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Science-March: Forscher gegen Trump: "Wir sind auf dem Weg zurück ins Mittelalter"

Die USA zählen zu den führenden Forschungsstandorten. Unter der Trump-Regierung könnte sich das ändern: Etats werden gekürzt, unerwünschte Projekte ausgehebelt. Forscher fürchten Rückschritte im Kampf gegen Krankheiten wie Krebs. Nun erheben sie sich gegen Washington.

Wissenschaftler demonstrieren am 19.02.2017 in Boston, USA, gegen die Trump-Regierung.

Bereits im Februar protestierten Forscher, wie hier in Boston, gegen "alternative Fakten"

Der kleine Mann mit der grünen Fliege knetet nervös seinen Kaffeebecher. Vor ihm auf dem Tisch liegen Papierfetzen, die er aus dem Rand herausgepickt hat. Robert Cook-Deegan wischt sie zusammen, lächelt unsicher und sagt dann einen Satz, den man in Nordkorea aber nicht den erwartet: "Ich habe Angst als Wissenschaftler unter Präsident Trump nicht mehr frei arbeiten zu können." Danach wägt er jedes seiner Worte, nur langsam kommt er ins Reden. Cook-Deegan ist Molekularbiologe und hofft, Therapien gegen Krebs oder Alzheimer voranzutreiben. Jetzt aber spricht er von Etatkürzungen, Redeverboten für Forscher und dass Präsident Trump Wissenschaft nicht vertraue, gar verabscheue. "Wir müssen uns wehren", sagt er dann.

In Amerika scheint die Zeit reif für einen Aufstand. Seit Monaten rufen Forscher, Wissenschaftler und Mediziner auf Facebook, Twitter und Instagram zum Widerstand auf. Zum ersten Mal in der langen Geschichte der USA werden sie nun mit einer großen Demo öffentlich gegen die Politik eines Präsidenten ihre Stimme erheben. Am morgigen Samstag wollen sie beim " for Science" in Washington gegen Trump, die Vernichtung von Daten und Schließung von Forschungsprogrammen protestieren. Ihr Vorbild ist der "Women´s March" vom Januar. Mehr als 500 Protestzüge soll es diesmal in den USA und weltweit geben. Auch in Berlin ist einer angemeldet. Die Veranstalter träumen von einem ähnlichen Erfolg wie dem der Frauenmärsche mit mehr als vier Millionen Teilnehmern. Robert Cook-Deegan zögert noch, ob er mit auf die Straße gehen soll. Schließlich, so glaubt er, stehe dann seine berufliche Zukunft auf dem Spiel. "Ich habe Sorge, wer sich mit Trump anlegt, kann schnell zur Zielscheibe werden", sagt er.

"Trump führt einen Krieg gegen uns"

Trump, der Zerstörer. Der Schaden, den er dem Forschungsstandort USA zufügen kann, ist riesig. Gretchen Goldman, von der Vereinigung besorgter Wissenschaftler erklärt im Gespräch mit dem stern: "Wissenschaft und Medizin werden hierzulande traditionell in großen Teilen von der Regierung gefördert und Forschung oft in Behörden betrieben." Sie warnt: "Trump führt einen Krieg gegen uns."

Bei seiner ersten Rede vor dem Kongress schwärmte Trump noch von den technologischen Triumphen und Errungenschaften der USA. Er träumte von "Heilung für Krankheiten die uns schon lange heimsuchen" und "Fußabdrücken von Amerikanern in fernen Welten." Das hörte sich gut an. Aber die Realität ist eine andere. Die Technologie-Abteilung des Weißen Hauses, die den Präsidenten vor Entscheidungen mit Informationen versorgt, schrumpfte auf einen Mitarbeiter. Unter waren es noch 24. Behörden wurden gezwungen, Seiten über den Klimawandel und zum Umweltschutz zu löschen. Öffentlich äußern dürfen sie sich auch nicht mehr. Einen wissenschaftlichen Berater, wie für amerikanische Präsidenten üblich, hat Trump auch nach Monaten im Amt nicht berufen.

Acht Jahre hatte John Holdren diesen Posten unter Obama inne. Der Harvard-Professor und Experte für Klimawandel geht an diesem Morgen mit langen Schritten durch das Foyer des Radisson Hotels in Boston. In der rechten Hand hält der bärtige Mann eine Aktentasche, in der linken ein Manuskript. Gleich soll er vor Ärzten einen Vortrag über Trump halten. Er bleibt stehen und redet so laut, dass es alle, die vorbei gehen, hören können: "Ein Präsident ist mit komplexen Problemen aus allen Bereichen konfrontiert, er braucht gute Berater, er braucht Informationen, nur so kann er kluge Entscheidungen treffen."

Während er weiter läuft, warnt er, wie gefährlich es sei, wenn Trump sich brüstet, sein Wissen von rechtslastigen TV-Sendern wie FOXNews oder Webseiten wie Breitbart zu bekommen. Vorm Sitzungssaal stoppt John Holdren noch einmal und sagt: "Fernseh-Sendungen und Talkshows reichen alleine als Basis für Entscheidungen nicht aus. Wir sollten uns auf sehr harte Zeiten einstellen."

Trump setzt auf Kohle statt auf Solar- und Windkraftwerke

Wie er zu dem Schluss kommt? Schnell antwortet Holdren: "Trump glaubt, dass Impfungen Autismus hervorrufen. Seine Beraterin Kellyanne Conway sagt, dass Mikrowellen uns ausspionieren. Und Bauminister Ben Carson denkt, die Pyramiden von Gizeh seien vom biblischen Josef als Kornspeicher gebaut worden."

Unter Trump heißt solcher Quatsch inzwischen "alternative Fakten". Leider fallen sie auch in der amerikanischen Bevölkerung auf fruchtbaren Boden. Eine antiwissenschaftliche Einstellung verbreitet sich in weiten Teilen der Gesellschaft rasant. Das Vertrauen der Amerikaner in Zahlen, Daten, Messreihen und Fakten ist in den letzten Jahren stetig gesunken. Tatsachen müssen mit politischen, ideologischen und vor allem religiösen Überzeugungen konkurrieren. Ein Beispiel: Nicht einmal mehr die Hälfte aller US-Bürger glaubt an Charles Darwins Evolutionstheorie. Als kürzlich der Basketball-Star Kyle Irving behauptete, die Erde sei eine Scheibe, fand er im Internet für seine Meinung sogar Zustimmung.

Trump hat in den ersten drei Monaten seiner Amtszeit schon großen Schaden angerichtet. Er regiert mit den Mitteln der "Executive Orders" (EO), Verordnungen des Präsidenten, die ohne Zustimmung des Kongresses in Kraft treten. Seiner Meinung nach ist der ja eine Erfindung der Chinesen, die noch dazu Jobs kostet. "Maßnahmen dagegen sind nur eine Verschwendung von Geld", ließ die Regierung kürzlich mitteilen. Deswegen ordnete Trump per EO an, dass Autos wieder mehr Abgase ausstoßen dürfen. Außerdem stoppte er den "Clean Power Plan" Obamas. Dieser sah die Schließung von Kohlekraftwerken und den Bau von Solar- sowie Windanlagen vor. Er galt als wesentlicher Teil der Bemühungen der US-Regierung, das Pariser Klimaabkommen zu erfüllen.

Über wissenschaftliche Erkenntnisse setzt er sich hinweg. So zum Beispiel, als die Umweltbehörde EPA nun unter seiner Regierung die Nutzung des Pestizids Chlorpyrifos erlaubte. Es gilt sogar unter den bei der Behörde angestellten Wissenschaftlern als gesundheitsgefährdend. Oder als Trump sich mit dem Impfgegner Robert F. Kennedy in New York traf und ihm in Aussicht stellte, er könne bald eine Regierungskommission zur Überprüfung der Schädlichkeit von Impfungen leiten.

Unter dem Unternehmer Trump geht es längst um die grundsätzlichen Fragen, wie viel der US-Regierung Forschung und Technologie in Zukunft wert sein wird und ob der Staat sie weiter mit Steuergeldern fördern will. Bislang waren sich Republikaner und Demokraten einig, dass dies eine zentrale Regierungsaufgabe sei. Kein Wunder, immerhin waren die Bereiche seit dem Zweiten Weltkrieg für mehr als die Hälfte des Wirtschaftswachstums in den USA verantwortlich. Mit Trumps Etat - der noch vom Kongress genehmigt werden muss - könnte sich das ändern. Statt Wissenschaftler soll nun das Militär das Geld bekommen. Viele fürchten das Ende der Forschungsnation Amerika.

Die Umweltbehörde EPA müsste auf mehr als ein Viertel ihres Haushaltes verzichten. Die Forschung zum Klimawandel würde nahezu eingestellt. Das Energieministerium, der größte Arbeitgeber für Wissenschaftler und Ingenieure in den USA, soll fast 20 Prozent einsparen. Unzählige Programme zur Energieeffizienz und erneuerbaren Energien stehen vor dem Aus. Der zuständige Umweltminister Scott Pruitt glaubt nicht, dass Menschen oder CO2 Einfluss auf den Klimawandel hätten. Ob EPA weiter kritische Daten zum Weltklima veröffentlichen darf, weiß derzeit keiner.

Dasselbe droht auch dem medizinischen Bereich. Vor allem teure und aufwendige Grundlagenforschung findet in staatlich geförderten Laboren statt. Nun sollen die "National Institutes of Health" auf sechs Milliarden Dollar (18 Prozent des bisherigen Etats) verzichten. Unter dem Dach der NIH wurden in den vergangenen Jahren zahlreiche Medikamente und neue Impfstoffe entwickelt. Außerdem vergibt die Behörde jährlich etwa 50.000 Forschungsstipendien an mehr als 2.500 Universitäten und Institute. Gretchen Goldman kann ihre Wut kaum verbergen, sie sagt: "Solche Kürzungen hätten schlimme Folgen, wir würden Jahre im Kampf gegen Krebs, Alzheimer oder Diabetes verlieren."

Top-Forscher könnten USA künftig meiden

Großen Schaden könnte auch Trumps Politik nach dem Motto "Amerika zuerst" anrichten. Zwar wurde der sogenannte "Muslimenbann" - das Einreiseverbots für Bürger aus sieben muslimischen Ländern - von Gerichten gestoppt. Aber im Hintergrund verschärfte die Regierung die Visa-Regeln für Hochqualifizierte aus allen Ländern der Welt längst dramatisch. "Ein verheerendes Signal", so Gretchen Goldman. Welche weiteren Schritte Trump und seine Leute planen ist unklar.

"Welche Top-Forscher wollen denn noch in die USA ziehen, wenn sie nicht wissen, wie sich hier die Bedingungen ändern?", sagt Umweltforscherin Goldman. Amerika war bislang in der Wissenschaft so erfolgreich, weil sie den Luxus hatten, unter den besten Bewerbern aus aller Welt auswählen zu können. Mit Trump an der Macht spricht man in Washington schon von der "verlorenen Generation".

Auch beim Milliardengeschäft Stammzellenforschung drohen die USA zu verlieren. Sie gilt als Hoffnungsträger im Kampf gegen Herz-Krankheiten und Störungen des Immunsystems. Aber gleichzeitig ist sie ein religiös aufgeladenes Thema. Da Teile der Forschung an embryonalen Stammzellen vorgenommen werden, sind die Verfahren ethisch umstritten. Es geht dabei um nicht weniger als die Frage: Wann beginnt Leben?

Der gläubige George W. Bush hatte sie nahezu verboten. Unter Barack Obama war wieder mehr erlaubt. Nun also der Rückschritt? Trump gilt nicht als sonderlich christlich, aber die mit ihm regieren, sind es. "Wir werden große Einschränkungen erleben", ist sich Gretchen Goldman sicher. Sollte es zu neuen Verboten kommen, würde das führende Wissenschaftler aus den USA in Länder wie China oder Singapur treiben. Dort sind die Arbeitsbedingungen besser, weil es kaum Ethikstandards gibt.

Von Robert Cook-Deegans Kaffeebecher sind nur noch Fetzen übrig. Nachdenklich sagt er: "Wir sind auf dem Weg zurück ins Mittelalter. Religion ist heute wichtiger als wissenschaftliche Fakten." Wie es so weit kommen konnte? Wieder denkt er lange nach. Er kräuselt die Stirn und meint dann: "Wir saßen zu lange in unserem intellektuellen Elfenbeinturm, haben unser Wissen zu wenig erklärt und anderen die Deutungshoheit überlassen." Wissenschaftler in den USA waren in den letzten Jahrzehnten hauptsächlich Entdecker, Politik wurde von anderen gemacht. Im Kongress zum Beispiel sitzen derzeit nur sechs Wissenschaftler. Die Mehrheit der 535 Volksvertreter sind Rechtsanwälte.

Trump zu stoppen wurde so zur Herkulesaufgabe. Es ist ein weiter Weg, und der "March for Science" nur ein erster Schritt. Denn es geht vor allem um Ansehen und Respekt in der Bevölkerung, verlorenes Vertrauen muss zurück gewonnen werden. Viele bereiten sich auf harte Jahre vor. Zahlreiche Wissenschaftler planen, sich um politische Ämter zu bewerben. In Washington werden schon Kurse angeboten, die erklären, wie man eine Kampagne finanziert und gestaltet.

Robert Cook-Deegan will spontan entscheiden, ob er demonstrieren geht. Wie es für ihn als Forscher weiter geht, weiß er noch nicht. "Ich versuche keine Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen", so sein Plan. Seine Tochter ist ebenfalls Wissenschaftlerin. Sie bewirbt sich gerade im Ausland. "Sie hofft, ab Herbst in Deutschland arbeiten zu können", sagt Cook-Deegan.


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