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Mehr als eine Million Mikroplastik-Teile Forscher zeigen, warum Babyflaschen aus Plastik keine gute Wahl sind

Mikroplastik in Babyflaschen
Durch große Hitze, etwa durch das Sterilisieren, werden aus Plastik-Babyflaschen besonders viele Partikel gelöst
© FamVeld / Getty Images
Wie stark löst sich Mikroplastik aus Babyflaschen? Forscher haben das nun untersucht – die Ergebnisse sind alarmierend. Die gute Nachricht ist: Es gibt eine Alternative.

Ob in der Luft, im Staub oder in Nahrungsketten: In der Umwelt ist Mikroplastik längst allgegenwärtig. Schätzungen zufolge nehmen Erwachsene am Tag mehrere Hundert dieser Partikel auf. Eine Quelle sind kontaminierte Lebensmittel. So wies eine Studie jüngst nach, dass Fische wie Sardinen stark belastet sein können. Auch in menschlichen Stuhl wurden die winzigen Plastik-Bruchstücke bereits nachgewiesen. Als Mikroplastik gelten Partikel, die kleiner als fünf Millimeter sind. Mit bloßem Auge sind sie oft nicht zu erkennen.

Unter anderem beeinflusst die Zubereitung von Lebensmitteln, wie stark sie mit Mikroplastik belastet sind. Forscher haben das nun für Formula-Milch und Trinkfläschchen aus Plastik untersucht – mit alarmierenden Ergebnissen. Demnach nehmen Säuglinge während der ersten zwölf Lebensmonate im Schnitt 1,6 Millionen Mikroplastikpartikel pro Tag auf, wenn sie mit Fläschchen auf Polypropylenbasis gefüttert werden. Der Kunststoff Polypropylen (PP) gilt als vergleichsweise hitzebeständig. Laut Verbraucherzentrale enthält er zudem keine Weichmacher. Er kommt deshalb vor allem bei Produkten mit Lebensmittelkontakt zum Einsatz.

Die Forscher aus Irland untersuchten, wie viele Plastikpartikel sich aus den Fläschchen lösen und in den Inhalt übergehen. Dafür nutzten sie eine Zubereitungstechnik, die auch von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfohlen wird. Zuerst wuschen sie die neuen Fläschchen gründlich aus, sterilisierten sie mit kochend heißem Wasser und gaben 70 Grad warmes Wasser hinzu, wie es auch zur Zubereitung von Formula-Milch verwendet wird. Im Anschluss schüttelten sie die Fläschchen für die Dauer von 60 Sekunden und untersuchten die Flüssigkeit im Anschluss auf die Menge des enthaltenen Mikroplastiks

Auf Grundlage dieser Ergebnisse errechneten sie im Anschluss die potenzielle globale Exposition für Säuglinge. Dabei berücksichtigen sie unter anderem die Menge der verzehrten Milch, die Stillrate und unterschieden auch nach einzelnen Regionen. Säuglinge in Nord-Amerika und Europa sind demnach besonders hohen Werten von Mikroplastik durch die Fläschchen ausgesetzt – zwischen 2,3 und 2,6 Millionen Partikel am Tag. Erwachsene nehmen dagegen schätzungsweise rund 600 Mikroplastik-Partikel am Tag auf.

Hanns Moshammer, Umwelthygieniker an der Medizinischen Universität Wien, zeigte sich überrascht über die hohe Anzahl an Teilchen. "Damit habe ich nicht gerechnet", so der Experte. Grundsätzlich sei bekannt, dass Kunststoffe unter dem Einfluss von Hitze oder Säure "diverse Stoffe" abgeben, darunter Monomere und chemische Additive, so Moshammer. Die Anforderungen für Babyflaschen in Europa seien diesbezüglich sehr streng. Mikroplastik sei aber noch nicht routinemäßig überprüft worden. 

Welche Alternativen gibt es?

In der Studie zeigte sich, dass die Sterilisierung bei hohen Temperaturen die Menge des freigesetzten Mikroplastiks erhöhte. Die Temperatur zu senken ist laut Moshammer aber keine gute Lösung: "Ich bevorzuge trotzdem weiterhin hygienisch (mikrobiologisch) saubere Babyflaschen." Eine Alternative zu Polypropylenflaschen können demnach Fläschchen aus Glas sein. "Die meisten Gläser geben keine Schadstoffe ab", so der Experte.

Unklar ist, ob und wie schädlich das Mikroplastik für Säuglinge ist. Auch für Erwachsene gibt es hierzu keine belastbaren Studien. "Zu gesundheitlichen Folgen der oralen Aufnahme von Mikroplastik beim Menschen liegen bislang keine Daten vor", kommentiert ein Wissenschaftler des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) die aktuelle Studie. Auf Basis vorläufiger Studien, darunter Tierstudien, sei aber "nicht davon auszugehen, dass von Mikroplastikpartikeln in Lebensmitteln gesundheitliche Risiken für den Menschen ausgehen". Eine abschließende Risikobewertung sei aber mit Blick auf die "mangelhafte Datenlage" nicht möglich.

"Wahrscheinlich gibt es eine Korngröße, bei der die Resorption von Mikroplastik aus dem Darm relevant beziehungsweise möglich ist. Und wahrscheinlich ist die Darmbarriere bei Kleinkindern noch nicht so gut ausgebildet wie bei Erwachsenen. Und eventuell gibt es Krankheiten, die mit Barrierestörungen einhergehen", sagt Experte Moshammer. Mit Blick auf die vielen offenen Fragen betont er: "Da besteht schon noch Forschungsbedarf." Bei einem gesunden Säugling würde er nach derzeitigem Wissensstand allerdings nicht "von einer besonders relevanten Aufnahme" ausgehen. "Trotzdem: Die Mutterbrust ist immer noch die beste Wahl!"

Auch in weiteren Lebensbereichen spielt die Wechselwirkung zwischen Plastik und Hitze eine Rolle. "Andere Beispiele sind Teebeutel, welche während des Brühprozesses sehr hohe Partikelmengen freigeben können oder auch Wasserkessel", sagt Eleonore Fröhlich von der Medizinischen Universität Graz. Die Studienergebnisse seien daher "nicht völlig unerwartet."

Dem pflichtet auch Experte Moshammer bei: "Polypropylen-Flaschen sind sicher nicht unser einziges Problem. Wir sollten uns dennoch genauer anschauen, was das bedeutet."

Quelle: Nature Food / Zitate lt. Science Media Center


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