als ein großes Projekt jenseits von Tiefe und Innerlichkeit", sagt Golling.

Diese Menschen sind ihm allesamt suspekt. "Der Genuss, das Menschliche mit seinen Schwächen und Brüchen, all das ist diesen postmodernen Power-Perfektionisten fremd. Doch das geht irgendwann ans Eingemachte der Seele. Das ist nicht gesund", sagt Golling.

Mediziner sind sich einig, dass Perfektionisten stärker unter verschiedenen gesundheitlichen Beschwerden leiden. Perfektionistisch veranlagte Frauen erleiden signifikant häufiger einen Hirnschlag. Auch Migräne, Herzleiden, Hörsturz, Schlafstörungen, Reizdarm, chronische Erschöpfungszustände, Depressionen oder Angst- und Zwangsstörungen quälen besonders diejenigen, die sich nie zufrieden geben können. Denn der Körper eines Perfektionisten erlebt im Alltag zu viele Situationen wie eine schwere Prüfung. Dann steigt der Puls, der Atem wird schneller, das Blut rast durch die Adern, Stresshormone in Massen, Schwitzen, Zittern - der ganze Körper: im Alarmzustand.

Im verkrampften Kampf um das Unerreichbare verliert alles Erreichte seinen Reiz. Perfektionisten befinden sich stets auf der Suche nach Fehlern. Nach Mängeln. Nach einem noch so unwichtigen Flohstich, der juckt. Und dann kratzen sie. Bis es blutet.

Keine Angst vor Fehlern

Köln an einem kalten Mittwochvormittag im Januar. "In Unternehmen findet man Perfektionisten eher auf den mittleren Ebenen. Topmanager dürfen nicht perfektionistisch sein. Sie dürfen keine Angst davor haben, Fehler zu machen. Dafür müssen sie schlicht zu viel entscheiden", sagt Ralph Goldschmidt.

Goldschmidt ist Trainer und Coach für Führungspersonal in vielen Dax-30-Unternehmen. Auf seiner Homepage wirkt er wie einer dieser Quanten-Quassler, die das Beratungsgeschäft bevölkern. Er hält Motivationsreden in gut gefüllten Hallen und verspricht mit freundlichem Grinsen: "Leistungskraft und Lebensglück".

Doch schon in der ersten Sekunde, in der Goldschmidt die Lobby des Hotels betritt, wird klar: Dieser Manager-Coach ist kein getriebener Kurzatmer, sondern einer, der gut aufgehoben in einem angenehmen Leben scheint. Er lacht viel und ausgiebig, wirkt erholt.

Seinen ersten Motivationsvortrag hielt Goldschmidt auf einem Kreuzfahrtschiff in der Karibik. Die Einladung hatte er mehr aus Lust angenommen. In seiner Kajüte las er ein paar Artikel, notierte einige Gedanken - und hielt schließlich einen guten, unterhaltsamen Vortrag. Wieder in Köln angekommen, beschloss er, richtig einzusteigen in das Coaching-Geschäft. Er besorgte sich Dutzende Bücher und vergrub sich für mehrere Wochen in Recherchen. "Aber das, was nach all der mühevollen Arbeit herauskam, war kaum besser als mein Auftritt auf dem Kreuzfahrtschiff", sagt er.

Damals hatte Goldschmidt zum ersten Mal das Pareto-Prinzip am eigenen Leib erfahren. Das von den Theorien des italienischen Ökonomen Vilfredo Pareto abgeleitete Prinzip besagt, dass wir 80 Prozent unserer Aufgaben in 20 Prozent der Zeit erledigen. Das heißt: Wer eine Aufgabe zu 100 Prozent erfüllen möchte, muss auf die letzten 20 Prozent unvergleichlich viel Kraft verwenden. Eigentlich verrückt.

Die ständige Angst vorm Scheitern

Könnten also nicht auch 80 Prozent mal genügen? Könnten wir nicht alle mal ein bisschen entspannen? Mal durchatmen? Perfektionisten können genau das eben nicht. "In jedem Unternehmen gibt es diese Controllertypen, die bis auf die letzte Kommastelle alles genau durchdringen. Doch die dürfen niemals Chef werden. Die lähmen sich viel zu sehr im Kleinklein. Sie haben ständig Angst zu scheitern", sagt Goldschmidt.

Was passiert, wenn Aufwand und Ertrag in keinem sinnvollen Verhältnis mehr stehen, beschreiben die amerikanischen Psychologen Robert Yerkes und John Dodson. Die Leistungskurve müsse man sich wie ein umgedrehtes U vorstellen: Mit der eingesetzten Energie steigt zunächst der Erfolg, allerdings nur bis zum Scheitelpunkt. Dahinter bringt Mehraufwand nichts. Die Leistung stagniert nicht nur, sie fällt ab.

Hallenbad im Olympiastützpunkt Berlin-Hohenschönhausen. Die große, junge Frau am Beckenrand ist einer der wenigen Menschen, die es tatsächlich geschafft haben, ihren Traum zu verwirklichen. Mit 26 Jahren hat Britta Steffen alles erreicht: Olympiasiegerin, Weltmeisterin, Weltrekordlerin. Doch vor diesen goldenen Erfolgen wäre sie um ein Haar gescheitert. An sich selbst. Ausgelaugt und entnervt schmiss sie 2004 alles hin. Damals galt sie als die ewige Trainingsweltmeisterin. Talentiert. Ehrgeizig. Technisch perfekt. Doch in den entscheidenden Momenten versagte sie. Kurz vor dem Rennen stellte sie sich vor, wie sie sich gleich am Wasser verschlucken würde. Überlegte schon die Worte, mit denen sie ihre erneute Niederlage erklären könne. "Ich trainierte wie eine Berserkerin. Powerte beim Höhentraining wie irre, machte die Jungs platt, und beim Rennen schwamm ich dann hinterher wie eine Eiche", erzählt sie.

Als sie nach einem Jahr Pause entschied, es doch noch einmal zu versuchen, schloss sie mit ihrem Trainer einen Vertrag. Nie wieder auf die Waage zwingen. Neue Wege beim Training gehen. Echte Erholungsphasen, wenn sie erschöpft ist. Plötzlich verschwand der Krampf. Und sie schwamm Rekorde. Medaillen. Olympiasieg. Selbst, dass dieser Erfolg nach der langen Pause auch kritische Fragen aufwarf - mit diesem Misstrauen konnte sie umgehen. Sie schwamm einfach darüber hinweg. "Früher fehlte mir jede Lockerheit", sagt sie, "heute kann ich auch mal loslassen. Das macht mich stärker." Und: "Heute weiß ich: Viel hilft eben doch nicht viel."

Franziska Reich / GesundLeben

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