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Medizin: Die Angst vor dem "Superbug"

In den USA sterben gesunde, junge Menschen qualvoll an MRSA. Die aggressiven Krankenhauskeime, die mit herkömmlichen Antibiotika nicht mehr bekämpft werden können, scheinen plötzlich überall zu sein.

Von Jan Christoph Wiechmann

Für einen kurzen Moment überlegt Edward Lovern, ob er die Hand des Reporters schütteln soll. Ob er die Türklinke des Cafés drücken soll. Ob er die Teetasse berühren, das Wechselgeld anfassen, diesen voll besetzten Saal im Süden Virginias überhaupt betreten soll. Ob in diesem Café nicht jene Bakterien lauern, die seine Region verängstigen, die die Abendnachrichten dominieren. Die seinen Sohn getötet haben.

Edward Lovern schüttelt die Hand. Er packt entschlossen zu. "Was soll's?", sagt er. Was könne ihn noch treffen? Er hat seinen 15-jährigen Jungen verloren, Jon F. Edward, sein einziges Kind. Er sah ihn innerhalb von einer Woche zerfallen wie ein verrottendes Stück Obst. Er sah die verquollenen Augen und den Schaum vor seinem Mund und das dunkle Blut, das Jon spuckte - nur eine Ursache sah er nicht.

Auch die Ärzte in der Kreisstadt Roanoke erkannten die Ursache lange nicht. Das wurde Jon zum Verhängnis. Die Ärzte diagnostizierten zunächst eine allergische Reaktion und dann eine Grippe, und als sie nach vier Wochen endlich die wahre Ursache herausfanden, war es zu spät. Jon starb an den Folgen von MRSA (Methicillinresistenter Staphylococcus aureus), einer Infektion mit gegen Antibiotika resistenten Bakterien, so steht es auf Totenschein Nr. 203 des Universitätskrankenhauses Virginia vom 7. März 2007.

MRSA wird durch Körperkontakt übertragen

Lovern hält den Totenschein seines Sohnes zitternd in der Hand - "Jon Foster Edward Lovern, geboren am 13.1.1992, Rasse: weiß, Todeszeit: 7.46 p. m." Er trägt die Basketballschuhe seines Jungen und dessen Baseballkappe, und wenn er von ihm spricht, stehen ihm Tränen in den Augen. Er erzählt aus Tagen, als Jon ein glücklicher Junge war, "1,80 Meter groß, stark wie ein Ochse", als er aushalf im Waisenheim, bei autistischen Kindern, Football und Basketball spielte. Basketball - da hält Lovern inne. Das war es wohl. "Jon spielte Basketball im YMCA, wahrscheinlich hat er die Keime von einem anderen Spieler bekommen", sagt er. "Oder vielleicht doch in der Kirche? Oder im Waisenheim? Es gibt so viele Möglichkeiten, die Suche danach macht mich verrückt."

Irgendwann im Februar müssen die Bakterien in Jons Körper gelangt sein. Sie verursachten Schwellungen und Infektionen, hohes Fieber und Apathie, sie befielen seine Lunge und innere Organe. MRSA wird durch Körperkontakt übertragen. In den meisten Fällen ist das Bakterium harmlos, es befindet sich auf der Haut und in den Nasenhöhlen vieler Menschen, ohne je Schaden anzurichten. Gerät es jedoch über offene Wunden ins Blut, kann MRSA Hautinfektionen auslösen und in schlimmen Fällen innere Organe befallen. Bis vor Kurzem galten ausschließlich Krankenhäuser und Altenheime als Gefahrenzonen, doch nun beobachten amerikanische Ärzte und Wissenschaftler zunehmend Übertragungen in Umkleidekabinen, in Schulen, Kindergärten, Gefängnissen, überall dort, wo Menschen auf engem Raum zusammen sind. Laut einer Untersuchung der nationalen Centers for Disease Control and Prevention in Atlanta sterben jährlich fast 19 000 Amerikaner an MRSA-Infektionen.

In Deutschland fehlen verwertbare Zahlen über MRSA-Infektionen oder gar -Todesfälle. Es gibt keine Meldepflicht. "Amerikanische Verhältnisse werden wir aber wohl nicht bekommen", sagt Alexander Friedrich vom Institut für Hygiene der Uniklinik Münster, der im Rahmen einer Studie 3000 MRSA-Proben untersucht hat. Er schätzt, dass in Deutschland rund 2,5 Prozent der Infektionen auf sogenannte cMRSA-Stämme zurückgehen, eben jene Variante, die so agressiv ist, dass sie auch jungen, gesunden Menschen zum Verhängnis werden kann. "In den USA liegt der Anteil inzwischen bei bis zu erschreckenden 70 Prozent."

Brutstätte der tödlichen Infektionen

Nach Jons Tod informierte Lovern das Gesundheitsamt, doch die Reaktion war eine ihm unerklärliche Gleichgültigkeit. Auch Jons Highschool in Roanoke warnte er vor Ansteckungen, aber auch die hielt sich zurück. Da beschloss er, seinen Nachbarn davon zu erzählen, Freunden und Medien, die Welt zu warnen vor den "Killerbakterien", wie er sie nennt. "Sie sind überall, und alle wissen es inzwischen", sagt er. "Ich bin selbst Hausmeister in Schulen und Krankenhäusern, ich beobachte doch, dass keiner die Hygienevorschriften einhält. Krankenschwestern sagen mir, das Ausmaß sei ihnen bekannt, aber der Staat wolle keine Panik." Lovern krempelt seine Hose hoch und zeigt ein geschwollenes, mit großen offenen Wunden überzogenes Bein. "Hier, das habe ich mir im Krankenhaus geholt. Gerade noch rechtzeitig entdeckt und behandelt."

Jons Tod blieb eine Randnotiz, doch dann starb im benachbarten Bedford ein weiterer gesunder Junge an den Folgen von MRSA, Ashton Bonds, 17 Jahre, Footballspieler. Sechs weitere Jugendliche an Bonds Schule und an Schulen in der Nähe infizierten sich mit MRSA, die Schüler forderten die Schließung, Säuberungskommandos rollten an und desinfizierten 21 Schulen im Landkreis. Virginias Gouverneur Tim Kaine berief eine Notsitzung ein und forderte eine Meldepflicht. Weitere Todesfälle in Mississippi, New York, Louisiana wurden bekannt, die Opfer waren Schüler, meist Athleten, alle gesund. Im Februar starb ein 15-jähriger Privatschüler in Texas, im März ein 32-jähriger Bodybuilder in Washington. Sie steckten sich an beim Football, Basketball, im Fitnesscenter, an unbekannten Orten.

Seitdem schliessen Schulen im ganzen Land kurzzeitig und schicken Reinigungstrupps durch Klassenzimmer, die Verbraucherschutzvereinigung Consumer Union bezeichnet Krankenhäuser als "Ground Zero", als Brutstätte der tödlichen Infektionen, auf den "Message-Boards" im Internet finden sich Hilferufe wie dieser: "Ich glaube, ich habe MRSA, ich muss wissen, wie MRSA auf der Haut aussieht!!! Sofort!!! Ich bin erst 12!!! Ich kann jetzt nicht sterben!!!"

Hygienemaßnahmen

Die Lage erinnert ein wenig an Science- Fiction-Stoffe: der unsichtbare Angriff der Killerkeime. Der Tod, der durch die Luft kommt. In den Medien hat MRSA den passenden Beinamen bekommen: "The Fatal Superbug", die Mörderbazille. "Die Reaktion ist leicht hysterisch", gesteht Jody Hershey, Direktor des Gesundheitsamtes für Südwest-Virginia.

Hershey sitzt angespannt in seinem Büro in der Kleinstadt Christiansburg und hat eine druckfrische Infomappe mitgebracht. Titel: "Gouverneur Kaine stimmt Notfallgesetzen zu MRSA zu." Ab sofort muss Hershey jeden Fall in die Hauptstadt Richmond melden, das könnten Hunderte werden in den nächsten Monaten. Die vergangenen Monate seien die Hölle gewesen, sagt er, "a perfect storm". Medien aus ganz Amerika haben sich auf seine ländliche Region gestürzt. Eltern verlangten die Schließung von Schulen, und als diese nicht schlossen, forderten sie Hersheys Absetzung. "Wir warnen vor einer Panik", sagt er. "Menschen trauen sich ja schon nicht mehr auf die Straße und zum Sport. Das ist völlig unsinnig. Wir erinnern sie an Hygienemaßnahmen: Wascht die Hände, teilt keine Handtücher, bedeckt Wunden, reinigt Fitnessgeräte. Und zwingt Ärzte nicht bei jeder Kleinigkeit, Antibiotika zu verschreiben. Dieser übermäßige Gebrauch macht die Bakterien erst resistent."

Zum ersten Mal wurde MRSA 1968 diagnostiziert, zwischen 1974 und 2006 stieg der Anteil an allen in Krankenhäusern übertragenen Staphylokokken-Infektionen von 2 auf 63 Prozent. Wirkte in den 40er Jahren Penicillin noch in 99 Prozent aller bakteriellen Infektionen, so ist der Wert bis heute auf unter fünf Prozent gesunken. Die Organismen haben sich angepasst und genetisch verändert und finden durch die Vielzahl von Operationen schneller Zugang in den menschlichen Körper. Da die Pharmaindustrie immer weniger Geld in die Entwicklung neuer Antibiotika steckt, sagen Forscher eine Verschlimmerung der Lage voraus, doch schon das bisherige Ausmaß hat sie überrascht. Nun beschäftigt sich auch der US-Kongress mit dem Thema, die ersten Bundesstaaten haben Gesetze erlassen, die MRSA-Tests bei der Patientenaufnahme in Krankenhäusern zur Pflicht machen.

Von einer Epidemie könne keine Rede sein

Als Dr. Monina Klemens im Spätherbst 2007 die erste umfassende MRSA-Studie veröffentlichte, löste sie in den USA ein kleines Erdbeben aus. Die Epidemiologin der Centers for Disease Control and Prevention untersuchte die Ausbreitung von MRSA in Ballungszentren und stellte fest, dass 18 650 Amerikaner im Jahr 2005 an den Folgen der Krankheit starben, mehr als an Aids (16.000), jedoch weniger als an der Grippe (36.000). Seitdem steht ihr Telefon nicht mehr still, Fernsehsender strahlen Sondersendungen aus, doch sie hält die Panik für unangebracht. Schon der Name "Superbug" sei falsch, denn noch immer gäbe es einige wirksame Antibiotika gegen die verschiedenen MRSA-Stämme.

Die meisten Menschen, fand sie heraus, infizieren sich in Krankenhäusern, lediglich 14 Prozent außerhalb, und von einer Epidemie könne keine Rede sein. Anfällig seien besonders alte Menschen, höher sei die MRSA-Rate auch unter Schwarzen und Ausdauersportlern, deren Immunsystem unmittelbar nach dem Sport dem eines alten Menschen entspräche.

Einige Sportteams haben inzwischen einen radikalen Maßnahmenkatalog beschlossen: Sie duschen vor dem Betreten der Umkleidekabinen, waschen ihre Wäsche bei mehr als 60 Grad, benutzen nur eigene Seife, desinfizieren die Räume nach Benutzung und behandeln Wunden in separaten Zimmern.

In Maryland, wo sich sieben Spieler eines Footballteams mit MRSA infizierten, griff eine Ärztin zu ganz neuen Methoden. Sie erschien in der Umkleidekabine mit einem Baseballschläger und drohte: "Wenn ihr eure Hände und die Ausrüstung nicht wascht, wenn ihr weiterhin Handtücher und Klamotten teilt, werde ich den Schläger hier benutzen."

Mitarbeit: Nicole Simon / print

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