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Tauschbörse für Organe: Biete Niere, suche Niere

Tauschbörsen sind en vogue. Manche tauschen Sammelbildchen, andere Kleidung. Der Wirtschaftsnobelpreisträger Alvin Roth hat ein System entwickelt, um Organe zu tauschen. Wer könnte davon profitieren?

Die Röntgenaufnahme zeigt Nieren.

Spendernieren sind rar. Lösen Nierentauschringe das Problem?

Herr Roth, wenn Ökonomen Probleme im Gesundheitswesen lösen wollen, klingeln bei vielen die Alarmglocken. Sie wagen sich sogar in die Tabuzone Organspende und entdecken einen neuen Markt. Was um Gottes Willen hat Sie da getrieben?

In der westlichen Welt herrscht ein Mangel an Spenderorganen, allein in den USA warten 100.000 Menschen auf eine Niere. Viele hätten Angehörige, die ihnen gerne eine ihrer beiden Nieren abgeben würden, aber die Organe sind nicht kompatibel. Und wir haben einen Weg gefunden, wie diese Menschen trotzdem transplantiert werden können.

Klingt humanistisch. Aber Ökonomen wollen Geld verdienen, und der Organhandel ist geächtet. Finanziell gesehen uninteressant, oder?

Sie irren sich, Ökonomen sind nicht nur an Geldgeschäften interessiert. Wir haben einen Algorithmus für "Nierentauschringe" entwickelt. Es geht also um einen Austausch von Organen und darum, Leben zu retten. Tauschgeschäfte sind für Wirtschaftswissenschaftler selbstverständlich ein Thema.

Warum haben Sie ausgerechnet Nieren als Modell für die neuen "Matching-Märkte" hergenommen, von denen Sie in Ihrem Buch schreiben?

Am Anfang stand ein Gedankenexperiment zweier Kollegen im Jahr 1974: Wie können Menschen unteilbare Güter tauschen, wenn jeder genau ein Gut benötigt, eines zum Tauschen hat und kein Geld verwenden darf. Sie haben "Häuser" als Güter hergenommen. Aber niemand tauscht Häuser, und so entschied ich: Ok, lass uns statt Häusern Nieren nehmen. Damals aber war es nur ein theoretisches Modell. Viel später, im Jahr 2000, hörte ich vom ersten Nierentausch in den USA...

Wie funktioniert so ein Tausch?

In der einfachsten Form findet er zwischen zwei Patient-Spender-Paaren statt. Stellen Sie sich vor, ich wollte meinem Bruder eine Niere spenden und Sie Ihrem Bruder. Aber die Organe passen nicht, die Körper unserer Brüder würden sie abstoßen. Wenn ich aber meine Niere Ihrem Bruder spenden würde und Sie Ihre meinem, wäre es möglich. Für dieses "Matching" aber braucht es eine Clearingstelle, der viele Patienten ihre Daten und Wünsche anvertrauen. Wir haben interessierte Chirurgen beraten, wie man diese gestalten müsste. Im Jahr 2004 wurde dann das erste von mittlerweile drei Nierentauschnetzwerken gegründet. Bis heute sind so Tausende Patienten zu Spenderorganen gekommen.

In Deutschland erlaubt das Transplantationsgesetz Lebendspenden nur unter nahen Angehörigen...

Ich weiß. In den USA aber darf man sein Organ auch einem Wildfremden geben. Nur Geld darf nicht fließen, Aufwandsentschädigungen sind erlaubt. Es gibt "altruistische Spender", die dafür bereit sind. Manche handeln aus religiösen Motiven, aber immer mehr Interessenten melden sich bei den Transplantationszentren, wenn die Medien über einen großen Erfolg der Nierentauschringe berichten. Dann wird Menschen, die sich das vielleicht schon mal überlegt haben, klar: Ich kann mit meiner Niere nicht nur einem, sondern vielen Menschen helfen...

Wie soll das gehen?

Aus einem "Tauschring" wird dann eine "Tauschkette", an deren Ende ein Empfänger ohne potenziellen Spender stehen kann. Die längste Kette, die so ausgelöst wurde, umfasste 70 Beteiligte. Theoretisch könnte am Anfang der Kette auch ein Verstorbener stehen, aber dann stellen sich komplizierte ethische Fragen. Der Algorithmus müsste die Patienten berücksichtigen, die lange warten oder sehr krank sind.

Die Warteliste also. Stellt die ansonsten für Sie kein ethisches Problem dar? Die Obenstehenden profitieren ja nicht vom Tausch...

Jetzt vermengen Sie zwei Dinge, die nichts miteinander zu tun haben. Die Patienten auf der Warteliste warten auf die Niere eines Verstorbenen. Auf die Niere eines Lebenden aber kann man nicht warten, man braucht einen Lebendspender. Ohne Nierentauschringe gäbe es diese Transplantationen also gar nicht.

Wie verhindern Sie, dass die Ehefrau von Patient A ihr Angebot zurückzieht, sobald ihr Mann die Niere der Ehefrau von Patient B bekommen hat?

Wenn nur wenige Paare beteiligt sind, werden die Transplantationen gleichzeitig ausgeführt. Passieren kann das jedoch bei langen Tauschketten, denn die können nicht gleichzeitig stattfinden. Aber unsere Erfahrungen zeigen, dass das nur in zwei Prozent der Fälle vorgekommen ist. Die Menschen sind weniger egoistisch, als Ökonomen es erwarten.

Würden Sie selbst Ihre Niere einem Fremden spenden?

Ich bin kein Heiliger. Ich bin alt, habe schon viele Operationen und mich immer nur langsam davon erholt. Ja, ich habe darüber nachgedacht, bin aber zum Schluss gekommen, dass ich nur für meine Frau, meine Kinder oder meinen Bruder bereit dazu wäre.

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