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Pferdefleisch-Skandal: Zehntausende Fertiglasagnen aus dem Verkehr gezogen

Wie viel Pferdefleisch ist in Europa in vermeintlicher Rinderlasagne gelandet? Allein die Behörden in Brandenburg haben 26.000 Verpackungen gestoppt. Kaiser's Tengelmann bestätigt Fund in Lasagne.

Die Menge der sichergestellten Packungen mit Tiefkühl-Lasagne unter Pferdefleisch-Verdacht wächst weiter. Allein in Brandenburg blockierten die Behörden rund 26.000 Packungen, weil sie statt des angegebenen Rindfleischs möglicherweise Pferd enthalten. Es seien zuletzt 3440 Produkte hinzugekommen, teilte das Verbraucherschutzministerium in Potsdam mit. Es gebe weiterhin keine Hinweise, dass entsprechende Ware in den Handel gelangt sei. Drei Warenlager waren in Brandenburg nach bisherigen Erkenntnissen über einen Großhändler mit der Lasagne beliefert worden.

Eine weitere deutsche Handelskette hat verdächtige Tiefkühl-Lasagne aus den Regalen genommen. "Wir haben das als Vorsichtsmaßnahme getan", sagte Vorstandschefin Petra Schumann vom Handelsunternehmen Konsum Leipzig und bestätigte einen Bericht der "Leipziger Volkszeitung". Auch die Supermarktketten Real und Edeka haben das Tiefkühlprodukt vorsorglich aus dem Verkauf genommen, nachdem bei Analysen in einzelnen Stichproben unterschiedliche Mengen Pferdefleisch gefunden wurden.

Supermarktkette Kaiser's Tengelmann fest davon aus, dass Tiefkühl-Lasagne der Eigenmarke A&P neben Rindfleisch auch Pferdefleisch enthalten hat. Der Hersteller Comigel aus Frankreich habe seine Kunden am Donnerstag offiziell informiert, dass die von ihm für seine Kunden hergestellten Fertiggerichte "durchgängig Anteile von Pferdefleisch enthalten", erklärte Raimund Luig, Sprecher der Geschäftsführung von Kaiser's Tengelmann, am Freitag am Firmensitz in Mülheim an der Ruhr. Deswegen gehe auch Kaiser's Tengelmann davon aus, dass seine A&P-Lasagne "Pferdefleisch enthalten hat", obwohl das Unternehmen selbst noch nicht über eigene Testergebnisse verfüge, erklärte Luig. Kaiser's Tengelmann wolle "auf jeden Fall Schadensersatzansprüche geltend machen". Das Unternehmen fühle sich vom Lieferanten Comigel "getäuscht und betrogen".

Deutsche Labors beginnen mit Proben

Die Bundesregierung dringt auf eine zügige Aufklärung des Skandals. "Wir brauchen Klarheit, ob der aktuelle Fall nur ein Einzelfall war oder vielleicht sogar die Spitze eines Eisbergs", sagte ein Sprecher des Bundesverbraucherministeriums. Dazu sollten auch die angestrebten Tests in allen EU-Staaten beitragen, mit denen in Deutschland nicht bis zum Stichtag 1. März gewartet werden solle. Die Kontrollen sollten feststellen, "in welchem Land in welcher Stelle der Bruch in der Kette war". Der Sprecher betonte, vorerst gehe es nicht um eine Gesundheitsgefahr.

Der nordrhein-westfälische Verbraucherschutzminister Johannes Remmel sagte, Eigenproben von Lebensmittelfirmen hätten bei den falsch deklarierten Produkten einen Pferdefleisch-Anteil zwischen fünf und 50 Prozent ergeben. Die Untersuchungen seien komplex, da nach Erkenntnissen in Großbritannien die Produkte auch auf mögliche gefährliche Stoffe hin untersucht würden.

Das zuständige Labor in Berlin mit der Analyse erster Proben begonnen. "Die Untersuchung läuft schon", sagte eine Sprecherin vom Landeslabor Berlin/Brandenburg. Bis die Ergebnisse über die Herkunft des Fleisches vorliegen, dauere es zwei bis drei Tage. Bis zum 20. Februar sollen alle Bezirke je zwei Hackfleisch-Proben abliefern. Es kann aus Tiefkühlessen stammen, aber auch von Buletten, Nudelsoße oder Dönern. Supermarktketten in Deutschland hatten in Stichproben Anteile von Pferdefleisch in Tiefkühl-Lasagne gefunden.

Nebenwirkung: Hautausschläge und Asthma

Das in Pferdefleisch entdeckte Medikament Phenylbutazon ist nach Experten-Einschätzung keineswegs harmlos. "Es ist ein stark wirksames Mittel gegen Entzündungen im Körper und keinesfalls total unproblematisch", sagte eine Sprecherin der Arzneimittelkommission Deutscher Apotheker. Als Nebenwirkungen seien schwere allergische Reaktionen - Hautausschläge oder Asthma – oder Blutbildschäden möglich, auch unabhängig von der Dosis.

Der Wirkstoff werde gegen akute Schmerzen eingesetzt, etwa bei Rheuma oder Gichtanfällen, und maximal eine Woche verordnet. Wegen der Nebenwirkungen sei die Verordnung vor rund 20 Jahren eingeschränkt worden, das Mittel werde heute in Deutschland eher selten verschrieben.

Phenylbutazon wird bei Pferden auch als Dopingmittel verwendet. Tests der britischen Lebensmittelaufsicht hatten ergeben, dass Fleisch von acht mit dem Medikament gespritzten Pferden wohl in die Nahrungskette geraten ist. Die britischen Behörden schätzten das Gesundheitsrisiko für Menschen nach eigenen Angaben als gering ein.

Französische Firma weist Vorwürfe zurück

Unterdessen wehrt sich eine französische Firma gegen den Verdacht, ihre Fleischprodukte falsch deklariert zu haben. "Ich weiß nicht, wer hinter all dem steckt, aber ich kann ihnen versichern, wir sind es nicht", sagte der Chef der zu den Hauptverdächtigen zählenden Firma Spanghero, Barthelemy Aguerre, dem Sender Europe 1. Frankreichs Verbraucherschutzminister Benoit Hamon wirft dem Unternehmen vor, wissentlich Pferdefleisch aus Rumänien verarbeitet und als Rindfleisch deklariert zu haben. Der Spanghero-Chef kündigte dagegen an, die Unschuld seiner Firma zu beweisen. "Ich glaube, die Regierung hat vorschnell gehandelt."

Minister Hamon hatte dagegen erklärt, der Firma könne nicht entgangen sein, dass das aus Rumänien importierte Fleisch viel billiger als Rindfleisch gewesen sei. Zudem gebe es keine Hinweise darauf, dass der rumänische Exporteur das Fleisch falsch deklariert habe.

swd/DPA/Reuters / DPA / Reuters

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